Ein Zeitungsartikel, der inspirierte

Udo Engelhardt ist Vorsitzender der Singener Tafel und ein Gründungsmitglied des Vereins. Er ist schon von Anfang an dabei und kann sich noch genau an die Anfangszeiten erinnern. Als er im Herbst 1997 bei einem Arbeitslosenfrühstück der Arbeiterwohlfahrt AWO mitwirkte, gab ein Besucher des Frühstücks den entscheidenden Anstoß zur Errichtung einer Singener Tafel. Der Besucher brachte einen Zeitungsartikel über die bereits existierende Tafel in Stuttgart mit. Dadurch wurde das Interesse von Udo Engelhardt und seinen Kollegen geweckt, woraufhin sie wenig später einen Ausflug zur Tafel nach Stuttgart unternahmen. „Nach dem Besuch war klar: Sowas muss nach Singen. Das gehört genau hier hin“, erzählt er. Und die Idee einer eigenen Tafel verfestigte sich schnell: Im Jahr 1998 wurde eine öffentliche Gründungsinitiative gestartet, die auf viel Zuspruch stoß. Knapp ein Jahr später, am 5. Januar 1999 wurde dann die „Singener Tafel e.V.“, als erste Tafel im Landkreis Konstanz, gegründet.

2,50 DM kostete ein warmes Essen

An fünf Tagen in der Woche gibt es für Tafelmitglieder in Singen die Möglichkeit, mittags warm zu essen. Die Idee des warmen Mittagstisches stammt von der Caritas aus Konstanz und wurde in Singen übernommen. Der Mittagstisch in der Tafel ist einzigartig in ganz Baden-Württemberg. Dafür habe zunächst jedoch ein Netzwerk aufgebaut werden müssen, erläutert Udo Engelhardt. Die Gemeindesäle von Singener Kirchen konnten anfangs für den Mittagstisch genutzt werden. Am 3. März 1999 fand der erste warme Mittagstisch statt. Damals kostete eine warme Mahlzeit 2,50 DM.

Heute kostet der Mittagstisch zwei Euro – und wird rege genutzt

Heute gehen rund 50 warme Speisen pro Tag über die Theke des Tafelrestaurants. Für zwei Euro bekommen die Gäste heute eine Vorspeise, ein warmes Hauptgericht und ein Dessert inklusive einem Getränk. Neben einem Ort zum Essen sei der warme Mittagstisch vor allem ein Ort der Begegnung geworden: „Es haben sich Tischgemeinschaften, sowie auch Freundschaften gebildet, die sich in der Tafel verabreden“, berichtet Udo Engelhardt. Man gebe sich gegenseitig Tipps und tausche sich aus.

Das könnte Sie auch interessieren

Erster Tafelladen in der Ekkehardstraße 78

Im November 1999 wurde der erste Tafelladen in der Ekkehardstraße 78 in Singen unter der Leitung von Sylvia Betz eröffnet. „Man wollte beides machen, Laden und Mittagstisch„, so Engelhardt. Tonnenweise Nahrungsmittel, die man eigentlich noch sorgenfrei verzehren könnte, werden täglich in Lebensmittelgeschäften weggeworfen. Der Grund für den Wegwurf seien oft nur kleinere Schönheitsmakel, wie ein Fehlaufdruck auf der Verpackung oder ein abgelaufenes Mindesthaltbarkeitsdatum. Zum Essen seien viele Lebensmittel noch einwandfrei geeignet, erklärt Engelhardt. Die Tafel wirkt der Wegwerfkultur entgegen und gibt die geretteten Lebensmittel an Menschen weiter, denen es an nötigem Essen fehlt.

15.000 Euro für Umzug

Der Andrang auf das immer größer werdende Projekt verstärkte sich – bald reichte der Platz nicht mehr aus und es musste wenige Jahre später umgezogen werden. Im Jahr 2004 hat sich dafür das AwoCaDos, das Café der AWO auf dem Heinrich-Weber-Platz, direkt neben dem Geschäftsgebäude, angeboten. Durch den Umzug konnten die beiden Standbeine der Tafel: der Mittagstisch im eigenen Tafelrestaurant und der Tafelladen im Raum nebenan, verbunden werden. Restaurant und Laden wurden seither nicht mehr getrennt. Bewusst habe man den Standort inmitten der Singener Stadt gewählt, erklärt Engelhardt. Der Arme-Leute-Charakter, den Tafeln in der Gesellschaft mit sich tragen, sollte dadurch verschwinden. Denn: „Die Tafeln sind keinesfalls ein Armutsindikator“, betont er, auch wenn der Eintritt oft mit viel Scham verbunden sei.

Standort am Heinrich-Weber-Platz hat sich bewährt

Man wollte es damals so schön wie möglich machen – deshalb auch die Errichtung des Außenbereichs. Tafeleinrichtungen bedeuten nicht nur Verzehr, sondern auch Aufenthalt und Kommunikation. In Zukunft soll die Tafel am Heinrich-Weber-Platz beibehalten werden. Der Standort habe sich über die Jahre bewährt und besonders die Verbindung zur AWO sei wichtig: Bei der Arbeiterwohlfahrt können die Auslöser der Armut der einzelnen Personen aufgearbeitet werden und langfristig ein Weg zur Besserung erarbeitet werden. Der Heinrich-Weber-Platz entwickelte sich über die Jahre zum sozialen Zentrum und Platz der Kulturen in Singen. „Hier sind alle willkommen“, betont der Tafelvorsitzende. Die Tafel am Heinrich-Weber-Platz kann heute täglich bis zu 200 Kunden versorgen.

Das könnte Sie auch interessieren

620 Quadratmeter Platz im Lagerraum

80 bis 90 Prozent aller Lebensmittelbetriebe sowie Bäcker- und Metzgereien im Kreis Konstanz unterstützen die Tafel in Singen. „Da kommen Paletten voll mit Lebensmitteln“, schildert Engelhardt. Um gespendete Lebensmittel nicht ablehnen zu müssen, wurde 2018 ein neuer Lagerraum mit einer Fläche von 620 Quadratmetern, in Worblingen angemietet. Das Ziel sei es, Lebensmittel in jeder Menge und Form annehmen zu können. Deshalb müssen auch Utensilien in den Räumen vorhanden sein, um die gespendeten Lebensmittel verkaufsgerecht aufbereiten zu können.

Singen als Vorreiter

Nach der Gründung der Singener Tafel wollte man das Konzept auf andere Orte der Region ausweiten. Die Singener Tafel galt hierbei als Vorreiter für die vier Tafeln in Konstanz, Stockach, Engen und Radolfzell. Aus den fünf Tafeln entstand der Tafelverbund im Kreis Konstanz. Vorsitzender Udo Engelhardt erkenne rückblickend viele Vorteile, die ein solcher Vorstandsverbund mit sich zieht: „Lebensmittel werden gerecht aufgeteilt und auch Fahrzeuge und Kühlräume teilt man gemeinsam – so wird einiges an Kosten eingespart.“

Das könnte Sie auch interessieren