Es passiert zwischen Friedingen und Steißlingen. Benjamin Anhorn joggt nichts ahnend seine übliche Trainingsrunde, als ihn plötzlich ein Mäusebussard angreift. Ohne es zu merken ist der Langstreckenläufer offenbar in das Revier des Greifvogels eingedrungen – das versucht das Tier nun zu verteidigen. Nicht gerade eine Begegnung, die man sich als Läufer wünscht. Aber Anhorn hat Glück und kommt mit dem Schrecken davon. Er ist ohnehin einiges gewohnt. Auch von einem Hund sei er beim Training schon einmal gebissen worden, erzählt der Singener und scherzt: "Ich war wohl einfach nicht schnell genug." Zwei Erlebnisse, die Benjamin Anhorn zwar im Gedächtnis geblieben sind, seiner Begeisterung für den Laufsport aber nichts anhaben konnten. In den vergangenen eineinhalb Monaten brachte er es pro Woche auf stolze 50 bis 55 Kilometer. Er schwitzte bei Temperaturen jenseits der 30 Grad und nahm Muskelkater und schmerzende Füße gern in Kauf, denn er trainierte für sein großes Ziel – die Teilnahme am Berlin-Marathon. Für Anhorn in doppelter Hinsicht eine Premiere: Es ist nicht nur sein erster offizieller Wettkampf über 42,195 Kilometer, sondern auch der erste Lauf außerhalb seiner Heimatregion.

Wie man sich auf so ein sportliches Abenteuer vorbereitet, zeigt Benjamin Anhorn im Internet. Auf seinem Profil beim Online-Bilderdienst Instagram teilt er Fotos von seinen Trainings-Einheiten mit über 2300 Abonnenten. Ob er Hunderte Treppenstufen erklimmt, durch die Singener Abendsonne flitzt oder sich nach einem 35-Kilometer-Lauf in der Aach abkühlt – die Kamera ist dabei und hält seine Fortschritte für seine Fans im Netz fest. Dabei unterscheidet er sich von vielen anderen Fitness-Bloggern, die auf ihren Fotos gern die Muskeln spielen lassen und immer neuen Rekorden hinterherhechten. Benjamin Anhorn ist sportlich – aber kein Muskelprotz. Er ist ehrgeizig – aber nicht verbissen. Was also bringt den 30-Jährigen, der in der analogen Welt einen eher schüchternen Eindruck macht, dazu, seinen Sport öffentlich zu zelebrieren? "Anfangs war das Posten auf Instagram eine Kontrolle für mich selbst", erklärt Anhorn, denn das habe ihn dazu gebracht, regelmäßig zu trainieren. "Die anderen sollten ja sehen, dass ich noch laufe", sagt er und grinst. Mittlerweile sei daraus ein Hobby geworden und eine Möglichkeit, sich mit anderen Sportlern auszutauschen.

Zwischen 50 und 55 Kilometer lief Benjamin Anhorn während der Zeit vor seinem ersten Marathon. Seine Trainingsrunden führten ihn durch den ganzen Hegau.
Zwischen 50 und 55 Kilometer lief Benjamin Anhorn während der Zeit vor seinem ersten Marathon. Seine Trainingsrunden führten ihn durch den ganzen Hegau. | Bild: Benjamin Anhorn

Alles begann mit der Bundeswehr

Sportlich war Benjamin Anhorn schon immer. Als Kind war er Mitglied im Turnverein und spielte Fußball. Zum Langstreckenlauf ist er aber erst viel später gekommen. "Angefangen habe ich, bevor ich zur Bundeswehr kam", erinnert er sich und erzählt, er habe die Sorge gehabt, sonst nicht mithalten zu können. "Ich wollte nicht immer der Letzte sein, den die anderen mitschleppen müssen." Auch nach seiner Bundeswehrzeit hängte Anhorn seine Laufschuhe nicht an den Nagel, sondern trainierte weiter. Wann immer er Zeit und Lust hatte, lief er kreuz und quer durch den Hegau. Daran, dass er einmal zusammen mit über 44 000 anderen Laufbegeisterten an einer der renommiertesten Marathon-Veranstaltungen der Welt teilnehmen wird, dachte er damals aber noch nicht. Anfangs, als er gerade einmal rund drei Kilometer am Stück schaffte, habe er noch keine großen Ambitionen gehabt, sagt er und fügt hinzu: "Aber jeder Läufer fängt mal klein an." Für Einsteiger hat er deshalb einen wichtigen Tipp: "Man sollte es nicht sofort übertreiben, sondern sich kontinuierlich steigern. Wenn man zwischendurch mal ein Stück gehen muss, ist das besser, als sich selbst zu überfordern."

Mittlerweile kann Benjamin Anhorn schon auf einige Erfolge zurückblicken. Beim Singener Stadtlauf legte er in diesem Jahr 26,4 Kilometer in zwei Stunden, 25 Minuten und 57 Sekunden zurück und belegte damit den zwölften Platz. Am anstrengendsten hat er allerdings den Schienerberglauf in Erinnerung. Bei dem 20-Kilometer-Lauf, bei dem es etwa 445 Höhenmeter zu überwinden gibt, wurde er in der Klasse der 20- bis 34-Jährigen Fünfter. Und wer so intensiv trainiert wie Anhorn in den vergangenen Wochen, läuft sicherlich bald allen davon – auch den Hunden im Singener Stadtgarten.