Frau Homburger, Ihnen geht es gut?

Sehr gut!

Auch beruflich?

Ja. Nach dem Scheitern der FDP bei der Bundestagswahl 2013 und 23 Jahren als Mitglied des Bundestags musste ich mich zwar erst einmal neu orientieren. Aber ich war im idealen Alter und habe tolle neue Herausforderungen gefunden. So leite ich einerseits das Hauptstadtbüro des Deutschen Aktieninstituts, bin für ein großes internationales Personalberatungsunternehmen tätig und im Beirat eines kanadischen Unternehmens.

Wie beurteilen Sie heute das Scheitern der Liberalen bei der Wahl 2013?

So wie damals. Die FDP war selber schuld. Wir hatten zu viele Fehler gemacht und haben nicht im Team gespielt. Das war mir auch ohne Umfragen klar, da musste ich nur in meiner Heimatgemeinde Hilzingen mit den Leuten reden. Nie werde ich den krassen, aber aus meiner Sicht treffenden Satz vergessen: „So wie ihr miteinander umgeht, kann man Euch nicht das Land anvertrauen.“ Die Leute wollen inhaltliche Klarheit und können Diskussionen in der Sache ab. Sie mögen aber keine Streitereien, bei denen es auf Dauer immer nur um persönliche Auseinandersetzungen und Profilierung einzelner Personen geht.

So wie jetzt bei der CDU und SPD?

Vieles von dem, was gerade bei den beiden Parteien abläuft, erinnert mich an die frühere FDP. Das Theater zwischen Breymeier, Castellucci und Stoch bei der SPD Baden-Württemberg um den Landesvorsitz. Der Streit letzten Sommer zwischen CDU und CSU. Der aktuelle Streit zwischen Söder und Seehofer über einen Neuanfang der Schwesterparteien in Berlin. Das Nachkarten von Merz-Unterstützern im Nachgang zur Wahl von Annegret Kramp-Karrenbauer...

Welchen Anteil haben daran die Medien? Jens Spahn beispielsweise hat beim Tengener Schätzelemarkt durchaus brisante Themen zur Sprache gebracht, aber irgendwie geht’s letztlich doch immer nur um das politische Personalkarussell...

…das von den Medien gerne angeheizt wird. Am Ende geht es darum, dass Artikel gelesen werden. Also versuchen Sie, das rauszugreifen, was die Menschen interessiert. Und das sind halt leider oft nicht die Inhalte, sondern Personen, die Art und Weise des Auftritts. Stil und Anstand sind aus meiner Sicht auch immer noch relevante Kategorien.

Was meinen Sie damit?

Angela Merkel hat angekündigt, dass ihre politische Karriere nach der nächsten Wahl zu Ende sein wird. Sie hat im vergangenen Jahr stark polarisiert, aber sie genießt auch viel Vertrauen bei den Bürgern. Ich höre oft, dass die Menschen es nicht in Ordnung finden, wenn immer noch bei jeder sich bietenden Gelegenheit nachgetreten und der sofortige Abgang auch als Kanzlerin gefordert wird.

Es handelt sich also nicht primär um ein Problem der Parteien, sondern der Personen?

Wichtig ist Authentizität und das ist in der Tat eine Frage von Persönlichkeit. Jedem Mist in den sozialen Medien hinterherzulaufen und alles binnen Sekunden zu kommentieren, ist völlig kontraproduktiv. Wichtig ist, dass man eine klare Haltung hat. Und dafür muss man manchmal erstmal nachdenken.

Wie sieht das in der Praxis aus?

Ich kann an einem Infostand auch schon mal kurzerhand ein Gespräch beenden. Da habe ich dann oft gehört, dass ich das nicht bringen kann. Warum denn nicht? Solange jemand sachlich diskutiert, kann man über alles reden. Wenn nicht, beendet man besser das Gespräch.

Ist der Mangel an Authentizität der Grund der Politikverdrossenheit?

Zum Teil. Der massive Trend zur Emotionalisierung verstärkt die Neigung zur Selbstinszenierung. Ich hatte nie Lust auf Inszenierungen, da waren andere besser. Ich kann dafür verhandeln.

Ein Beispiel?

Die Aussetzung der Wehrpflicht. Der Grund sitzt Ihnen gegenüber und da können Sie gerne Angela Merkel fragen. Die CDU war damals gegen die Aussetzung. Ich habe den Teil für die FDP verhandelt. Es gab keine Chance, bis ich eine Verkürzung der Wehrpflicht auf sechs Monate vorschlug. Es war klar, dass eine Verkürzung der Wehrpflicht keinen Sinn machen würde. Das war nicht einfach und ich kann mich noch heute an die bissige Koalitionsrunde erinnern, als Angela Merkel zu Guido Westerwelle gesagt hat: „Ist das wirklich euer Ernst?“ Das war es und wenig später war die Wehrpflicht Geschichte.

Wenn man Sie hört, könnte man meinen, dass Sie doch ganz gerne wieder in die Politik zurück wollen.

Es war eine interessante Zeit. Aber jetzt habe ich neue Aufgaben. Am Ende zählt nicht Parteizugehörigkeit, sondern die persönlichen Kontakte mit Menschen aus allen Bereichen. Heute erfahre ich mehr als früher... Aber eine aktive Rolle in der Politik strebe ich nicht mehr an, auch für den Kreistag will ich nicht mehr kandidieren.

War’s nach 2013 schwer Fuß zu fassen?

Wenn man die Männer so hört, hatten sie alle sofort hunderte Angebote. Das war bei mir nicht so. Mutmaßlich war es bei den Männern auch nicht so, aber sie gehen anders mit solchen Situationen um.

Ach, gibt’s diesen Unterschied von Mann und Frau immer noch?

Aber natürlich. Frauen und Männer haben einfach ein unterschiedliches Verhältnis zur Macht. Und auch die öffentliche Beurteilung ist immer noch krass anders.

Inwiefern?

Schauen Sie sich Horst Seehofer an. Der bekommt doch keinen graden Satz raus. Das wird immer schlimmer. Aber er klebt weiter am Amt. Oder wenn ich an die männlichen Diskussionen um die Größe von Dienstautos denke... Verletzte Eitelkeit ist bei Männern auch deutlich ausgeprägter. Es gibt enorme Unterschiede zwischen Mann und Frau.

Das lässt für die Zukunft von Angela Merkel hoffen...

Aber sicher! Wenn sie die Politik verlässt, wird sie ganz anders agieren als Gerhard Schröder.

Frau Homburger, vielen Dank für das Gespräch.