Vor einem Jahr mussten die Landwirte bangen: Aufgrund der Corona-Pandemie gab es ein Einreiseverbot für Erntehelfer, und das brachte die Versorgungskette in Gefahr. Die Pandemie gibt es immer noch, doch in diesem Jahr sehen Landwirte und Gemüsebauern optimistischer auf die Ernte.

Hunderttausendfach geerntet

Bei den Blattsalaten ist die erste Hauptkampagne auf der Insel Reichenau ziemlich durch. Rund 1,1 Millionen Kopfsalate, 300.000 bunte Salate und 500.000 Kraussalate seien seit Ende Februar geerntet worden, berichtet Johannes Bliestle, der Geschäftsführer der Gemüse-Genossenschaft. Und dabei tatkräftig mitgeholfen hätten auch Erntehelfer aus Osteuropa, vor allem aus Polen und Rumänien.

„Es klappt mit den Saisonarbeitskräften besser als letztes Jahr“, sagt Bliestle. Damals dauerte es, bis die Politik Sondergenehmigungen möglich gemacht habe, erinnert sich der Geschäftsführer: „Da war eine wahnsinnige Unsicherheit.“ Wobei die Reichenauer Gärtner damals einen Vorteil hatten. Viele Erntehelfer seien schon vor Ort gewesen, als die Grenzen geschlossen wurden. „Da hatten wir Glück“, so Bliestle.

Johannes Bliestle, Geschäftsführer der Reichenauer Gemüse-Genossenschaft: „Es klappt mit den Saisonarbeitskräften besser als letztes Jahr.“
Johannes Bliestle, Geschäftsführer der Reichenauer Gemüse-Genossenschaft: „Es klappt mit den Saisonarbeitskräften besser als letztes Jahr.“ | Bild: Zoch, Thomas

Glück braucht es dieses Jahr weniger, aber dafür den Durchblick, welche Verordnung und welche Einstufung der Länder gerade gültig ist. Weil Polen zum Beispiel derzeit als Hochinzidenzgebiet eingestuft ist, müssten die Saisonkräfte von dort einen negativen Corona-Test vorweisen, um einreisen zu dürfen, erklärt Johannes Bliestle. Bei Helfern aus Rumänien als Risikogebiet sei es derzeit so, dass diese nach der Einreise gleich einen Test machen müssen. Generell gilt, ständig die aktuellen Verordnungen zu prüfen.

Das sagt der Gärtner

Das kann der Gärtner Johannes Blum bestätigen. Es sei einfacher dieses Jahr, die Erntehelfer in den Betrieb zu holen. Er habe je nach Saison sieben bis acht Kräfte aus Polen. Und ihm sei es wichtig, dass diese schon vor der Abfahrt einen Test machen, damit er sich nicht am Ende das Virus in den Betrieb hole, so Blum. Er habe die Helfer dann auf der Reichenau noch mal einen Schnelltest machen lassen und ihnen gesagt, sie sollten möglichst unter sich bleiben und keine Freunde in anderen Betrieben besuchen.

Für die im Mai beginnende Tomatensaison erwarten die Betriebe auf der Reichenau eine größere Zahl an Saisonkräften. „Wir hoffen, dass das soweit klappt“, sagt Johannes Bliestle von der Gemüse eG. Insgesamt seien es über das Jahr 160 bis 170 Erntehelfer, die in den etwa 65 aktiven Gärtnerbetrieben im Einsatz seien. „Wir haben unsere Gärtner so gut es ging informiert über die Regeln“, erklärt der Geschäftsführer.

Auch Infos in Polnisch und Rumänisch etwa über Hygieneregeln verteile die Genossenschaft an die Betriebe. Zudem biete sie in der Zentrale seit vier Wochen kostenlose Tests für Mitarbeiter wie auch Gärtner an. Sieben Mitarbeiter hätten sich für die Durchführung der Tests bei Ärzten schulen lassen, berichtet Bliestle.

Nachfrage größer als Erntemöglichkeit

Eine andere Erfahrung aus dem ersten Lockdown habe sich zudem bestätigt in den vergangenen Monaten, so Bliestle, eine erfreuliche: Die Nachfrage nach regionalen Produkten und nach Bio sei weiterhin groß. Dies sei sowohl im Lebensmitteleinzelhandel wie bei Marktgängern bemerkbar. Den Trend habe es schon zuvor gegeben, doch er sei in der Pandemie verstärkt worden. „Es wurden und werden hochwertigere Produkte gekauft und mehr zu Hause gekocht“, erklärt Bliestle. Davon hätten auch die Reichenauer Gärtner profitiert.

„Wir hatten einen sehr guten Umschlag.“ Zum Teil habe man gar nicht so schnell ernten können, wie die Nachfrage war. Ein interessanter Aspekt sei es dabei, dass parallel dazu – auch wegen der Schließung der Kantinen – weniger Tiefkühlware verkauft werde, sagt Bliestle, „es bleibt abzuwarten, wie sich die Leute verhalten, wenn die Pandemie vorbei ist.“

Thomas Romer setzt weiterhin auf polnische Erntehelfer: „Wir haben großes Glück, dass wir eine Freiluftveranstaltung sind.“
Thomas Romer setzt weiterhin auf polnische Erntehelfer: „Wir haben großes Glück, dass wir eine Freiluftveranstaltung sind.“ | Bild: Nikolaj Schutzbach

Durch diese gestiegene Nachfrage habe die Genossenschaft auch die Umsatzeinbrüche von bis zu 70 Prozent bei der Belieferung der Gastronomie kompensieren können, die durch die Schließung entstanden sind. Betroffen seien davon auch Zwischenhändler, die die Gastrobetriebe beliefern. „Das haben wir schon gespürt“, erklärt Bliestle. So sei es zum Beispiel in den vergangenen Wochen schwierig gewesen, bunte Salate zu vermarkten, weil diese in der Region in der Gastronomie gefragt seien.

Auf der anderen Seite seien Lieferketten aus dem Ausland in den vergangenen Monaten weniger stark unterbrochen gewesen als im Frühjahr 2020, so Bliestle. Dennoch habe es zum Teil Schwankungen bei den Mengen auf dem Markt für frische Produkte gegeben und dadurch mitunter hohe Preise – etwa für Blumenkohl, Brokkoli oder Paprika.

Das sagt ein Obstbauer

Thomas Romer vom gleichnamigen Obsthof in Litzelstetten setzt auch während der schwierigen Corona-Zeit auf seine bewährten Erntehelfer aus Polen. Die Angehörigen einer Großfamilie kennt er bereits seit gut 25 Jahren. „Eine Frau kommt seit 23 Jahren regelmäßig hierher“, erzählt er. Arbeit in seinen 14 Obstkulturen gibt es für maximal zwölf Helfer von April bis Oktober. Einige würden bis zu einem halben Jahr hier bleiben.

Das könnte Sie auch interessieren

„Ich habe drei Wohnungen, drei Aufenthaltsräume und drei Autos. Ich kann gut separieren. Die Helfer leben nicht eingepfercht“, berichtet Thomas Romer. Bereits jetzt seien zwei Zweiergruppen hier, ein Geschwisterpaar und zwei Cousins. Demnächst würden ein Ehepaar mit der Schwester der Frau und die Tochter anreisen und dann noch zwei Schwäger mit Sohn und dessen Freundin. Die ersten zehn Tage bleiben die Helfer aus Polen, trotz negativen Corona-Tests, in Quarantäne. Damit er selbst testen könne, habe er sich vom Roten Kreuz und seinem Betriebsarzt schulen lassen, sagt Romer.

Im vergangenen Jahr wollten einige der älteren Erntehelferinnen nicht kommen, da sie vor einer möglichen Corona-Ansteckung Angst hatten. So setzte Romer auf eine Gruppe Studierender. Mit einigen habe er gute Erfahrungen gemacht. „Andere waren komplett überfordert. Das war ernüchternd. Es ist ein Unterschied, ob jemand sieben oder 30 Schalen mit Erdbeeren in der gleichen Zeit füllt. Einer hat die grünen Brombeeren gepflückt. So würden wir gnadenlos untergehen“, erklärt Romer. Schwierig sei auch gewesen, dass die Studierenden nur an einzelnen Tagen Zeit hatten. „Bei einigen fehle die Kontinuität und die Leistungsbereitschaft“, fasst der Obstbauer zusammen.