Geschäftsführer Hermann Kratt hat auf der Bank vor der Eingangstür zu seinem Kaufhaus einen guten Blick auf den Fußgängerverkehr zwischen Höllstraße und Marktplatz. Es ist ein bisschen belebter als nach Ostern, aber keiner biegt zu seinem Eingang ab. Es hat sich herumgesprochen, die Fesseln bleiben angezogen und die Türen verschlossen. Das Radolfzeller Kaufhaus darf auch nach der Lockerung der neuesten Corona-Verordnung des Landes nicht öffnen.

Eine Abtrennung ist nicht erlaubt

Auf drei Stockwerken und rund 1800 Quadratmetern bietet Kratt in normalen Zeiten seine Waren an. Das sind nun 1000 Quadratmeter zu viel. Baden-Württemberg erlaubt seit gestern nur Geschäften bis 800 Quadratmetern Verkaufsfläche wieder den Betrieb. Im Gegensatz zu einigen anderen Bundesländern bleibt Ministerpräsident Winfried Kretschmann hart: Eine Reduzierung von größeren Verkaufsflächen durch Abtrennung sei nicht erlaubt, heißt es in der Erläuterung zu den Lockerungsmaßnahmen der Stadt Radolfzell.

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Ein Schlag für Hermann Kratt. Die Verkaufsfläche im Erdgeschoss beträgt 740 Quadratmeter: „Darauf hätten wir unseren Betrieb beschränkt“, sagt Kratt. Man sei darauf vorbereitet, alle Hygienevorschriften umzusetzen. Er könne die zwei Eingänge am Marktplatz und Höllstraße in Kunden-Eingang und Kunden-Ausgang trennen sowie die Zahl der Kunden im Kaufhaus begrenzen. Die Kasse ist mit einer Plexiglasscheibe geschützt, es seien Atemschutzmasken da, nur die Desinfektionsspender sind noch nicht aufgestellt. „Mir ist das wichtig, dass meine Mitarbeiter gesund bleiben und ich meine Kunden schützen kann“, sagt Kratt.

Kratt: „Eine Ungerechtigkeit ohnegleichen“

Das Radolfzeller Kaufhaus ist vergangenes Jahr 100 Jahre alt geworden, das 101. Jahr im Zeichen der Corona-Pandemie lässt den geschäftsführenden Inhaber an der Gerechtigkeit zweifeln. Weitaus größere Verkaufseinheiten profitieren von der Lockerung, das Outletcenter Seemaxx in Radolfzell oder das Einkaufszentrum Lago in Konstanz dürfen ihre Türen öffnen. „Wir gehen leer aus, das ist eine Ungerechtigkeit ohnegleichen, es fehlt die Logik“, kritisiert Hermann Kratt.

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Die Logik von Ministerpräsident Winfried Kretschmann ist, dass das Öffnen der größeren Geschäfte eine zu große Belebung der Innenstädte und damit eine Zunahme der Ansteckungsgefahr bedeute. Das kann Kratt nur in Teilen nachzuvollziehen: „Das mag für große Innenstädte mit großen Kaufhäusern gelten, nicht aber für Städte in der Größe von Radolfzell.“ Die Stadt sei nicht voller als sonst. Anders sähe es bei Aktionen der Discounter aus: „Dort sind die Parkplätze und die Läden voll.“

Seemaxx plant Wiedereröffnung am Freitag

Der Parkplatz vor dem Seemaxx ist leer und die Türen sind verschlossen. Obwohl es schon öffnen dürfte. Für Centermanager Oliver Castek kam die Lockerung für die Outletcenter überraschend: „Ich habe erwartet, dass zuerst nur die kleineren Einzelhandelsgeschäfte aufmachen dürfen.“ Jetzt müsse zuerst der Betrieb wieder hochgefahren und die Hygienebestimmungen umgesetzt werden. „Am Freitag wollen wir öffnen“, sagt Castek. Doch es werden nicht alle Geschäfte im Seemaxx Einlass bieten. Der Schiesser-Laden mit über 1000 Quadratmetern muss geschlossen bleiben und auch der Sportartikler Nike macht nicht auf. Nike habe zwar erlaubte 600 Quadratmeter Verkaufsfläche, doch der Konzern habe beschlossen, seine Läden europaweit erst zum 4. Mai zu öffnen, berichtet Centermanager Oliver Castek.

Kein Betrieb vor dem Seemaxx, nur der Teich wird gesäubert: Das Outletcenter nahe der Innenstadt dürfte öffnen, ist aber für den Besuch unter Corona-Kriterien noch nicht gerüstet.
Kein Betrieb vor dem Seemaxx, nur der Teich wird gesäubert: Das Outletcenter nahe der Innenstadt dürfte öffnen, ist aber für den Besuch unter Corona-Kriterien noch nicht gerüstet. | Bild: Becker, Georg

Kratt hat übers Wochenende politische Unterstützung erfahren. OB Martin Staab hat sein Unverständnis über die Entscheidung des Landes geäußert, die Landtagsabgeordneten Nese Erikli (Grüne) und Jürgen Keck (FDP) schauten sich im Kaufhaus um. Auch mit dem Bundestagsabgeordneten Andreas Jung habe er telefoniert: „Wir brauchen steuerliche Entlastungen.“ Was Hermann Kratt ungefragt bekommt an diesem Vormittag auf der Bank vor seinem Kaufhaus, ist viel Zuspruch von Passanten und ein wiederkehrendes Kopfschütteln: „Dass ihr nicht aufmachen dürft, das verstehen wir nicht.“