Frau Tracik, Corona und Kultur vertragen sich nicht. Gibt es in Ihrem Ressort überhaupt noch etwas zu tun? Wenn ja – was wäre das?

Ja, wir haben jede Menge zu tun. Wir führen viele Gespräche mit Veranstaltern, Künstlerinnen, Vereinen der Stadt und überregionalen Kooperationspartnern. Zum einen, um über die ausgefallenen Veranstaltungen zu sprechen und gemeinsam Lösungen zu finden. Zum anderen, um auch künftige Projekte und Veranstaltungen weiter zu planen, wie zum Beispiel das Seefestival in 2021. Das Musikschulteam plant weiter die Sommerakademie Teil I und II sowie unsere jährlich stattfindenden Kooperationskonzerte für den Herbst und Winter dieses Jahres.

Im Museum gehen wir das Projekt der Inventarisierung unseres Depots an, planen weiter unsere Sonderausstellungen und zusammen mit der Geschäftsstelle Heimattage gerade sehr intensiv unsere große Trachtenausstellung zum 100-jährigen Jubiläum der Trachtengruppe Alt-Radolfzell e.V. für das Heimattagejahr 2021. Unsere Aufarbeitung im Stadtarchiv geht rege weiter. In allen Kultureinrichtungen finden derzeit viele Beratungsgespräche mit den Kulturakteuren statt. Wir helfen, wo wir können und zeigen auf, wo Bund und Land Hilfestellung leisten. Darüber hinaus arbeiten die verschiedenen Kultureinrichtungen daran, weitere Angebote zu kreieren, damit Kultur momentan trotzdem stattfinden kann.

Welche Angebote sind das?

In der Villa Bosch findet dank des Kunstvereins ein virtueller Rundgang durch die Ausstellung statt. Die Lehrkräfte der Musikschule Radolfzell bieten in Teilbereichen neue digitale Unterrichtsformen an. Digital übermittelte Unterrichtsinhalte und Hilfestellungen, eingespielte Videos oder sogar Unterricht per Videochat sind Möglichkeiten, die musikalische Bildung aufrecht zu erhalten. Mit unserer Online-Ausleihe und dem internationalen Zeitungs- und Zeitschriftenportal PressReader, das wir dank der Unterstützung der Werner und Erika Messmer-Stiftung anbieten können, haben wir ein tolles digitales Angebot in der Stadtbibliothek. Die Mitarbeitenden des Fachbereichs Kultur machen sich weiter Gedanken, welchen zusätzlichen Service wir den Bürgern zur Verfügung stellen können.

Wo und wie erledigen Sie und Ihre Kollegen ihre Arbeit?

Mit großem Abstand. Wir sind zum größten Teil im Büro und sitzen in getrennten Räumen. Es finden aktuell keine Sitzungen statt, wir telefonieren viel und halten natürlich die Hygienemaßnahmen ein.

Viele Veranstaltungen mussten abgesagt werden. Wie gehen Sie damit um?

Das ist natürlich sehr schade und gerade für Kulturmenschen sehr schmerzhaft, wenn hochwertige Veranstaltungen und Ausstellungen nicht stattfinden und wir unsere Kulturabteilungen schließen müssen. Als Stadt stehen wir in Verantwortung für die Bürgerinnen und Bürger, für unsere Kunden und Besucher. Wir haben dafür Sorge zu tragen, dass die Landesverordnung rigoros umgesetzt wird.

Bitte quantifizieren Sie den finanziellen Nachteil für die Stadt Radolfzell durch das Ausbleiben der Veranstaltungen.

Wie die finanziellen Auswirkungen durch fehlende Einnahmen aus den Eintritten, Vermietungen etc. aussehen, kann derzeit noch nicht abgeschätzt werden.

Wie werden Sie versuchen die Einbußen zu kompensieren?

Das hängt davon ab, wann die Einschränkungen tatsächlich aufgehoben werden. Öffentliche Bibliotheken und Archive dürfen inzwischen wieder öffnen. Den Beginn in Radolfzell machte unsere Stadtbibliothek. Sie hat am Donnerstag, 23. April, den Betrieb wieder aufgenommen und bietet einen Lieferservice für Familien mit Kindern, Personen über 65 Jahren und aus anderen Risikogruppen in Radolfzell und den Ortsteilen an. Veranstaltungen im öffentlichen Raum waren nach der Landesverordnung sogar bis zum 15. Juni untersagt. Die neueste Verordnung hat diese Beschränkung nun zunächst auf den 3. Mai beschränkt.

Nach dem Beschluss von Bund und Ländern werden Großveranstaltungen voraussichtlich bis mindestens 31. August nicht möglich sein. Hierzu muss das Land zwar noch konkrete Bestimmungen erlassen. Wir befürchten aber, dass viele unserer Kulturveranstaltungen davon betroffen sein werden. Daher müssen wir die nächsten Wochen noch abwarten, um eine sinnvolle Planung für den Rest des Jahres erstellen zu können.

Was empfehlen Sie Menschen, die Tickets gekauft haben?

Erste Anlaufstelle ist der Ticketverkäufer und Veranstalter, die es jeweils unterschiedlich mit der Ticketrückgabe und der Verschiebung von Veranstaltungen handhaben. Ich empfehle aber grundsätzlich abzuwarten, bis klar ist, wann die Einschränkungen tatsächlich aufgehoben werden. Gekaufte Tickets und gezahlte Beiträge für alle Kultureinrichtungen sind sozusagen ein solidarischer Beitrag für den Künstler und Kultureinrichtungen, damit diese weiter arbeits- und zukunftsfähig bleiben.

Welche Hoffnung hegen Sie bezüglich der Wiederaufnahme des Kulturbetriebs?

Wir hoffen natürlich, dass es so schnell wie möglich wieder weitergeht. Uns ist aber allen klar, dass uns diese Situation zu einem Um- und Neudenken zwingt. Dieser noch nie dagewesenen Herausforderung wird sich auch die Kultur in Zukunft stellen müssen: Wir planen in 2020 und 2021 die Fortsetzung unserer Kulturkonzeption bis ins Jahr 2030. Da werden wir auf jeden Fall Erkenntnisse aus der aktuellen Situation berücksichtigen müssen und gemeinsam darüber nachdenken, wie die Kultur für Radolfzell und die Ortsteile in der Zukunft aussehen wird. Das Wichtigste ist jedoch erst einmal, die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen. Die Einschätzung der Wissenschaftler und die Entscheidungen der Regierung geben den Takt vor.

Was wäre aus ihrer Sicht der Kultur-GAU?

Schon jetzt ist die Planungsunsicherheit über einen so langen Zeitraum sehr schwierig. Nicht nur für uns als Stadt und die Künstler, sondern vor allem für die Radolfzeller, die gerne in Gemeinschaft sind – feiern, Musik, Kunst und Kultur genießen. Ein wirklicher Kultur-Gau wäre, wenn bis Ende des Jahres keine Kultur-Veranstaltungen mehr möglich wären.

Wie schätzen Sie die Zukunft für Kulturveranstaltungen ein? Was wird sich durch den Virus nachhaltig ändern?

Der vollständige Stillstand führt hoffentlich zu noch mehr Wertschätzung unseres kulturellen und gesellschaftlichen Lebens. Aus der aktuellen Situation kann noch ein größeres Wir-Gefühl entstehen, das nach der Krise besonders wichtig sein wird, um den Kulturschaffenden – oft Solokünstler oder kleinere Firmen – wieder zur Wirtschaftlichkeit zu verhelfen. Kultur ist immer im Wandel und wird sich den Veränderungen in der Gesellschaft wie auch in der Vergangenheit stellen. Auch wir als Stadtverwaltung müssen uns neu ausrichten und uns über unsere Zukunft und unsere Kulturarbeit gemeinsam Gedanken machen. Die Menschen werden uns hoffentlich dabei unterstützen und unser reichhaltiges Kulturangebot weiterhin wertschätzen.