Noch immer wird der Aussichtsturm auf der Halbinsel Mettnau von vielen Anwohnern Finckhturm genannt. Der Dichter Ludwig Finckh hat eine eindeutige nationalsozialistische Vergangenheit. Ist es also Gewohnheit, Gedankenlosigkeit oder schlicht Unwissenheit? Die Fakten sind unstrittig: Finckh, geboren 1876 in Reutlingen, zog nach seinem Medizinstudium in Tübingen und einer kurzen Zeit als Assistenzarzt in Aachen bereits 1905 nach Gaienhofen, wo er bis zu seinem Tod 1964 lebte und als „Volksdichter“ zahlreiche Bücher verfasste. Im Gegensatz zu Hermann Hesse, mit dem er etliche Jahre befreundet war, verfiel Finckh sehr früh in deutschnationale Positionen, die sich in der Weimarer Republik verschärften. Mit dem NS-Regime, für das er als Propagandist unterwegs war und völkische Schulungen leitete, war er eng verstrickt.

Neue Belege, die der Historiker und gebürtige Radolfzeller Markus Wolter recherchierte und im Hermann-Hesse-Museum Gaienhofen vortrug, zeigen, das er keinesfalls ein Mitläufer, sondern ein überzeugter Vordenker war. Bereits 1923 verfasste Finckh ein Büchlein namens „Ahnenhorst“, in dem bereits die Grundzüge der später vehement verteidigten Rassenlehre und vor allem „Rassenhygiene“ zu erkennen waren: Diese ging bekanntlich mit der „Ausmerzung von schwachen oder schlechten“ Erbanlagen einher – also mit der Vernichtung von Juden, Sinti und Roma, aber auch von Behinderten.

Mit den SS-Obersturmführern der Kaserne in Radolfzell war Finckh eng vertraut, er lud die SS-Granden gar in sein Haus in Gaienhofen ein und bewirtete sie. Den Basaltanbau am Hohenstoffeln, der ihm den Ruf des „Naturschützers“ einbrachte, konnte er stoppen, da er beste Beziehungen zu den Machthaber der NS-Diktatur hatte. Nicht gegen, sondern mit dem Regime. Besonders bedrückend ist, dass Finckh offenbar zu den Unbelehrbaren gehörte. Seine Autobiographie, „Himmel und Erde“ von 1961, blendet die nationalsozialistische Schreckensherrschaft nahezu vollständig aus. Hermann Hesse veranlasste dies zu dem vernichtenden Urteil, es sei „das Buch eines alten vernagelten Nazi, der zwölf Jahre lang Heil Hitler geschrieen hat und es am liebsten wieder täte“ (Quelle: Stadtarchiv Reutlingen). ­– „Uneinsichtigkeit, sein Leben lang“, bescheinigte ihm auch Historiker Markus Wolter in Gaienhofen.

Nun stellt sich die Frage für die Gemeinden am Bodensee und im Hegau, wie sie mit diesem Erbe umgehen wollen. Eine Ludwig-Finckh-Straße in Engen, eine Ludwig-Finckh-Straße in Rielasingen und ein Ludwig-Finckh-Weg in Villingen-Schwenningen. Dort hatte die SPD-Fraktion immerhin einen Vorstoß zu Umbenennung unternommen, der jedoch keine Mehrheit fand. Bis heute heißt die Straße nach dem überzeugten Nazi. Auch in Gaienhofen gibt es einen Ludwig-Finckh-Weg. Sein Haus aus dem Baujahr 1907 existiert noch. Ebenfalls wird er weiter als Ehrenbürger der Gemeinde geführt. Die Ehrenbürger-Würde erlischt zwar mit dem Tod, so Markus Wolter, doch die Gemeinde habe sich bislang nicht davon distanziert.

Auf eine Anfrage des Südkurier teilt Bürgermeister Uwe Eisch mit, dass man sich mit dem Thema befasse, aber noch etwas Zeit für eine gründliche Recherche brauche. Bislang war das Thema noch nicht im Gemeinderat. Radolfzell wiederum hat einen „Ludwig-Finckh-Turm“, wie er hartnäckig im Volksmund genannt wird. Dies bestätigt die Pressestelle der Stadt, die schreibt: „Ja, es stimmt, dass der Turm von vielen alten Radolfzellern noch als Finckhturm bezeichnet wird, und es wird auch oft kontrovers diskutiert, ob die neue Namensgebung notwendig war“.

Nicht ganz unschuldig an der Kontroverse ist allerdings die Stadt selbst: Zum einen wurde im März 1976 (zum 100. Geburtstag des Ludwig Finckhs) eine Erinnerungstafel am Turm angebracht. Der zufolge hieß der Turm wieder Ludwig-Finckh-Turm. Zum anderen hieß es noch zu Beginn des Jahres 2017 auf der Seite der Tourismus- und Stadtmarketing Radolfzell GmbH: „Bis zum Finckhturm ist das Naturschutzgebiet Mettnau ganzjährig zugänglich. Der Pfad zum Finckhturm bis zur Spitze der Halbinsel ist jeweils vom 1. September bis zum 14. April für Spaziergänger geöffnet.“ – Erst Ende Januar 2017 ist der Name auf der Seite verschwunden, nach einem Hinweis der Autorin ans Kulturbüro.

Denn im Grunde weiß man es in Radolfzell genau: „Gerade in den letzten Jahren kamen in der neueren Geschichtsforschung noch wesentlich engere Verwebungen zwischen der Radolfzeller SS und Ludwig Finckh an den Tag, er war ein sehr engagierter Nazi. Eben deshalb war eine Benennung des Turmes nach ihm bereits direkt nach Kriegsende undenkbar.“ So schreibt es Katharina Maier, die Leiterin der Abteilung Stadtgeschichte in Radolfzell in ihrer Stellungnahme zum Thema.

Chronologie des Mettnau-Turms

  • 11. April 1938: Zimmermeister Johann Blum wird mit dem Bau eines Aussichtsturms auf der Mettnau beauftragt: Er soll 15 Meter hoch werden und auf 12 Metern eine Aussichtsplattform haben.
  • Mitte Juli 1938: Der Turm scheint fertig zu sein. Besucher beklagen ein starkes Schwanken.
  • 13. September 1938: Die Stadt Radolfzell legt beim Bezirksamt Konstanz nachträglich ein Baugesuch vor.
  • 17. Juli 1940: Der Turm erhält den Namen Dr. Ludwig-Finckh-Turm.
  • 25. Juli 1945: Auf Vorschlag von Bürgermeister Blesch wird der Turm vom Gemeinderat in Dr. Curt Floericke-Turm umbenannt (nach dem Naturforscher und Vogelkundler Floericke, 1869 bis 1934).
  • 30. November 1950: Der Gemeinderat beschließt die Umbenennung in Mettnau-Turm.
  • Januar 1961: Der Turm wird wegen Baufälligkeit gesperrt und im Frühjahr abgebrochen.
  • Mai 1962: Der neu aufgebaute Turm ist 18,30 Meter hoch und hat 75 Stufen. Die Statik bleibt jedoch ein Problem.
  • März 1976: Die Stadtverwaltung will zum 100. Geburtstag des Dichters Ludwig Finckh seine Bedeutung für Radolfzell ins Bewusstsein rufen. Am Mettnau-Turm wird eine Erinnerungstafel für ihn angebracht. Der zufolge heißt der Turm wieder Ludwig-Finckh-Turm.
  • 1993: Die SPD Radolfzell weist darauf hin, dass die offizielle Bezeichnung für den „Ludwig-Finckh-Turm“ eigentlich „Mettnau-Turm“ lautet.
  • Januar 2017: Der auf der Seite der Tourismus GmbH zwei Mal genannte Name „Finckh-Turm“ wird nach Leserhinweisen gelöscht.
Quelle: Stadtarchiv