"Ab 1. November möchten wir drin sein", sagt Matthias Ehret als Vorstand des Caritasverbandes Konstanz über den Bau mit Kosten in Höhe von 4,8 Millionen Euro. Ein wichtiger Schritt dahin war das Richtfest, das am gestrigen Freitag gefeiert wurde. Dabei hielt Gabriele Eckert, Leiterin des Caritas-Fachbereichs "Menschen Arbeit geben", fest, dass es mangels richtigem Dach von solchen Kubusbauten inzwischen auch "Deckenfest" genannt werde. Ganz ohne Nagel und Balken, dafür mit verziertem Bäumchen am Gerüst.

Der Rohbau zeigt bereits, was an der Hohentwielstraße künftig stattfinden soll: Eine bedarfsgerechte Mischung aus Leben, Arbeiten und Wohnen, wie Eckert erklärte. "Wir sitzen hier im künftigen Café", sagte sie zu den Gästen im Erdgeschoss. Dort soll künftig jedermann einen Kaffee trinken können, die Bewirtung aus der angeschlossenen Lehrküche werden Menschen mit Behinderung übernehmen. In den beiden mittleren Stockwerken entsteht Raum für das sogenannte Qualifizierungszentrum, wo Menschen mit geistiger, körperlicher oder psychischer Behinderung auf den Arbeitsmarkt vorbereitet werden. Im oberen Stockwerk sind außerdem vier Wohnungen geplant, von denen zwei an Menschen mit geistiger Behinderung vergeben werden sollen – ähnliche Wohnungen und Wohngruppen gebe es bereits an der Bismarckstraße. Zwei der Wohnungen an der Hohentwielstraße sollen frei vermietet werden. Im Café wie als Bewohner begegnen sich Menschen mit und ohne Behinderung, wodurch das Qualifizierungszentrum zur Begegnungsstätte wird.

Sie feierten Richtfest (von links): Caritas-Aufsichtsratsvorsitzender Wolfgang Müller-Fehrenbach, Caritas-Fachbereichsleiterin Gabriele Eckert, Karl-Edmund Haug von der Firma Stocker, Bürgermeisterin Monika Laule, Gertrud Stoß vom Landratsamt Konstanz und Architekt Martin Frei. Bild: Isabelle Arndt
Sie feierten Richtfest (von links): Caritas-Aufsichtsratsvorsitzender Wolfgang Müller-Fehrenbach, Caritas-Fachbereichsleiterin Gabriele Eckert, Karl-Edmund Haug von der Firma Stocker, Bürgermeisterin Monika Laule, Gertrud Stoß vom Landratsamt Konstanz und Architekt Martin Frei. Bild: Isabelle Arndt | Bild: Isabelle Arndt

Mit dem Neubau finden ab November einige Angebote einen neuen Raum, die es bislang im benachbarten Caritas-Gebäude gibt. Die Caritas habe reagieren müssen, nachdem der Altbau den Vorgaben nicht mehr entspreche, erklärt Caritas-Vorstand Matthias Ehret. Die Agentur für Arbeit habe als Kostenträger genaue Vorstellungen. Kurzzeitig war auch ein Umbau des bestehenden Gebäudes im Gespräch, doch ein Neubau bringe bei ähnlichen Kosten deutliche Vorteile, hieß es beim Spatenstich vor im Mai 2017. Zu dem Angebot der Einrichtung gehören Arbeitsgruppen, in deren Kreis die Menschen mit Behinderung sich mechanisch wie geistig fortbilden können. Teils sollen die Menschen gemeinsam, teils differenziert gefördert werden. "Die Produktivität steht hier nicht im Vordergrund", erklärt Caritas-Vorstand Matthias Ehret. Es handle sich vielmehr um Lehrwerkstätten. Durch den Neubau werden im Altbau einige Flächen frei, die künftig mit einem erweiterten Angebot genutzt werden sollen. Der Einzugsbereich sei dabei groß: Für Menschen mit psychischer Behinderung gebe es nur diese Einrichtung im Landkreis Konstanz, auch andere Teilnehmer mit geistiger oder körperlicher Behinderung stammen aus dem Umkreis.

"Wir mussten die Ärmel ganz schön hochkrempeln", sagte Architekt Martin Frei hinsichtlich des Zeitplans. Im Frühjahr 2017 haben laut Caritas-Vorstand Matthias Ehret die Bauarbeiten begonnen, sie seien knapp vier Wochen im Verzug aber im Kostenrahmen. Vor der Umsetzung stand eine umfassende Planungsphase: "Wir fangen nicht mehr an zu bauen, bevor wir einen Einrichtungsplan haben", sagte Ehret bei einem Rundgang. Sonst scheitere eine passende Einrichtung mitunter an der Platzierung eines Fensters. Auch wegen der Fördermittel brauchte die Planung einen gewissen Zeitrahmen: Ein Viertel der Kosten von 4,8 Millionen Euro übernehmen laut Ehret der Kommunalverband für Jugend und Soziales Baden-Württemberg sowie die Aktion Mensch.

Qualifizierungszentrum

In einem Qualifizierungszentrum absolvieren Menschen mit Behinderung über zwei Jahre hinweg eine Art Ausbildung, um anschließend auf dem normalen Arbeitsmarkt oder in einer Behindertenwerkstatt zu arbeiten. Wie Matthias Ehret als Vorstand des Caritasverbandes Konstanz erklärt, richtet sich das Angebot an der Hohentwielstraße in Radolfzell an Menschen mit geistiger, psychischer und körperlicher Behinderung. Laut Ehrets Erfahrung finden etwa 40 Prozent der Teilnehmer eine Stelle auf dem freien Arbeitsmarkt. Insgesamt nutzen 55 Menschen das Angebot in Radolfzell. Kostenträger sind laut Ehret je nach Behinderung die Agentur für Arbeit oder die Rentenkasse, die die Teilnehmer auch vermitteln.