Der Mann, der beim SÜDKURIER mit Schweizer Nummer anruft, um die Tägermoos-Gärten zu retten, klingt äußerst resolut. „Bevor hier Tiere oder was weiß ich kaputt gehen, machen wir das.“ Seine Stimme hört sich an wie die eines Menschen, der sich nicht lange aufhält mit Nebensächlichem. Wie einer, der handelt, statt zu reden – und über sein Handeln kein Gerede will. Denn da wäre noch etwas: „Ich will anonym bleiben.“ Aber warum denn, es ist doch eine gute Tat? „Ja gerade deshalb!“, ruft er.

Ganz vorn vorne: Das Glück des Kleingärtners

Doch fangen wir von vorne an: Die Tägermoos-Kleingärtner können nicht in ihre Gärten, weil die Parzellen in der Schweiz liegen. Getrennt von ihrem Grün durch den Grenzzaun müssen sie vom Paradies aus zusehen, wie Pflanzen eingehen und Gartenträume zerplatzen. „Meine Frau und ich möchten die nötigsten Arbeiten übernehmen“, sagt der Schweizer am Telefon. Für Menschen ohne eigenes Fleckchen Grün mag die Tägermoos-Situation, von außen betrachtet, eine Lappalie sein.

Ein bisschen Vergessen für die Generation Ü-60

In einer Zeit, in der andere um ihre Existenz oder gar geliebte Menschen fürchten. Doch jeder, der selbst Blumen und Pflanzen hegt, weiß: die Zufriedenheit und diese besondere Art inneren Friedens, die entsteht, wenn die mit eigenen, erdbeschmutzten Händen eingegrabene Saat zu gedeihen beginnt, ist unbezahlbar. Es ist ein innerer Frieden und ein kleines bisschen Vergessen, das man gerade in diesen Tagen Menschen über 60 wünschen würde. Sie bedroht der permanent präsente Virus am meisten. Viele der Tägermoos-Gärtner sind in diesem Alter.

Die Tägermoos-Gärtner hatten vor wenigen Tagen an der Grenze demonstriert. Der SÜDKURIER berichtete. So war der Schweizer auf das Gartenproblem aufmerksam geworden.
Die Tägermoos-Gärtner hatten vor wenigen Tagen an der Grenze demonstriert. Der SÜDKURIER berichtete. So war der Schweizer auf das Gartenproblem aufmerksam geworden. | Bild: Andrea Vieira

Die Fische waren es aber vor allem, die den Mann, einen Mehrfach-Unternehmer aus der Schweiz, bewegten, nun seine Hilfe anzubieten. „Ich habe im SÜDKURIER gelesen, dass einige Gärtner Kois und Karpfen haben.“ Dass die Konstanzer um das Leben ihrer Tiere und Pflanzen bangen, müsse nicht sein. Er und seine Frau könnten die nötigsten Arbeiten in den Parzellen übernehmen. In allen Gärten? „Ja.“

„Ich bin bekannt genug, ich habe genug, ich will nichts.“

Das ist ein großzügiges Angebot. Doch warum möchte der Mann, der der Redaktion bekannt ist, anonym bleiben? „Ich bin bekannt genug, ich habe genug, ich will nichts und keinen Dank“, sagt der Schweizer. Ihm gehe es um etwas anderes.

Das Tägermoos in voller Pracht.
Das Tägermoos in voller Pracht. | Bild: Rau, Jörg-Peter

Und dann erzählt er eine Geschichte aus seiner Vergangenheit: Er war noch jung und es war vor der Smartphone-Ära. Er war mit Freunden mit Wohnwagen und Rädern unterwegs in Italien. An einer Kreuzung kurz vor Pisa verloren sie den Wohnwagen-Fahrer aus den Augen. Natürlich habe es einen Notfallplan gegeben, erzählt der Schweizer am Telefon. Sich Abends unter dem schiefen Turm von Pisa wiederzusehen. Doch der Freund erschien nicht. „Wir sorgten uns sehr – und wir hatten nichts dabei außer unseren Kleidern am Leib.“ Sie waren planlos und verängstigt in einem fremden Land.

Ein Polizist schenkte Geld

Hilfe kam von ungewohnter Seite. Ein Polizist schenkte ihnen Geld, damit sie sich Essen kaufen konnten. Ein Hotel ließ sie kostenlos übernachten. Der Hotelier leitete auch alles zusammen mit den Behörden in die Wege, um die deutsche Botschaft zu verständigen. Falls der Freund verloren war. Dann die große Erleichterung: „Über dieses Hotel bekamen wir die Rückmeldung, dass mein Freund sich in Deutschland gemeldet hat“, sagt er. Er hatte sich eingeparkt mit dem Wohnmobil, musste warten. „Am Ende war er nur 50 Meter Luftlinie entfernt.“

Ein bisschen Glücksprinzip

Diese Episode hat in ihm etwas verändert, bis heute, erzählt der Schweizer. „Ich sagte mir an diesem Tag: Wenn eine Notlage kommt, dann werde ich auch für andere da sein. Man darf nie vergessen, was einem widerfahren ist.“ Für seine Hilfe möchte er weder Dank noch öffentliche Aufmerksamkeit. „Ich habe genug. Ich möchte etwas weitergeben und im Idealfall erinnern sich die Leute irgendwann daran und helfen anderen in Not.“ Es hört sich ein bisschen nach dem Film „Das Glücksprinzip“ an. Darin geht es darum: Wenn jeder drei Menschen etwas Gutes tut, und sei es noch so klein, und diese drei ihre guten Taten wiederum an drei Menschen weitergeben, entsteht ein Schneeballeffekt und die Welt wird zu einem besseren Ort.

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„Die Gärtner sollen mir schreiben, was in ihrer Parzelle ansteht“, sagt er. Nützlich sei ein Plan, damit er und seine Frau sich orientieren könnten. Da eine seiner Firmen einen Standort in Deutschland hat, sei es auch möglich, ihm Fischfutter zu schicken oder Schlüssel zu übergeben.

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