Klar, sagt Nadja Adam, auch sie sei geschockt gewesen, als im März das öffentliche Leben von einem Tag auf den anderen stoppte. Ungefähr eine Stunde lang. „Dann hab ich gesagt: Ich mach Video“, sagt die Inhaberin der kleinen Konstanzer Musikschule Musik-Insel.

Wenn ein Schock kommt, macht sie weiter

Kurze Zeit später schwebte Nadja Adam über zig Laptops und PC-Bildschirme der Schüler in Konstanz – mit der Flöte, mit den Pandas Bim und Bam oder vor der Schatzkiste.

Bild: Eva Marie Stegmann

Animation, Gesang und Noten – in den Videos auf Youtube ist alles dabei. „Ich bekam nur positives Feedback von den Eltern und Schülern“, sagt Nadja Adam. Wenn ein Schock kommt, macht sie weiter.

Nun weiß sie nicht so recht weiter

Das sei schon immer so gewesen. Stillstand ist für die 38-Jährige, die mit ihrem Pony und dem pastellrosa Oberteil jünger und zarter wirkt als sie ist, ein Graus. „Aber als ich hörte, dass die Coronamaßnahmen für Musikschulen bis Januar verlängert werden sollen, wusste auch ich nicht weiter“, sagt sie.

Zu Besuch in der Musik-Insel

Nadja Adam hat zum Besuch in die Musik-Insel geladen. Der Eingangsbereich, wo normalerweise Eltern warten und bei einem Kaffee schwatzen, ist leer. Auf einem Tisch liegen die Schultüten für ihre Schützlinge bereit.

Die Schultüten für ihre Musikschüler liegen schon bereit. Jede ist mit Namen versehen und enthält ein kleines Geschenk.
Die Schultüten für ihre Musikschüler liegen schon bereit. Jede ist mit Namen versehen und enthält ein kleines Geschenk. | Bild: Eva Marie Stegmann

„Bekommt jeder zum Schulanfang, nicht nur die Erstklässler„, sagt sie. Adam setzt sich auf den Teppich im Unterrichtsraum, um sie herum umgedrehte, kleine Stühle. Im September startet das neue Musikschuljahr.

Und Nadja Adam steht vor einem großen Fragezeichen.

Zwar werden Kurse zustande kommen. Statt zehn oder zwölf Kinder darf sie in der Musik-Insel nur Fünfergruppen unterrichten. Manche Eltern haben ihre Kinder gar nicht erst angemeldet.

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Und: Die Unterrichtsstunden im Seniorenheim und den Kindergärten fallen komplett weg, genauso wie Kindergeburtstage, die Nadja Adam organisiert. „Mir brechen 50 Prozent der Einnahmen weg“, sagt sie. Der Staat hilft der Kultur, heißt es.

Doch die Musik-Insel fällt durch alle Netze.

Nadja Adam erklärt: „Ich habe Soforthilfe bekommen, einmal. Aber jetzt habe ich keinen Anspruch auf die neue Soforthilfe, weil es die erst gibt, wenn 60 Prozent des Umsatzes fehlen.“

Nadja Adam in ihren Räumen in der Musik-Insel Konstanz.
Nadja Adam in ihren Räumen in der Musik-Insel Konstanz. | Bild: Eva Marie Stegmann

Die Stadt Konstanz hilft zwar Künstlern, aber es ist nur einen Projektförderung. Die Konstanzer Wirtschaftsförderung hat Nadja Adam wieder ans Land verwiesen. Keine Chance auf einen Zuschuss. Die entsprechenden Schreiben liegen dem SÜDKURIER vor.

„Was soll ich nun tun?“, fragt Nadja Adam und streicht über die kleinen Schultüten. Sie hat die Preise erhöht, um sechs Euro im Monat. Das gleicht pro Gruppe genau einen wegfallenden Platz aus. „Weiter will ich nicht gehen, das wäre den Eltern gegenüber unfair“, sagt sie.

Es geht nicht nur ihr so.

Sie ärgert sich, dass der Staat Menschen wie sie offenbar vergessen hat. Denn es geht nicht nur Nadja Adam so, sondern vielen Musiklehrern und privaten Musikschulen, aber auch Tanzschulen.

Gewinnbringende Konzerte? Kann man vergessen

Rainer Lehmann ist Musiklehrer. In der Zeit des Lockdowns konnte er Einzelstunden geben. Aber: „Mein Dirigat eines Akkordeonorchesters lag in der ganzen Zeit bis Ende Juni brach.“ Auch jetzt seien darüber keine Einnahmen zu machen. Gewinnbringende Konzerte in dieser Zeit? Kann man vergessen.

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Im Juni konnte Lehmann wieder mit den Schul-Musikkursen starten. Trotzdem: „Ich musste einen Verlust von 3000 Euro in dieser Zeit selbst finanzieren. Das klingt nicht nach viel. Aber alle anderen Ausgaben liefen ja weiter.“

Bild: Eva Marie Stegmann

Matthias Gloe ist Leiter der Lake Music School, die mit der Musik-Insel kooperiert. Er erklärt: „Normalerweise beginnen die meisten Interessenten ihren Unterricht zu Schuljahresbeginn im September.“ Doch dieses Jahr ist alles anders. „Ich habe nur drei Neuanmeldungen, anstatt wie sonst 25 bis 30 um diese Zeit.“ Einkommenseinbußen: 25 Prozent. „Chance auf Unterstützung seitens des Staates gibt es hier nicht.“

Tanzstudio: Problem mit Raum

Elke Scheller vom Tanzstudio Tanzform berichtet: „Für uns ist das Thema des Raums ein Problem, da wir nur ein Studio für verschiedenste Kurse haben.“

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Unter anderem für einen Kurs Breakdance waren Räume angemietet worden, die jetzt aber nicht mehr genutzt werden könnten. Der Unterricht musste auf Sonntag verlegt werden. Sie sei sehr froh, dass sie seit Juni wieder unterrichten dürfe. Aber: „Ob und wie viele Neuanmeldungen eingehen, bleibt abzuwarten.“

Musical als Film

Auch bei Nadja Adam wird wieder unterrichtet und sogar ihr Musical findet statt. Allerdings nur als Film, in Einzeldrehs mit Gruppen. „Ich habe Angst, wie der Unterricht wird, das ganze pädagogische Konzept fußt auf größeren Gruppen“, sagt sie. Bis Dezember wolle sie sich die ganze Situation anschauen.

Und wenn sich nichts ändert?

Sie zögert. Als sie beim Bundeswirtschaftsministerium anrief, sagte ihr der Mitarbeiter, sie solle an ihre Ersparnisse gehen. Oder schließen und sich anstellen lassen. Seit 2012 leitet sie ihre eigene Schule, hat ihren Traum wahr gemacht. Vorher arbeitete sie als Erzieherin und gab nebenbei Musikunterricht. „Ich habe mir alles selbst erarbeitet und noch nie einen Kredit aufgenommen.“ Ihr Plan: „Ich werde jetzt noch mehr arbeiten. Irgendwann kann auch ich mal nicht mehr.“ Aber: „Die Musik-Insel schließen? Auf keinen Fall. „

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