So hat sich die neue Intendantin des Konstanzer Stadttheaters ihren Einstand wohl kaum vorgestellt: Statt eines vollen Hauses gibt es nur spärlich im Raum verteiltes Publikum, auf der Bühne kommen die Schauspieler einander nicht näher als eineinhalb Meter, und nach der Vorstellung sehen die meisten zu, dass sie möglichst bald nach Hause kommen.

Karin Becker, neue Intendatin am Theater Konstanz, ist fest entschlossen, grundlegende Erwartungen ihres Publikums zu erfüllen.
Karin Becker, neue Intendatin am Theater Konstanz, ist fest entschlossen, grundlegende Erwartungen ihres Publikums zu erfüllen. | Bild: Schuler, Andreas

Wenn Karin Becker in diesem Monat also endlich in ihre erste Spielzeit als Theaterchefin startet, wird vieles anders sein, als es das Publikum gewohnt ist. Die Corona-Pandemie schränkt den Theateralltag nämlich stark ein, das gilt für das Geschehen auf der Bühne wie im Foyer. Und doch: Es darf endlich wieder gespielt werden, regelmäßig und in geschlossenen Räumen, zum ersten Mal seit dem jähen Spielzeitabbruch im vergangenen März.

Hans Fallada (1893–1947). Mit einer Inszenierung seines Romans „Jeder stirbt für sich allein“ beginnt am 26. September die Spielzeit.
Hans Fallada (1893–1947). Mit einer Inszenierung seines Romans „Jeder stirbt für sich allein“ beginnt am 26. September die Spielzeit. | Bild: DPA

Zum Beispiel „Jeder stirbt für sich allein“, Hans Falladas großer Roman über den Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Eigentlich bräuchte man rund vier Stunden, um dieses Epos auf die Bühne zu bringen – wegen Corona müssen nun zwei genügen. Das Stück bildet am 26. September den Auftakt zur neuen Spielzeit, die Regie hat Schirin Khodadadian.

Oder „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, Heinrich Bölls großartige Erzählung über die Mechanismen und Auswirkungen von Boulevardmedien: Am Theater Konstanz wird es ab 13. November unter der Regie von Franziska Autzen zu sehen sein. Dabei soll eine wichtige Rolle der veränderten Medienwelt mit Twitter und Instagram zukommen, wo Nachrichten auf 280 Zeichen beschränkt werden und jeder Nutzer seine eigene Wahrheit als alleingültige zu verkaufen versucht.

Das neue Ensemble des Theaters Konstanz ist da. In der Mitte vorne die neue Intendantin Karin Becker. Mit Abstand rechts neben ihr Oberbürgermeister Uli Burchardt, der das neue Team aus Leitung, Dramaturgie, Hausregie und Ensemble empfangen hat.
Das neue Ensemble des Theaters Konstanz ist da. In der Mitte vorne die neue Intendantin Karin Becker. Mit Abstand rechts neben ihr Oberbürgermeister Uli Burchardt, der das neue Team aus Leitung, Dramaturgie, Hausregie und Ensemble empfangen hat. | Bild: Oliver Hanser

Der Digitalisierung und ihren Auswirkungen auf unsere Demokratie gelte ihr besonderes Interesse, hatte Becker nach ihrer Ernennung zur neuen Intendantin erklärt. Mit dem technischen Fortschritt gehe eine Entpersonalisierung einher, und gerade vor diesem Hintergrund sei das Theater „als lebendiger Ort extrem wichtig“.

Um die Zukunft der Demokratie geht es auch in Produktionen wie „Generation Extinction“. Das Theaterprojekt reflektiert die Verzweiflung einer jungen Generation angesichts der politischen Untätigkeit in Zeiten des Klimawandels. Mit Protesten wollen sich manche der Aktivisten schon bald nicht mehr zufrieden geben: Gemeinsam mit ihrem Publikum begeben sich die Protagonisten des Stücks in den Untergrund.

Was daraus folgt, ist ab 27. September zu erleben – und zwar nicht auf einer Bühne, sondern in der ganzen Stadt, wo Philipp Ehmann sein „immersives Theaterprojekt“ angesiedelt hat.

Abonnenten kommen zu ihrem Recht

Und auch die erste Arbeit des neuen Jugendspartenleiters, Kristo Sagor, offenbart deutliche Bezüge zu politischen Konflikten unserer Zeit. In „Nibelungenleader“ geht es um Macht- und Schuldverhältnisse, um Täter- und Opferrollen. Dabei kommt insbesondere der Debatte um neue und alte Geschlechtervorstellungen eine zentrale Bedeutung zu. Premiere ist am 3. Oktober.

Bei aller Ernsthaftigkeit und politischen Brisanz soll aber auch das Heitere nicht zu kurz kommen. „Im Theater lachen ist etwas sehr Schönes“, hat die neue Intendantin bereits vorab erklärt: „Und zwar vor allem dann, wenn das Lachen im Halse stecken bleibt, man sich im Nachhinein vielleicht sogar ein bisschen darüber schämt.“

Und so gilt gleich die zweite Premiere im großen Haus mit Oscar Wildes „Der ideale Mann“ einer Komödie. Eine weitere folgt mit „Die 39 Stufen“ von John Buchan und Alfred Hitchcock: Das spannend komische Theatervergnügen wird in einer Inszenierung von Joachim Rathke am Silvesterabend erstmals zu sehen sein.

„Der Wunschpunsch“

Auch für Familien gibt es einige interessante Produktionen zu sehen, allen voran natürlich das diesjährige Weihnachtsmärchen, „Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch“ von Michael Ende (Premiere am 29. November), aber auch Stücke wie „Monsta“ (ab 22. November), ein Stück, das Kindern in ihrem Alltag Mut zusprechen soll.

Bleibt nur noch die Frage, kommt das alles jetzt auch so, wie es angekündigt wurde?

Garantien kann in der Corona-Pandemie niemand geben, und ein im Spielzeitheft noch erwähntes Jugendstück mit dem Titel „Unser Lehrer ist ein Troll“ ist bereits um ein Jahr verschoben worden. Karin Becker ist aber fest entschlossen, grundlegende Erwartungen ihres Publikums zu erfüllen.

Wer etwa ein Abonnement abgeschlossen hat, heißt es, der werde in der kommenden Spielzeit auch zu seinem Recht kommen. Eigens zu diesem Ziel will das Ensemble jeweils fünf bis sieben Vorstellungen mehr geben. Der dadurch entstehende Zusatzaufwand soll unter anderem durch die Verpflichtung von Aushilfen kompensiert werden.

Einzige Einschränkung: Der klassische Abo-Vorteil mit einer festen Zuteilung von Platz und Kategorie wird wegfallen, dafür gibt es dann aber auch einen Preisnachlass.

Man sei aufgrund der Corona-Krise dabei, „viele Szenarien zu entwickeln, wie der Beginn der neuen Spielzeit konkret aussehen wird“, heißt es auf der Homepage des Theaters: „Wir halten an unserem angekündigten Spielplan fest – es kann jedoch sein, dass sich Platzkapazitäten und Termine ändern.“

Zurückkehren wird das Theater also in jedem Fall. Wer diese Rückkehr aber nicht verpassen will, ist in den kommenden Wochen gut beraten, sich über kurzfristige Veränderungen auf dem Laufenden zu halten.

Nachlese am Küchentisch

Nach ihren eigenen Erwartungen gefragt, erklärte Becker einmal, sie wünsche sich, dass ihr Publikum sich nach einem Vorstellungsbesuch noch zu Hause am Küchentisch mit dem Erlebten beschäftige. Angesichts der politischen Brisanz vieler Stücke stehen dafür die Chancen schon mal nicht schlecht.

Weitere Informationen:
http://www.theaterkonstanz.de