Herr Heiß, wäre es für Sie auch in Ordnung gewesen, wenn Ihre Tochter bei der Linken Liste gelandet wäre?

Christof Heiß: Nicht unbedingt.

Warum nicht?

Christof Heiß: Weil das nicht meiner politischen Auffassung entspricht. Vielleicht hätte ich sogar versucht, das zu verhindern. Ich bin ausgesprochen liberal eingestellt und in keinster Weise in eine Richtung gepolt, weder Rot noch Schwarz. Deshalb hätte das überhaupt nicht gepasst.

Frau Heiß, wollten Sie zumindest früher nicht gegen ihren Vater oder ihre Eltern rebellieren, indem sie eine ganz andere politische Einstellung haben?

Susanne Heiß: Nein, ich muss echt sagen: Mein Vater ist ein ausgesprochen liberaler Mensch und war das auch in seiner Rolle als Vater. Ich hatte nie das Gefühl, rebellieren zu müssen. Wir haben uns immer sehr gut verstanden, aber auch schon früher viel diskutiert.

Wie sind Sie das erste Mal mit Politik in Berührung gekommen?

Susanne Heiß: Schon durch meinen Vater. Wir waren schon immer ein politischer Haushalt und er hat die Themen aus dem Gemeinderat nach Hause mitgebracht.

Worin waren Sie sich nie einig?

Susanne Heiß: Wir sind uns auch heute gelegentlich nicht einig. (lacht) Ich bin wahrscheinlich etwas sozialer eingestellt.

Christof Heiß: Ja, aber ich bin nicht asozial.

Susanne Heiß: Nein, das bist du natürlich nicht. Aber ich denke, in den sozialen Themen sind wir uns nicht immer ganz einig.

Christof Heiß: Ich habe mich eben immer mit den Finanzen beschäftigt.

Susanne Heiß: Gut, darin sind wir uns einig. Wenn sich die Stadt Konstanz etwas nicht leisten kann, sollte sie das auch nicht tun.

Was war zwischen 1971 und 1999 das heißeste Thema?

Christof Heiß: Wir waren unheimlich beschäftigt mit den verschiedenen Reformen, mit den Eingemeindungen von Litzelstetten, Dettingen und Dingelsdorf beispielsweise. Und dann beschäftigte uns vor allem der Verkehr, innerstädtisch wie auch die Anbindung. Es gab heftige Diskussionen um die Trassen der B33 und die verschiedenen Varianten: Durch das Ulmisried, eine Untertunnelung des Schwaketengebiets oder die Tieferlegung durch das Haidelmoos etwa. Letztlich wurde das Paradies mit dem Bau der Schänzlebrücke geteilt. Und die Anbindung von der Autobahn Singen ist uns in den vielen Jahren nicht gelungen. Die Grünen wurden stärker und stärker.

Entschieden hätte das auch damals ohnehin das Bundesverkehrsministerium.

Christof Heiß: Aber wir hätten Einfluss darauf gehabt. Und zu der Zeit hat es noch Geld gegeben für den Straßenbau. Durch die Streiterei haben wir unheimlich viel Zeit verloren. Der Gemeinderat von Konstanz ist schon auch mitschuldig, dass es so lange gedauert hat. Es geht bestimmt noch zehn Jahre, bis wir die vierspurige Straße haben.

Frau Heiß, was ist heute das spannendste Thema?

Susanne Heiß: Die Konstanzer Schulentwicklung, für mich speziell das Thema, wie wir Schulen planen für die wachsenden Schülerzahlen. Und aktuell beschäftigt die Frage nach der Sanierung, dem Erweiterungsbau an der Geschwister-Scholl Schule oder gleich dem Neubau der ganzen Schule.

Sind Sie beim Thema Schulentwicklung einer Meinung?

Susanne Heiß: Mein Vater hat da weniger Ahnung. Aber wir tauschen uns nach wie vor viel über Kommunalpolitik aus. Er hat einen reichen Erfahrungsschatz. Ich frage ihn gerne, wenn es darum geht, zu taktieren.

Was ist denn ihr taktischer Tipp, Herr Heiß? Wie bekommt man als Stadtrat Themen durch?

Christof Heiß: Mit Überzeugungsarbeit. Indem man sich in den Gremien ein Netzwerk aufbaut und mit allen Leuten über Parteigrenzen hinweg redet.

Zu solch einem Netzwerk würde man heute vielleicht sagen: Klüngelei.

Susanne Heiß: Natürlich tauschen wir uns heute wie früher über Parteigrenzen hinweg über Themen aus. Aber ich finde nicht, dass wir deshalb klüngeln.

Haben es Politiker heute schwieriger?

Susanne Heiß: Ich kann nur sagen: Die Zeit um 2015 war für mich schwierig. Ich habe mich damals beim Thema Flüchtlinge für die Anschlussunterkünfte im Zergle und in Egg eingesetzt und wurde auch persönlich angegriffen.

Christof Heiß: Ich bin früher als Autohändler schon auch mal angerufen worden und mir wurde gesagt: Wenn du da dafür stimmst, dann kauf ich bei dir kein Auto mehr.

Susanne Heiß: Okay, aber das, was 2015 teilweise gesagt wurde, ging weit über „ich kauf kein Auto mehr bei Ihnen“ hinaus.

Wie hat sich die politische Arbeit in Zeiten der Digitalisierung verändert?

Susanne Heiß: Unsere Sitzungsunterlagen sind wesentlich umfangreicher als das, was mein Vater hatte. Diese Woche beispielsweise habe ich drei Ausschüsse und saß am Wochenende acht Stunden da und habe Unterlagen gelesen.

Herr Heiß, hat sich die Stadt in den vergangenen 50 Jahren positiv oder negativ entwickelt?

Christof Heiß: Absolut positiv. Laufen Sie mal durch die Stadt, wie schön sie geworden ist. Selbst die Niederburg, die war vor 30 Jahren richtig herunter gekommen. Es gab ernsthafte Überlegungen, das alles abzureißen.

Können Sie nicht nachvollziehen, dass Menschen sagen: Das ist nicht mehr meine Stadt?

Christof Heiß: Nein, kann ich nicht.

Susanne Heiß: Man muss dazu sagen, dass mein Vater in der Wessenbergstraße wohnt. Er ist also sogar noch mehr betroffen als die, die außerhalb wohnen. Ich würde auch sagen, die Stadt hat sich zum positiven entwickelt. Aber ich kann nachvollziehen, dass manche sagen, das sei nicht mehr ihre Stadt. Gerade, wenn sie so geflutet ist, wenn man in kein Café mehr reinkommt oder gemütlich bummeln kann.

Christof Heiß: Das sind aber Einzelfälle, die das sagen.

Susanne Heiß: Nein, es sind schon viele, die finden, die Stadt sei zu voll.

Christof Heiß: Der Theorie „das Boot ist voll“ würde ich nicht folgen. Wir sind hoffentlich weiter eine offene Stadt und machen keine Grenzen zu. Es gab auch früher schon heftige Diskussionen, ob die Stadt nicht zu voll ist. Da hieß es dann: Gut, dann schreiben wir an der Einfahrt zur Stadt eben "Museum, Eintritt drei Mark fünfzig".

Susanne Heiß: Klar, Leerstand wäre auch nicht gut. Wir brauchen die Gewerbesteuereinnahmen.

Frau Heiß, im 40-köpfigen Gemeinderat sitzen zehn Frauen, in ihrer Fraktion sind sie die einzige Frau. Die meisten Stadträte sind männlich und über 60. Ist das gut so?

Susanne Heiß: Dass ich eine Frau unter Männern bin, stört mich überhaupt nicht. Das kenne ich aus der Autobranche. Dass meine Kollegen etwas jünger werden könnten, fände ich schon gut. So manche Meinung ist da vielleicht schon ein bisschen eingefahren. Wobei ich auch sagen muss: Wir können gut miteinander diskutieren und uns auch offen und fair kritisieren, ohne dass jemand am Ende persönlich beleidigt raus geht.

Herr Heiß, wie war das damals mit der Frauenquote?

Christof Heiß: Fast 50 Prozent, wenn Sie so wollen. Wir hatten lange Zeit bei sieben Gemeinderäten drei Frauen in der Fraktion: Maria Weiner, Hermine Preisendanz und Ilse Ritzmann.

Frau Heiß, wie vereinbaren Sie Familie und Politik?

Susanne Heiß: Als meine Kinder noch klein waren, hätte ich den Job nicht machen können. Mein Mann war früher viel im Ausland. Als ich 2014 in den Gemeinderat gewählt wurde, waren sie 12 und 14 Jahre alt. Ab da war es mir auch möglich, nachmittags und abends weg zu sein. Mein Mandat hat unserer ganzen Familie total gut getan. Ich konnte mich weiterentwickeln, die Kinder sind selbstständiger geworden.

Wächst gerade die vierte Generation Freie Wähler-Stadtrat beziehungsweise –rätin heran?

Susanne Heiß: Könnte sein. Meine Tochter hat vielleicht Ambitionen, aber sicher ist das nicht. Der Name Heiß ist natürlich schon gut, um gewählt zu werden, weil wir eine alte Konstanzer Familie sind. Allerdings heißt meine Tochter auch nicht mehr Heiß, sondern wie ihr Vater. Ich habe meinen Namen bei der Hochzeit behalten.

1970: Ein Schnappschuss vom ersten Schultag für Susanne Heiß. Heute kümmert sie sich als Stadträtin im Ratssaal vor allem um die Schulentwicklung in Konstanz. <em>Bild: </em><em>Privat</em>
1970: Ein Schnappschuss vom ersten Schultag für Susanne Heiß. Heute kümmert sie sich als Stadträtin im Ratssaal vor allem um die Schulentwicklung in Konstanz. Bild: Privat

Wie soll das Konstanz Ihrer Kinder und Enkelkinder aussehen?

Susanne Heiß: Wir brauchen mehr bezahlbaren Wohnraum. Ich wünsche mir, dass es viele innovative Firmen gibt, dass Konstanz vom Verkehr entlastet ist, dass wir vielleicht eine Seilbahn haben, die den Verkehr von der Mainau und Uni in die Stadt herein führt. Am Brückenkopf Nord haben wir die Möglichkeit, fast 2000 Park and Ride-Plätze zu schaffen und müssen das so attraktiv machen, dass es auch genutzt wird. Und ich wünsche mir, dass sich Uni und HTWG weiterentwickeln können.

Christof Heiß: Dass es in Konstanz keine EU-Außengrenze mehr gibt, dass die Schweiz zu Europa gehört und den Euro einführt. Dann gibt es auch keine Zettelwirtschaft mehr. Sieht momentan nicht danach aus, aber man darf ja hoffen.

 

Zu den Personen

  • Christof Heiß, 83, macht 1950 seine kaufmännische Ausbildung an der Zeppelin-Oberrealschule, dem heutigen Humboldt-Gymnasium. 1968 wird er in den Bürgerausschuss der Stadt Konstanz und drei Jahre später in den Gemeinderat gewählt. Sein Vater Berndt war Mitbegründer der Freien Wähler in Konstanz. Für sein öffentliches Engagement wird Christof Heiß 1999 der Ehrenring der Stadt Konstanz verliehen – das Jahr, in dem er nach fast 30 Jahren aus dem Gemeinderat ausscheidet. Heiß beschäftigte sich vor allem mit den Finanzen der Stadt.
  • Susanne Heiß, 53, macht nach dem Abitur am Suso-Gymnasium eine Ausbildung zur Betriebswirtin in Ravensburg, arbeitet in der Automobilbranche in Hamburg und ein halbes Jahr in New York und übernimmt 1992 die Geschäftsleitung von Berndt Heiß Automobile, das 1997 vom Singener Autohaus Bölle übernommen wird. Heiß studiert zwei Jahre Rechtswissenschaften, bis 2000 und 2002 ihre beiden Kinder zur Welt kommen. Seit 2012 arbeitet Susanne Heiß selbstständig in der Hausverwaltung, 2014 wird sie in den Konstanzer Gemeinderat gewählt und ist unter anderem Mitglied im Haupt- und Finanzausschuss, im Schul- und Jugendhilfeausschuss. (sap)