Rückblick: Seit mehr als 700 Jahren leben Juden in Konstanz. Seit dieser Zeit wurden sie immer wieder stigmatisiert, verfolgt und ermordet. Soziale Spannungen entluden sich mehrfach im Mittelalter in den Judenverfolgungen. Juden wurden eingesperrt und gezwungen, sich freizukaufen, Juden wurden mit Berufs- und Wohnverboten belegt. Mit den Gleichheits- und Freiheitsgedanken der Französischen Revolution verbesserte sich die Lage auch für die Juden. 1862 erhielten sie in Baden die Religions- und Niederlassungsfreiheit. In Konstanz legten sie 1869 den jüdischen Friedhof an, der heute ein Teil des Hauptfriedhofs ist, und eröffneten 1883 in der Sigismundstraße 19 die Synagoge, die 1938 in der Reichspogromnacht zerstört wurde

In dieser Nacht des Terrors waren hunderte Synagogen in Schutt und Asche gelegt, jüdische Geschäfte und Friedhöfe zerstört sowie Juden verhaftet und misshandelt worden. Dieser Nacht folgten die organisierte Vertreibung und Ermordung der europäischen Juden im Machtbereich des damaligen Dritten Reichs. Die neue Synagoge in Konstanz werde auch immer ein Ort der Mahnung sein, hatte der Konstanzer Oberbürgermeister Uli Burchardt exakt vor zwei Jahren gesagt, beim Spatenstich für den Synagogen-Neubau.

Im Juni 2018 fand das Richtfest für die neue Synagoge in der Sigismundstraße in Konstanz statt. Unser Bild zeigt (von links) Architekt Frank Hovenbitzer, Rabbina Avidgor Stern, stellvertretender Gemeindevorsitzender Arthur Bondarevm Rami Suliman als Vorsitzender des Oberrats der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden, Gemeindevorsitzender Peter Stiefel, stellvertretender Vorsitzender Gabriel Albilia.
Im Juni 2018 fand das Richtfest für die neue Synagoge in der Sigismundstraße in Konstanz statt. Unser Bild zeigt (von links) Architekt Frank Hovenbitzer, Rabbina Avidgor Stern, stellvertretender Gemeindevorsitzender Arthur Bondarevm Rami Suliman als Vorsitzender des Oberrats der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden, Gemeindevorsitzender Peter Stiefel, stellvertretender Vorsitzender Gabriel Albilia. | Bild: Rau, Jörg-Peter

Der Zerstörung der Synagogen waren Jahre der Diskriminierung, Entrechtung und Enteignung der Juden vorausgegangen – auch in Konstanz. Schon bald nach der Machtergreifung 1933 wurden Juden aus dem Öffentlichen Dienst, Organisationen und Berufen ausgeschlossen. Gegen jüdische Geschäftsleute wurde ebenso gehetzt wie gegen Menschen, die weiter die Dienstleistungen von Juden in Anspruch nahmen.

Am 31. März 1933 stellten sich in Konstanz SA-Männer vor Geschäfte und Praxen mit jüdischen Inhabern. Sie versuchten Besucher daran zu hindern, diese Einrichtungen zu betreten. Wer sich widersetzte, wurde bedroht und als Volksverräter beschimpft. Die nationalsozialistische Bodensee-Rundschau kündigte die Veröffentlichung einer Liste von "Konstanzer Volksgenossen" an, die "gegen den Willen der Nation ihren Bedarf in jüdischen Geschäften decken". Wer diese "Fremdrassigen" unterstütze, sei ein Volksverräter und schließe sich selbst aus der Volksgemeinschaft aus, so das Propaganda-Blatt.

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Nationalsozialisten machten Druck, um Juden immer weiter auszugrenzen, auch Stadtverwaltungen gaben dem nach. Bald gab es Schilder an Sitzbänken, Geschäften, Gasthäusern und dem Freibad Horn, auf denen erklärt wurde, hier seien Juden unerwünscht. Die Nürnberger Gesetze 1935 schafften die Rechtsgrundlage für die systematische staatliche Verfolgung der jüdischen Bevölkerung.

Juden sahen sich zunehmend gezwungen, sich im Ausland eine neue Existenz aufzubauen. Sie verkauften Wohn- und Geschäftshäuser, vielfach unter dem Preis, und gingen nach Palästina oder in die USA. Nach der Reichspogromnacht wurden Juden schrittweise enteignet und verpflichtet, die Schäden aus den Übergriffen zu bezahlen. Auch in Konstanz stellte die Stadt der jüdischen Gemeinde die Beseitigung der Trümmer der zerstörten Synagoge in Rechnung.

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Der erste Versuch, die Synagoge von 1883 in der Sigismundstraße 19 zu zerstören, passiert schon am 1. November 1936. Unbekannte legten ein Feuer, das schwere Schäden anrichtete. Damals aber griff die Freiwillige Feuerwehr ein und rettete das Gebäude. Die beim Brand beschädigten sieben Thorarollen wurden auf dem jüdischen Teil des Konstanzer Friedhofs beerdigt.

Zwei Jahre später, als in der Reichspogromnacht Nationalsozialisten Feuer in der Synagoge legten, war die Konstanzer Feuerwehr zwar ebenso zur Stelle, sie löschte aber nicht. Sie beugte sich nicht nur den Befehlen der SS-Brandstifter, allein die angrenzenden Gebäude vor den Flammen zu schützen, sie half, den Brand zu beschleunigen. Der stellvertretende Feuerwehr-Kommandant Arthur Schwarz und ein weiterer Feuerwehrmann folgten Aufforderungen der SS-Leute, sie stiegen in den Dachboden und öffneten Luken. Durch den Luftzug wurde das Feuer voll entfacht.

Die Synagoge am Morgen nach der Brandstiftung vom 9. November 1938. Das Foto dürfte von einem Nachbarhaus gemacht worden sein.
Die Synagoge am Morgen nach der Brandstiftung vom 9. November 1938. Das Foto dürfte von einem Nachbarhaus gemacht worden sein. | Bild: Archiv

Keiner der Täter wurde nach dem Krieg zur Verantwortung gezogen. Beim letzten Ermittlungsverfahren in den 60er-Jahren galten die Taten als verjährt. Der Brandstiftung 1938 folgte eine Verhaftungswelle gegen fast alle jüdischen Männer in Konstanz. Nach Zählung des NS-Regimes lebten 1933 in Konstanz 443 Juden. 1940 wurden von den 120 Verbliebenen 112 ins Internierungslager im südfranzösischen Gurs verschleppt. Die meisten starben an Mangelkrankheiten oder wurden später in Konzentrationslagern ermordet.

Ausblick: Die neue Konstanzer Synagoge ist im Bau und wird nach Angaben der Synagogengemeinde im März oder April 2019 eröffnet. Neben Gebetsräumen wird es eine koschere Küche, eine Bibliothek und Räume für die Gemeindearbeit geben. Die Konstanzer Gemeinde hat nach Angaben des stellvertretenden Vorsitzenden Gabriel Albilia rund 300 Mitglieder und eine aktive Studentengruppe: "Das ist ein starker Kern für die Zukunft." Die neuen Räume entstehen in einem Neubau und einem denkmalgeschützten Altbau, in dem Experten gerade am Erhalt von historischen Balken arbeiten. "Die neue Synagoge sollte so nah wie möglich am Platz der alten stehen. Das war uns wichtig", sagt Albilia. Der Platz für den Neubau sei also genau der Richtige.

Der Rohbau der neuen Konstanzer Synagoge steht. Unter dem Bauvlies ist die Klinkerfassade zu sehen, die an die der alten Synagoge erinnert, die vor 80 Jahren zerstört wurde.
Der Rohbau der neuen Konstanzer Synagoge steht. Unter dem Bauvlies ist die Klinkerfassade zu sehen, die an die der alten Synagoge erinnert, die vor 80 Jahren zerstört wurde. | Bild: Rindt, Claudia