In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 steckten Angehörige der Schutzstaffel (SS) in Konstanz die Synagoge in der Sigismundstraße in Brand und verhafteten 60 jüdische Einwohner. Im Buch „Selbstbehauptung durch Selbstgleichschaltung: die Konstanzer Stadtverwaltung im Nationalsozialismus” des Historikers und Konstanzer Stadtarchivleiters Jürgen Klöckler wird der Verlauf der Reichspogromnacht in Konstanz ausführlich beschrieben.

Die SS-Angehörigen sollen spät nachts in Zivilkleidung vorerst erfolglos versucht haben, die Synagoge anzuzünden. Als ein Nachbar gegen drei Uhr morgens aufgrund von Rauchentwicklung im Innern des Gebetshauses die Feuerwehr rief, wurde diese nach ihrem Eintreffen von SS-Oberführer Walter Stein wieder zurückgeschickt. Ein paar Feuerwehrmänner sollen jedoch geblieben sein und wurden von Stein befehligt, ihm bei der Brandstiftung zu helfen.

Die ehemalige Synagoge in der Sigismundstraße 19 vor dem Brand vom 10. November 1939. <em>Bild: </em><em>SK-Archiv</em>
Die ehemalige Synagoge in der Sigismundstraße 19 vor dem Brand vom 10. November 1938. | Bild: SK-Archiv

Die SS-Angehörigen borgten sich Atemmasken von der Feuerwehr und ein Feuerwehrmann öffnete Dachluken, um die Brandentwicklung zu verstärken. Als sich immer noch kein Großbrand entzündete, forderte Stein Hilfe aus Radolfzell an. Die SS-Verfügungsgruppe Germania aus Radolfzell brachte Sprengstoff. Am Ende brannte die Synagoge aus und stürzte teilweise ein. Die Feuerwehr wurde gerufen, diesmal von der SS selbst, um zu gewährleisten, dass Nachbarhäuser kein Feuer fangen würden.

Zudem wurden am 10. November 60 Konstanzer Juden von der Gestapo und der Kriminalpolizei festgenommen und in die Keller und Büros der Gestapo-Dienststelle in der Mainaustraße gebracht, dort festgehalten, gedemütigt und geschlagen. Gegen Abend wurden einige ältere Juden wieder freigelassen, viele übrige wurden gezwungen, einen Sonderzug zum Konzentrationslager Dachau zu nehmen.

1938 erst in Brand gesteckt und danach gesprengt: Die SS-Verfügungstruppe Germania aus Radolfzell zerstörte die Konstanzer Synagoge in der Pogromnacht | Bild: SK-Archiv

Wer am Morgen des 11. November 1938 die „Heimat-Chronik” der Deutschen Bodensee-Zeitung aufschlug, um Informationen zu Ereignissen in Konstanz zu erlangen, der könnte den kleinen Bericht am linken oberen Seitenrand geradezu überlesen haben. In ein paar knappen Sätzen wird über den Brand der Synagoge in der Sigismundstraße und die Verhaftung der Konstanzer Juden berichtet. Die Benachrichtigung zum „Eintopf-Gemeinschaftsessen am nächsten Sonntag” daneben wirkt fast schon wichtiger. Dem Verbrechen an der jüdischen Gemeinde wird in dieser Ausgabe also wenig Beachtung geschenkt.

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Über dem kleinen zugehörigen Artikel prangt zudem ein Titel, der irreführender nicht sein könnte: „Empörung des deutschen Volkes über die jüdische Mordtat.” Der Einstieg ist ähnlich verwirrend, wenn einem die wahren Umstände bekannt sind. Es wird berichtet, dass sich die Empörung der Deutschen über das Verbrechen des Juden Herschel Grynszpan in der Nacht zum 10. November Luft gemacht habe. Grynszpan soll in Paris einen deutschen Diplomaten ermordet haben, als Reaktion darauf seien viele Synagogen in Deutschland von Bürgern „demoliert” worden.

Dieser Bericht erschien am 11. November 1938 in der "Konstanzer Heimat-Chronik". | Bild: SK-Archiv

In der Konstanzer Synagoge in der Sigismundstraße „brach ein Brand aus”. Das Wort Brandstiftung wird im Artikel komplett vermieden und auch die Feuerwehrmänner sollen alle lediglich das Übergreifen des Brandes auf umliegende Häuser verhindert haben. Die Bürger seien zudem selbst verantwortlich für die Zerstörung, und dieses Verhalten wird als verständlich dargestellt. Dem Leser wird also vermittelt, die Vorfälle seien auch noch in seinem Sinne gewesen. Die Exekutive verherrlicht sich als anscheinend gutes Vorbild, da sie „eine große Anzahl von Juden zu ihrer eigenen Sicherheit in Schutzhaft” genommen hätte.

Die Rolle der Medien im Dritten Reich

Die Deutsche Bodensee-Zeitung (DBZ) wurde 1923 gegründet und war ursprünglich das Presseorgan der Zentrumspartei im Bodensee-Gebiet sowie die größte katholische Tageszeitung in Baden. Ihre Redakteure berichteten in den ersten Jahren äußerst kritisch über Nationalsozialisten und Kommunisten. Als jedoch Adolf Hitler Reichskanzler wurde, schränkte er willkürlich Presse- und Meinungsfreiheit ein, was der Sturmabteilung erlaubte, 1933 das Verlagsgebäude der DBZ am Münsterplatz zu besetzen. In den folgenden Jahren wurden Gesetze weiter verschärft, die Presse gleichgeschaltet, die DBZ für mehrere Tage verboten.

Der Tageszeitung drohte immer wieder die Schließung, bis sie ihre Berichterstattung letztendlich komplett an die Propaganda der Nationalsozialisten anpasste. Nur noch der Kulturteil der DBZ blieb katholisch geprägt. Aufgrund der von der Reichspresse versandten Stilllegungsbescheide, erschien die Tageszeitung 1941 zum letzten Mal in Konstanz, da sie, obwohl gleichgeschaltet, immer noch als Überbleibsel der Zentrumspartei und somit als Gefahr für die NSDAP galt.

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