Wenn Frau Budai zur Paprika wird, ist die Sache ernst. Das wissen die Kinder. Ihr Ton wird dann schärfer, der Kopf röter, eine ungarische Paprika eben, sagt Frau Budai und lacht. Natürlich gebe es auch an der Waldorfschule Regeln, und manchmal auch ein Donnerwetter. Wie an jeder anderen Schule auch.

„Wir sind nicht die besseren Lehrer und unsere Kinder keine Musterschüler. Wir haben genau dieselben Probleme, die andere Schulen auch haben“, sagt die Klassenlehrerin und ergänzt den Punkt, der vielleicht entscheidend ist, um das Prinzip Waldorf zu verstehen: „Die, die hier arbeiten, sind überzeugt, von dem was sie tun. Weil sie sich hier ein Stück weit zuhause fühlen.“  

Von der Lagerhalle zur Waldorfschule

Budai zeigt in ihr kleines, langgezogenes Lehrerzimmer. Holzboden, pastellfarbene Wände, auf dem Tisch stehen ein Toaster, eine Nähmaschine und eine Kerze, darunter döst Schulhund Oscar. Noch vor ein paar Jahren gab es diesen Raum nicht, das Gebäude im Industriegebiet wurde als Lagerhalle von einem homöopathischen Versandhandel genutzt. Bis sich eine Handvoll Eltern zusammentaten, 2012 einen Verein gründeten, Wände einzogen, Naturholz-Möbel zusammenschreinerten und die erste Waldorfschule in Konstanz gründeten.
 
Landauf, landab sind so in den vergangenen zehn Jahren zahlreiche Freie Schulen entstanden, initiiert von Eltern, die nach Alternativen zur staatlichen Schule suchen. Es sind jene Eltern, die genug haben von G8 und normiertem Leistungsdenken, vom „Drillen der Kinder“ und von „Bulimie-Lernen“, wie es Edith Budai ausdrückt. Die Idee der Waldorfschule hört sich für diese Eltern besser an: „Wir geben den Kindern mehr Zeit und viel Freiraum, einen eigenen Weg zu finden.“ Kein Sitzenbleiben, keine Noten bis zur achten Klasse, intensive Betreuung durch einen Klassenlehrer.

Zum ersten Mal eine fünfte Klasse

Früh lernen die Schüler, ihre Hände zu gebrauchen. Geist und Körper sollen sich im Einklang miteinander entwickeln, so in etwa lautet der von Rudolf Steiner, dem Gründer der Waldorfpädagogik, formulierte Anspruch. Leistungsdruck soll es an der Waldorfschule nicht geben, jedenfalls nicht zu früh. Seit ihrer Gründung ist die Waldorfschule auf diesem Konzept stetig gewachsen, und in diesem Schuljahr gibt es zum ersten Mal eine fünfte Klasse.
 
Für die steht heute Geographie auf dem Stundenplan, so wie gestern und so wie morgen. Drei bis vier Wochen am Stück beschäftigt sich die Klasse mit einem Thema, Epoche genannt. Bücher gibt es keine, ebenso wenig wie Aufgabenkopien. Vorne an der Schiefertafel ist eine bunte Karte von Rheinverlauf aufgemalt, die Kinder sitzen in U-Form an den Holztischen, auf denen die teilweise selbst gebastelten Mäppchen mit den Wachsmalstiften liegen.

Im Gespräch mit den Kindern erklärt Rebecca Löschner, Waldorf-Studentin an der Freien Hochschule in Stuttgart und derzeit Praktikantin in Konstanz, wie Braunkohleabbau funktioniert. Später gibt es ein Diktat, inklusive dem Stöhnen der Kinder, wie man es von jeder anderen Schule auch kennt.  In der „Jahreszeiten-Ecke“ liegt ein Mineralkristallstein, daneben das Buch mit den Zeugnissprüchen für jedes Kind, eine Art persönliches Gedicht, „an dem es sich orientieren kann“, erklärt Löschner.

Die Farben orientieren sich am Waldorf-Gründer

Vor dem Klassenzimmer stehen Obstkisten mit kostenlosen Äpfeln und auf den Toiletten Öko-Seife von Sonett. Nirgends ist der Industrie-Charakter des Gebäudes ganz verschwunden, aber überall ist es pastelliger.
 
In der fünften Klasse pastellgelb, um genau zu sein. Nicht einfach so, sondern weil Rudolf Steiner einst einen Kreis festgelegt hat, in dem Farben einer Seelenhaltung entsprechen. „Das Gebäude steht in Wechselwirkung mit unserem Dasein“, formuliert es Edith Budai. Steiners Lehre, die Anthroposophie, ist „ohne Frage die Grundlage unserer Pädagogik“.

In der Ausbildung werden seine Schriften gelesen, in den Elterngesprächen wird erklärt, welche Inhalte und Methoden sich auf seine Lehren beziehen und im Schulsekretariat hängt ein großes Poster mit seinem Zitat: „Leben in der Liebe zum Handeln und Leben lassen im Verständnisse des fremden Wollens ist die Grundmaxime des freien Menschen.“

Im Unterricht und Schulalltag aber werde weder von Steiner noch von der anthroposophischen Ideologie gesprochen, betont Budai. Es gibt Waldorfeltern, die wissen kaum etwas von Steiner oder stehen ihm sogar skeptisch gegenüber. Es gab schon jene, die sich nach der Lektüre seines Buchs „Die Erziehung des Kinds“ gegen die Waldorfschule entschieden haben und es gibt die, die selbst begeisterte Waldorfschüler waren und ihre Kinder auch schon hier in den angeschlossenen Kindergarten geschickt haben. Etwa die Hälfte aber sind nach Angaben der Schule Quereinsteiger, viele kommen aus der Schweiz.
 
Eine Klasse als "Schicksalgemeinschaft"

„Die Eltern müssen auch uns genau anschauen“, kommentiert Edith Budai die Entscheidung für oder gegen die Waldorfschule. Denn dort werden die Kinder in der Regel von der ersten bis zur achten Klasse von demselben Lehrer unterrichtet. Eine „Schicksalsgemeinschaft“, sagt Budai. Das kann bereichern sein – aber auch völlig schiefgehen. Vor allem dann, wenn es Kollegen sind, die an Steiners umstrittenen Theorien festhalten und an Waldorf-Zeiten, in der die Lehrerin noch eine besondere Mütterlichkeit ausstrahlen musste und nicht in Jeans zur Schule kommen sollte.

Für Edith Budai und ihre Kollegen sind diese Zeiten längst vorbei. „Die Lehre Steiners ist nicht versteinert. Man muss auch erkennen, dass sich die Zeiten verändert haben und sich deshalb auch der Unterricht verändern muss.“ Wie, ist den Lehrern so ziemlich selbst überlassen. Nach der Steiner-Pädagogik haben sie bei der Gestaltung des Unterrichts weitgehend freie Hand. Auch hier: Das kann gut sein, aber auch schief gehen.

Klassenlehrer beispielsweise geben  – außer in den Fremdsprachen – alle Hauptfächer selbst, von denen sie jedoch keines in einem Fachstudium vertieft haben müssen. Einige kommen aber auch von einer staatlichen Schule mit einer klassischen Lehrerausbildung. Edith Budai etwa war Staatschullehrerin in Ungarn und bildete sich hier zur Waldorfpädagogin weiter. „So ein Jodeldiplom reicht hier jedenfalls nicht“, sagt sie.

Wie schneidet die Waldorfschule im Bildungsvergleich ab?
 
Wer wissenschaftliche und vor allem unabhängige Studien zur Waldorfpädagogik sucht, findet nicht viel. Nur ein paar holprige Vergleiche mit dem staatlichen Schulsystem. Etwa, dass die Waldorfschüler beim Zentralabitur in Nordrhein-Westfalen zwar etwas schlechter abschneiden als die staatlichen Gymnasien, aber besser als Gesamtschulen. Oder das Ergebnis des Bildungsforschers Heiner Barz, wonach Waldorfschüler mit mehr Begeisterung lernen, sich nicht gestresst fühlen und eine bessere Beziehung zu ihren Eltern haben. Nur wenige würden Hauptschulabschluss machen, Mittlere Reife und Abitur halten sich die Waage.

Bei Ergebnissen wie diesen muss man aber mitbedenken: Wie hoch der Anteil des Bildungserfolgs auf die Pädagogik oder auf vornherein bessere Startbedingungen ist zurückzuführen ist, ist schwer zu sagen. Fest steht: Nicht wenige Waldorfkinder kommen aus einem behütetet, wohlhabenden Elternhaus, oft sind die Eltern Akademiker. 

Und dass die Waldorflehrer sich mehr mit ihrem Beruf identifizieren und deshalb vielleicht auch erfolgreicher sind, lässt sich auch darauf zurückführen, dass die Überzeugung ihren Preis hat: 1.850 Euro pro Jahr kostet das Bachelor-Studium Waldorfpädagogik beispielsweise an der Freien Hochschule Stuttgart, die Lehrer werden nicht verbeamtet und ihr Gehalt richtet sich nicht nach einem Tarif, sondern ist frei verhandelbar. In der Regel aber bekommen sie zwischen 30.000 und 40.000 Euro im Jahr. Bei Lehrern an deutschen staatlichen Schulen sind es zwischen 40.000 und 60.000 Euro.

Die wichtigsten Fragen zur Waldorfschule
  • 1. Keine Noten, kein Sitzenbleiben: Bringen die Schüler überhaupt Leistung?
    • Ja – sagen die Waldorfpädagogen. Die Waldorflehrer setzen darauf, dass die Kinder Eigeninitiative entwickeln,  und zwar nicht aufgrund von äußerem Leistungsdruck, „sondern aus lebendigem Interesse und persönlicher Begeisterung für die vielfältigen Unterrichtsinhalte.“ Und zwar dann, „wenn sie soweit sind“, erklärt Lehrerin Edith Budai. Zwar gibt es in der Unter- und Mittelstufe keine Noten, aber die Arbeiten der Schüler werden trotzdem bewertet. Die Zeugnisse bestehen aus detaillierten Beschreibungen, die die Leistung, den Leistungsfortschritt, die Begabung und das Bemühen in einzelnen Fächern thematisieren. Ab der zehnten Klasse gibt es Noten wie im staatlichen Schulsystem.
  • 2. Können Waldorfschüler wirklich ihren Namen tanzen?
    • Edith Budai hat die Frage erwartet. „Ja, das ist nicht nur ein Klischee“, sagt sie und lacht. Die Eurythmie, manche „Waldis“ sagen sogar selbstironisch „Bio-Karate“ dazu, wird oft belächelt, sei aber ein wichtiges Fach. Es sensibilisiere Kinder dafür, was um sie herum geschieht, sie bekommen ein Gefühl für Raum und Körper, und die Aufführungen vor Publikum stärken das Selbstbewusstsein. Das „getanzte Gedicht“ sieht dann zum Beispiel so aus.

      Die einen Schüler hassen es – die anderen machen es gerne. Beim Besuch in der Konstanzer Waldorfschule fällt aber auf: Die Jungen und Mädchen gehen tatsächlich sehr selbstbewusst damit um, dass sie gerade wie selbstverständlich in blauen und gelben Seidenkleidern vor zwei Journalistinnen stehen. In der Pubertät, weiß Edith Budai aus Erfahrung, wird sich das bei manchen noch ändern. Die Mädchen sind unsicher mit ihrem Körper, die Jungs finden es tendenziell eher uncool, sich ein wallendes Kleid überzustreifen und zu Gedichten zu tanzen. „Die Überwindung, es doch zu tun, stärkt die Persönlichkeit“, sagt Budai. Etwas kritischer ausgedrückt: Wer das durchgestanden hat, den kann nichts mehr schrecken.
  • 3. Wie steht die Waldorfschule zum Umgang mit Computern?
    • „Wir sind nicht weltfremd“, sagt Edith Budai. Die Skepsis der Waldorf-Pädagogik gegenüber Smartphones, Computer und Fernsehen dürfe man nicht mit einem generellen Verbot verwechseln. Viele Waldorfschüler haben Smartphones, die müssten aber während der Schule aus bleiben. „Wir verteufeln die Technik nicht, sie sollte aber bewusst benutzt werden.“ In der fünften Klasse beispielsweise steht das Thema deutsche Teilung auf dem Stundenplan. Dazu sollen die Kinder selbst recherchieren – im Internet, aber auch in der Bücherei oder sie fragen Verwandte und Nachbarn.
  • 4. Was heißt „Freie Waldorfschule“?
    • „Frei“ bedeutet hier lediglich: Die Schule befindet sich in freier Trägerschaft und die Schulen haben eine weitgehend pädagogische Autonomie. Die Lehrer verstehen sich als „Lernbegleiter, nicht als Wissensvermittler“, erklärt Edith Budai. Regeln würden als Autorität, nicht autoritär vermittelt.
  • 5. Ist die Waldorfschüler eher was für künstlerisch begabte?
    • Nein, betont die Waldorfschule. Allerdings ist das künstlerische Üben und Ausprobieren ein essentieller Bestandteil im Lehrplan.
      Auf dem steht zum Beispiel Stricken, Nähen, Sägen, Theaterspielen und die Eurythmie. Die Begabung der einzelnen Schüler würden dabei berücksichtigt werden und wer zum Beispiel absolut kein Instrument spielen will, müsse das auch nicht.
  • 6. Wie viel kostet die Waldorfschule?
    • Es gibt ein Schulgeld, die Höhe hängt allerdings vom Einkommen der Eltern ab. An den deutschen Waldorfschulen bewegt sich der Mindestbetrag an den Förderverein zwischen 100 und 250 Euro pro Monat, in diesem Bereich bewegt sich auch die Waldorfschule Konstanz. Einen genauen Betrag nennt die Schule nicht, „weil Geld nicht entscheidend für die Aufnahme ist und die Schule für alle zugänglich ist“, betont Edith Budai. Die Lehrer wüssten auch nicht, wie viel die jeweiligen Eltern zahlen. Man bemühe sich über Solidargemeinschaften, die unterschiedlichen finanziellen Möglichkeiten der Familien auszugleichen. Dabei setzt die Schule auch auf die Ehrlichkeit der Eltern – all ihre Finanzen offenlegen müssen die Eltern nicht.
  • 7. Warum ist Rudolf Steiner umstritten?
    • 1919 gründete der Anthroposoph Rudolf Steiner die erste Waldorfschule für die Arbeiterkinder einer Zigarettenfabrik. Geprägt von den Idealen der Romantik und des Jugendstils, wollte Steiner, dass die Kinder in einer heilen und beschützten Umgebung lernen, angstfrei und ohne Notendruck. Das Werk Rudolf Steiners wurde allerdings schon zu seinen Lebzeiten sehr kontrovers diskutiert. Streitfragen dabei waren vor allem die proklamierte Wissenschaftlichkeit der Anthroposophie, die von Vertretern der universitären Wissenschaft nicht akzeptiert wurde, und die gnostischen Ansätze seiner Christologie, die von den Amtskirchen scharf verurteilt wurden. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden auch Steiners Äußerungen zur Rassenfrage und zum Judentum kritisiert.