Viel Lärm um notwendige Modernisierung oder doch überflüssige Luxussanierung? – mit dieser Frage sehen sich seit einigen Wochen die Mieterinnen und Mieter der Schwaketenstraße 98-108 konfrontiert. Die große Vermietergesellschaft Vonovia SE, die in Konstanz viele Immobilien hält, plant ab Ende Juni an den beiden mehrere Jahrzehnte alten Objekten sowohl innen, als auch außen tiefgreifende Modernisierungs- und Instandhaltungsmaßnahmen – sehr zum Missfallen vieler Mieter. Diese müssen während der Bauzeit mit Einschränkungen rechnen und befürchten nach Abschluss der Maßnahme deutliche Mieterhöhungen von teilweise über 35 Prozent. Der Deutsche Mieterbund Bodensee (DMB) kritisiert das Vorhaben Vonovias stark und mehr als 100 Mieter haben sich zu einer Initiative zusammengeschlossen.

 

Was das Unternehmen beabsichtigt:

 

Vonovia SE plant in der Schwaketenstraße 98-102 ab dem 2. Juli sowie in der Nachbarhausnummer 104-108 umfangreiche energetische Modernisierungen, wie zum Beispiel eine neue Wärmedämmung an den Außenwänden und an den Kellerdecken oder auch neue Fenster, die allesamt das Ziel haben, den künftigen Energiebedarf zu senken. Außerdem ist neben anderen Modernisierungsmaßnahmen eine Erneuerung von Wasserleitungen und Bäder beabsichtigt. Des Weiteren sollen auch im Rahmen einer Instandhaltung unter anderem die Balkone, die Außenbeleuchtung, die Aufzugskabinen erneuert werden und das Treppenhaus und der Keller erhalten einen neuen Anstrich.

 

Und auch das noch:

 

Zusätzlich möchte die Vonovia das Wohnumfeld, wie zum Beispiel die überdachten Fahrradstellplätze oder die veraltete Briefkastenanlage, verbessern. Den insgesamt 19 Einzelmaßnahmen, die zum Teil versetzt, zum Teil aber auch parallel über einen Zeitraum von 33 Wochen geplant sind, sehen die Mieter jedoch mit großen Bedenken entgegen.

 

Das befürchten die Mieter:

 

Besonders die angekündigte und durch die Modernisierung begründete Mieterhöhung gibt Anlass zur Sorge bei den Mietern, von denen viele schon in einer der 252 betroffenen Wohnungen gelebt haben, als es sich bei den beiden Immobilien noch um öffentlichen sozialen Wohnraum handelte. Einige fühlen sich sogar in ihrer Existenz bedroht, wie eine 77-jährige Rentnerin. Sie möchte ihren Namen nicht in der Zeitung lesen, da sie sich in rechtlichen Verhandlungen mit der Vermietergesellschaft befindet. Seit sieben Jahren wohnt sie in ihrer 65 Quadratmeter großen Wohnung. Bei einer Erhöhung um 199 Euro, wie sie die Frau dem SÜDKURIER nennt, könne sie wahrscheinlich ihre Miete nicht mehr bezahlen.

 

Gespaltenes Verhältnis

 

Das Verhältnis zwischen ihr und der Vonovia SE sei schon seit Beginn des Mietverhältnisses angespannt: "Seit zweieinhalb Jahren nur Krieg und Theater", sagt die Rentnerin frustriert. Auch für eine Sozialhilfeempfängerin, die ebenfalls anonym bleiben will, wäre die Mieterhöhung um die knapp 130 Euro, wie sie die Zahl nennt, ein Problem, da die Gesamtmiete dann den sozial bezuschussten Höchstbetrag von 500 Euro überschreiten würde und sie ausziehen müsste. Seit der Modernisierungsankündigung ist sie dem Mieterbund beigetreten und bereit, für ihre Einwände einzustehen.

 

Das sagt der Deutsche Mieterbund Bodensee:

 

Er kritisiert diese deutliche Erhöhung: "Nach der Mieterhöhung wird so mancher Mieter möglicherweise auf Sozialleistungen angewiesen sein. Die hohen Mieten sind dann einmal mehr ursächlich für das Abrutschen in die Armut", gibt Mieterbund-Vertreter Winfried Kropp zu bedenken.

 

Das sagt Vonovia:

 

Dagegen betonte Dennis Gebhardt, Regionalleiter von Vonovia und zuständig für die Wohnungen in Konstanz, in einem Gespräch mit dem SÜDKURIER, dass sein Unternehmen alles daran setze, um die Kunden in der Anlage zu halten und es nicht im Sinne Vonovias sei, dass jemand ausziehen müsse. Diesem Eindruck habe die Vermietergesellschaft schon bei einer Informationsveranstaltung Ende April entgegenwirken wollen, in der sie den Betroffenen die Maßnahme detailliert erklärt habe. Pressesprecherin Bettina Benner appelliert an die Mieter: "Wir wollen weiterhin ein lebendiges Quartier halten, uns ist daran gelegen, unsere Mieter auch an uns zu binden. Und jeder, der wegen dieser Erhöhung Sorge hat, soll sich an uns wenden und da findet sich dann auch eine Lösung."

 

Um diese Erhöhung geht's:

 

Nach Ansicht des Deutschen Mieterbunds steht allerdings die zu erwartende Erhöhung in keinem Verhältnis zur zu erwartenden energetischen Einsparung. Hierzu merkte Vonovia-Regionalleiter Dennis Gebhardt an, dass zugunsten der Mieter schon nicht die maximalen gesetzlichen 11 Prozent der Modernisierungskosten umgelegt würden, sondern im Vorfeld bereits 10 Prozent der möglichen Gesamterhöhung vom Unternehmen gekappt worden sei.

 

Müssen die Sanierungenund Modernisierungen sein?

 

Die Sinnhaftigkeit einzelner Maßnahmen sowie deren Bezeichnung als Modernisierung erscheint vielen Mietern und auch dem Deutschen Mieterbund zweifelhaft. Besonders die Wärmedämmung an den Außenfassaden sowie die neuen Fenster, die erst 2002 komplett ersetzt worden sind, lassen den Vorwurf aufkommen, es handle sich bei dem Vorhaben um eine unnötige Luxussanierung: "Unserer Ansicht nach steht der Mieter bei Vonovia nicht im Mittelpunkt des Wirtschaftshandelns. Die Sanierung wird zur Möglichkeit, Geld zu drucken. Warum sollte man sonst eine 16 Jahre alte Wärmedämmung und ebenso alte Fenster austauschen?", so Weber.

 

Sanierung vor zehn Jahren

 

Auch die Modernisierung der Sanitäranlagen, die bei einigen Mietern erst vor zehn Jahren erneuert worden sind, sorgt für Unverständnis und so auch für Widerwillen gegen das Bauvorhaben. Vonovia distanzierte sich deutlich von diesem Vorwurf und beharrt in ihrem Bestreben, kundenorientiert, transparent und sozialverträglich zu handeln: "Vonovia führt keine Luxusmodernisierung durch. Wir wollen, dass die Leute sich in ihren Wohnungen wohlfühlen, und diese aber auch zeitgemäß sind", insistiert Pressesprecherin Bettina Benner.

 

Gegenwind kann den Zeitplan zum Kippen bringen:

 

Dass eine Zeitspanne von 33 Wochen für eine so umfangreiche Maßnahme straff angesetzt ist, ist sich die Vonovia bewusst und dahingehend sehr auf die Toleranz der Mieter angewiesen: "Das ist schon sehr anspruchsvoll, da machen wir keinen Hehl daraus. Da ist auch ein bisschen Puffer miteingerechnet. Wir sind aber auch auf das Mitwirken der Kunden angewiesen, damit die Maßnahme termingerecht umgesetzt werden kann", so Gebhardt. Die stetig wachsende und nun schon knapp hundert Mieter starke Initiative gegen die geplanten Maßnahmen, die einige Bewohner der betroffenen Hausnummern an der Schwaketenstraße in den zurückliegenden Wochen gegründet haben, demonstriert den Gegenwind.

 

Unterstützung vom Mieterbund

 

Der Mieterbund unterstützt das Engagement der Betroffenen: "Alleinig, dass sich die Mieter der Schwaketenstraße 98-108 mit einer Initiative selbstständig organisieren, ist schon eine tolle Sache und in solchen Fällen sehr selten. Es zeigt aber auch, wie existenzbedrohend diese Maßnahmen auf die Mieter wirken", bringt auch Verbandsvorsitzender des DMB Herbert Weber zum Ausdruck.

 

Politische Forderung

Der Deutsche Mieterbund Bodensee nutzt diesen Fall neben der konkreten Betreuung der Schwaketenstraße-Mieter auch zur politischen Interessenvertretung und als Beispiel dafür, dass die Absenkung der Modernisierungsumlage von acht Prozent, wie im Koalitionsvertrag verabredet, nicht ausreiche; zudem sei die Grenze, die Miete pro Quadratmeter nach einer Modernisierung um nicht mehr als drei Euro zu erhöhen, viel zu hoch angesetzt. Dafür stand Stadtrat und Mieterbundsvorsitzender Herbert Weber unter anderem auch bei der Gemeinderatssitzung am Donnerstag ein (siehe weiteren Text). Auch in der Jacob-Burkhardt-Straße besitzt Vonovia Immobilien, für die nach Aussagen des Regionalleiters Dennis Gebhardt in nächster Zeit keine energetischen Sanierungen vorgesehen sind. An Vonovia gibt es bundesweit immer wieder Kritik, zuletzt in Stuttgart wegen Kaufangeboten. (lh/phz)

 

Das Unternehmen und weitere Kritik

  • Das Unternehmen: Vonovia ist Deutschlands größter Immobilienkonzern. Zu seinem Bestand zählen laut eigener Darstellung 347 000 Wohnungen. Das Unternehmen ging aus dem Zusammenschluss der Deutschen Annington, die 2015 rund 400 Wohnungen der Südewo in Konstanz übernommen hatte, und der Gagfah hervor. Im vergangenen Jahr hat das börsennotierte Unternehmen aus Bochum rund 1,1 Milliarden Euro in Instandhaltung und Modernisierung investiert – das war ein Drittel mehr als 2016. Vonovia will in Zukunft jährlich rund eine Milliarde Euro in Neubau, Dachaufstockungen und Modernisierungen stecken. Jedes Jahr sollen so rund 2000 neue Wohnungen entstehen.
  • Weitere Streitpunkte: Weitere Spannungen bei den Sanierungen in Konstanz stellen die Bauarbeiten in den Häusern dar. Eine Minderung der Miete ist nach Aussagen von Vonovia nach dem dritten Monat möglich, da es sich um eine energetische Sanierung handle. "Natürlich werden wir auf unsere Kunden, die eine deutliche Einschränkung und daher auch einen gesetzlichen Anspruch auf Mietminderung haben, zukommen und versuchen, sie angemessen abzuholen", sagte Regionalleiter Dennis Gebhardt. Auch Härtefällen werde, nicht wie von Mietern beklagt, ignoriert, sondern gesammelt und nachgegangen, um individuelle Lösungen zu finden. (phz/lh)