Natürlich ist Wolfgang Mettler sauer. Und natürlich ist er auch enttäuscht. Drei Jahre lang hat er gehört, geschrieben, komponiert. Eine halbe Million Noten hat er aufgeschrieben, die 167-seitige Partitur ist fertig. 55 Minuten Musik, ein Werk wie eine Sinfonie. Und jetzt: Altpapier. Sein großes Werk rund um die Melodien von Willi Hermann (1907-1977) wird nicht aufgeführt werden.

Nicht Ende November, zum 111. Geburtstag des Urhebers bekannter Konstanzer Fasnachtslieder. Und vermutlich auch nicht zu einem späteren Zeitpunkt, jedenfalls nicht in dieser opulenten Form. Mettler, 67, vielfach engagierter Chor- und Orchesterleiter, pensionierter Pädagoge, stadtbekannter Fasnachter, will sich seinen Willi Hermann nicht nehmen lassen.

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Dass der Mann, mit dessen Musik Mettler so intensiv beschäftigt hat wie noch keiner vor ihm, vor seiner zweiten Karriere als Akteur der Bühnenfasnacht hauptberuflich Propagandaredner für die NSDAP und an Kriegsverbrechen in Griechenland beteiligt war: Das, sagt Mettler, habe ihn tief getroffen.

Er erkenne die Leistung von Stadtarchivar Jürgen Klöckler und der SÜDKURIER-Redaktion ausdrücklich an und ziehe die Forschung nicht in Zweifel, betont der Musiker zehn Tage nach den Enthüllungen. Aber dass man deswegen die Lieder Hermanns nicht mehr singen könne?

Da war die Vorfreude auf die Konzerte mit der Musik von Willi Hermann noch groß: Wolfgang Mettler (links) im Oktober 2017 mit Niederburg-Präsident Mario Böhler und frisch gesetzten Noten für die Geburtstags-Gala.
Da war die Vorfreude auf die Konzerte mit der Musik von Willi Hermann noch groß: Wolfgang Mettler (links) im Oktober 2017 mit Niederburg-Präsident Mario Böhler und frisch gesetzten Noten für die Geburtstags-Gala. | Bild: Jörg-Peter Rau

Mit dem jetzigen Wissen die Lieder noch fröhlich anzustimmen, das sei "zynisch", hatte Museumsdirektor Tobias Engelsing im SÜDKURIER-Interview gesagt. Und erklärt, dass man die Werke von der Lebensgeschichte ihres Erschaffers nie ganz werde trennen können. Falsch, hakt Wolfgang Mettler ein. Willi Hermanns Weisen "sind fasnächtliche Volks-Lieder geworden", sagt er: Und das Volk solle entscheiden, ob sie noch gesungen werden oder nicht.

Nun hat zwar niemand auch nur ansatzweise von einem Verbot des Hemdglonkermarschs, von "Mädle, wenn vo Konstanz bisch" oder von "Ja wenn der ganze Bodensee" gesprochen. Aber die Debatte, so nimmt Mettler es wahr, könne zum gleichen Ergebnis führen.

Da waren sie sich noch einig. Doch seit Museumschef Tobias Engelsing (links, beim Vortrag eines eigenen Fasnachts-Liedes) die Berechtigung der Willi-Hermann-Lieder in Frage gestellt hat, ist Wolfgang Mettler (rechts) nicht mehr ganz so gut auf ihn zu sprechen.
Da waren sie sich noch einig. Doch seit Museumschef Tobias Engelsing (links, beim Vortrag eines eigenen Fasnachts-Liedes) die Berechtigung der Willi-Hermann-Lieder in Frage gestellt hat, ist Wolfgang Mettler (rechts) nicht mehr ganz so gut auf ihn zu sprechen. | Bild: Aurelia Scherrer

Wie weit muss also die Verantwortung derer gehen, die zum Erbe Hermanns eine Position beziehen müssen? Für Mettler lautet die Antwort so: "Der nicht unbeträchtliche Schaden muss jetzt ausgelöffelt werden von Personen der Familie, von Narrengesellschaften, Konzertveranstaltern, Arrangeuren, die zusammen eine Gemeinsamkeit haben: Sie alle haben mit dem Anlass nichts zu tun."

Schaden, das ist für ihn die Tatsache, dass die Biographie Hermanns aufgearbeitet und veröffentlicht wurde. Denn für Mettler steht nicht die Person, sondern ihr Werk im Vordergrund: "Diese Lieder sind doch schon längst stark von Willi Hermann entkoppelt."

Neue Fasnachts-Schlager hat Wolfgang Mettler viele geschrieben, doch keiner wurde bisher so bekannt wie die von Willi Hermann. Hier führt er 2014 zusammen mit mit Michael Kaltenbach ein neues Werk auf.
Neue Fasnachts-Schlager hat Wolfgang Mettler viele geschrieben, doch keiner wurde bisher so bekannt wie die von Willi Hermann. Hier führt er 2014 zusammen mit mit Michael Kaltenbach ein neues Werk auf. | Bild: Jörg-Peter Rau

Willi Hermanns musikalisches Erbe solle weiterleben, fordert Mettler: "Die Lieder haben nach wie vor ihre Berechtigung" – nicht nur, weil sie untrennbar mit der Narrengesellschaft Niederburg verbunden sind, sondern auch weil in ihnen "eine enorme musikalische Substanz" stecke – Melodien, die nur deshalb so erfolgreich werden konnten, weil sie eingängig und damit in Schlager-Dimensionen einfach gut sind.

Und die Texte? "Nicht gerade gender-gerecht", sagt Mettler, "aber doch ein Dokument ihrer Zeit." Und ein wesentlicher Teil der Konstanzer Fasnacht – sie seien so wenig daraus zu tilgen wie die Romane von Günter Grass, der sich nach Jahrzehnten des Schweigens selbst als Mitglied der Waffen-SS offenbarte.

"Willi Hermanns Lieder als solche haben nichts mit seiner problematischen Lebensgeschichte zu tun. Deshalb sollte man sie auch nicht als Bauernopfer dafür büßen lassen. Die Lieder selbst können nämlich wirklich nichts dafür." Sagt Wolfgang Mettler, der das musikalische Erbe des Fasnachters trotz dessen NSDAP-Vergangenheit erhalten will.
"Willi Hermanns Lieder als solche haben nichts mit seiner problematischen Lebensgeschichte zu tun. Deshalb sollte man sie auch nicht als Bauernopfer dafür büßen lassen. Die Lieder selbst können nämlich wirklich nichts dafür." Sagt Wolfgang Mettler, der das musikalische Erbe des Fasnachters trotz dessen NSDAP-Vergangenheit erhalten will. | Bild: Concerto Konstanz / Patrick Pfeiffer

Was heißt das nun für Willi Hermanns Lieder? Mettler betont, dass für ihn nicht der Frust über all die vergebliche Arbeit im Vordergrund steht. Die Weisen stehen für sich, ist er überzeugt, und er kann auch Interpretationen nicht folgen, nach denen ihr Erfinder eine Heile-Welt-Romantik der Gemütlichkeit und des Vergessens schafft. "Willi Hermanns Lieder als solche", so Wolfgang Mettlers Überzeugung, "haben nichts mit seiner problematischen Lebensgeschichte zu tun. Deshalb sollte man sie auch nicht als Bauernopfer dafür büßen lassen. Die Lieder selbst können nämlich wirklich nichts dafür."