Als der Dampfer aus Friedrichshafen eintrifft und Georg Elser Konstanzer Boden betritt, tickt die Bombe in München. Es ist der 8. November 1939. Nazi-Deutschland ist bereits in Polen einmarschiert und der „Führer“ feiert sich und seine „Alten Kämpfer“ im Münchner Bürgerbräukeller.

Der Schreinergeselle Elser aus Hermaringen will die Welt im Alleingang verändern und Adolf Hitler mit einem Sprengstoffanschlag umbringen.

Georg Elser kam mit dem Dampfer aus Friedrichshafen. Blick auf den Konstanzer Hafen der damaligen Zeit.
Georg Elser kam mit dem Dampfer aus Friedrichshafen. Blick auf den Konstanzer Hafen der damaligen Zeit. | Bild: Rosgartenmuseum, Florian Hoffmann

Georg Elser hat das Attentat alleine von langer Hand geplant, die sogenannte Höllenmaschine gebaut und versteckt. In der Nacht zuvor war der damals 36-jährige Freiheitskämpfer noch in München, hat das leise Ticken der Zeitbombe überprüft.

Als Georg Elser den Dampfer im Dunkel verlässt, dauert es nicht einmal mehr eine halbe Stunde bis zur Explosion.

Adolf Hitler während seiner Rede am 08. November 1939 im Bürgerbräukeller. In der Säule hinter der Fahne tickt Georg Elsers Zeitbombe.
Adolf Hitler während seiner Rede am 08. November 1939 im Bürgerbräukeller. In der Säule hinter der Fahne tickt Georg Elsers Zeitbombe. | Bild: Rosgartenmuseum, Florian Hoffmann

Er will in die Schweiz, noch bevor die Bombe hochgeht

Jetzt muss alles schnell gehen: Der Widerstandskämpfer will in die Schweiz fliehen, noch bevor das Nazi-Regime alarmiert ist.

Von der Dampfer-Anlegestelle aus eilt er über die Marktstätte

Bild: Rosgartenmuseum, Florian Hoffmann

In einen Mantel eingeschlagen, läuft er zielgerichtet in Richtung Grenze, weiter in die Rosgartenstraße, vorbei an der Dreifaltigkeitskirche zum Bodanplatz. Dann führt ihn sein Weg weiter in die Kreuzlingerstraße. Kurz vor dem gesicherten Grenzübergang in die Schweiz, biegt er rechts in die Schwedenschanze ab.

Dort erreicht er nach wenigen Metern den Wessenberg-Garten. Bis hierher läuft alles glatt: Georg Elser wird für die Strecke nicht mehr als zehn Minuten gebraucht haben.

Bild: Florian Hoffmann

Der Widerstandskämpfer von der Ostalb ist vorbereitet. Er kennt Konstanz und hat die Grenze ein Jahr zuvor extra ausgespäht.

Beim heutigen Sozialzentrum, damals das Wessenberg-Kinderheim, öffnet er ein unverschlossenes Gartentor und schlüpft hindurch.

Seit 2009 erinnert im Wessenberg-Garten eine Büste Georg Elsers an den Widerstandskämpfer.
Seit 2009 erinnert im Wessenberg-Garten eine Büste Georg Elsers an den Widerstandskämpfer. | Bild: Andrea Stalder, Florian Hoffmann

Die rettende Schweiz ist in greifbarer Nähe

Die rettende Schweiz befindet sich jetzt wenige Meter vor ihm, nur ein Zaun mit Stacheldrahtkranz trennt Georg Elser von der Freiheit. Der Tischler weiß eine Drahtschere in seiner Tasche. Aus einem geöffneten Fenster dröhnt aus dem Volksempfänger die Rede Adolf Hitlers im Münchner Bürgerbräukeller.

Elser stürzt in Richtung Freiheit. Da schreit plötzlich jemand aus der Dunkelheit heraus: „Hallo, wo wollen Sie hin?“

Auf der Höhe der Bäume wurde Georg Elser von der Zollstreife verhaftet.
Auf der Höhe der Bäume wurde Georg Elser von der Zollstreife verhaftet. | Bild: Tobias Engelsing, Florian Hoffmann

Es ist vorbei. Zwei Zöllner verhaften Georg Elser, nur wenige Meter von der Grenze zur Schweiz. Er leistet keinen Widerstand, versucht nicht, zu fliehen. Die Nachtwache bringt den Widerstandskämpfer in das Zollgebäude am Kreuzlinger Tor.

Bevor er hineingeführt wird, wirft er noch einen Blick in die Schweiz, das zumindest besagt der amtliche Zoll-Bericht.

Im Konstanzer Hauptzollamt wird Georg Elser das erste Mal verhört. Die Aufnahme stammt aus den 50er-Jahren.
Im Konstanzer Hauptzollamt wird Georg Elser das erste Mal verhört. Die Aufnahme stammt aus den 50er-Jahren. | Bild: Rosgartenmuseum, Florian Hoffmann

Georg Elser ist wütend auf sich selbst

War er zu unvorsichtig? Georg Elser ärgert sich über seinen „Leichtsinn“, wie er sich im späteren Gestapo-Verhör erinnert. „Ich dachte, wäre ich doch nicht einfach so darauf zugelaufen, sondern hätte ich doch wenigstens zuerst genau Umschau gehalten, ehe ich auf die Grenze zuging.“

Bei einer Leibesvisitation im Zollgebäude finden die Grenzer neben etwas Bargeld eine Postkarte, die die Innenansicht des Münchner Bürgerbräukellers zeigt, und Einzelteile eines Zünders.

Ein Nachbau des Zünders der Bombe, mit der Georg Elser den Anschlag auf Adolf Hitler verübte.
Ein Nachbau des Zünders der Bombe, mit der Georg Elser den Anschlag auf Adolf Hitler verübte. | Bild: Thomas Niedermüller, DPA, Florian Hoffmann

Unter dem Kragen seiner Jacke entdecken Zöllner ein Abzeichen des Roten Frontkämpferbundes, aus Messing und so groß wie eine heutige Zwei-Cent-Münze. Diesem paramilitärischen Kampfverband der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD), war Georg Elser im Alter von etwa 25 Jahren in Konstanz beigetreten.

Das Abzeichen der verbotenen Organisation will er nur aus “alter Erinnerung“ angesteckt haben, sagt Georg Elser im späteren Verhör. Klar ist: In diesem Milieu wuchs sein Hass auf den Nationalsozialismus und dessen „Führer“.

Der Tischler aus einfachen Verhältnissen sah klar, was kommen würde, als noch Millionen Deutsche dem Diktator zujubeln. Noch während Georg Elser in Gewahrsam genommen wird, explodiert im Bürgerbräukeller in München seine Zeitbombe.

Der Münchner Bürgerbräukeller nach der Explosion.
Der Münchner Bürgerbräukeller nach der Explosion. | Bild: DPA, Florian Hoffmann

Ein Zufall verhindert, dass Elser die Welt verändert

Acht Menschen sterben bei dem Sprengstoffanschlag, mehr als 60 sind verletzt. Adolf Hitler aber entgeht dem Attentat: Er hat den Veranstaltungsort vorzeitig verlassen, gerade einmal 13 Minuten vor der Explosion.

Georg Elser wird in der Konstanzer Gestapo-Zentrale in der Mainaustraße in die Mangel genommen. Das Verhör dauert bis in die frühen Morgenstunden.

Eine Zellentür aus der ehemaligen Konstanzer Gestapo-Zentrale in der Mainaustraße 29.
Eine Zellentür aus der ehemaligen Konstanzer Gestapo-Zentrale in der Mainaustraße 29. | Bild: Rosgartenmuseum, Florian Hoffmann

Dann wird er verlegt, erst nach München und dann nach Berlin, wo er von der Gestapo mehrfach und unter Folter verhört wird.

Nazi-Führung wollte bis Kriegsende nicht an Alleingang glauben

Hitler und die Führung des Reichs wollen bis zum Kriegsende nicht glauben, dass der Schreiner von der Ostalb den Anschlag alleine ausgeführt hatte. Sie vermuteten den englischen Geheimdienst als Strippenzieher. Aber: Georg Elser handelte als Einzelgänger und Einzeltäter, ohne Hintermänner und Auftraggeber. “Ich hab‘ den Krieg verhindern wollen“, sagte er im Verhör.

Wenige Tage vor Ende des Krieges wird der Widerstandskämpfer im Konzentrationslager Dachau ermordet, hingerichtet durch einen Genickschuss.

Blick auf die Baracken des KZ Dachau kurz nach der Befreiung durch die Amerikaner.
Blick auf die Baracken des KZ Dachau kurz nach der Befreiung durch die Amerikaner. | Bild: Wikimedia Commons, Florian Hoffmann