Herr Schuran, vor eineinhalb Jahren sind die ersten Flüchtlinge hier in die Unterkunft im Zergle eingezogen. Im Vorfeld gab es viele Debatten und teilweise Widerstand gegen den Bau. Als Integrationsmanager arbeiten Sie täglich hier. Wie erleben Sie die Stimmung heute?

Uwe Schuran: Ich arbeite seit einem halben Jahr in der Unterkunft im Zergle. In dieser Zeit war es sehr ruhig, es gab keine großen Probleme oder Spannungen. Hier leben Menschen wie in anderen Häusern auch: Sie gehen arbeiten, zur Schule, sie kommen und gehen. Wenn es Probleme gibt, sind das kleine Streitigkeiten innerhalb des Hauses. Aber auch das ist normal. Bisher jedenfalls sind keine Nachbarn auf mich zugekommen, dass es Probleme gibt. Die großen Kontakte gibt es meines Wissens nicht, es ist ein gutes Nebeneinanderleben. Wie in vielen anderen Nachbarschaften auch.

Uwe Schuran ist Diplom-Sportlehrer, hat aber schon direkt nach dem Studium in der Sozial- und Jugendarbeit gearbeitet. Seit Mai 2016 ist er bei der Caritas Konstanz angestellt und arbeitet in der Anschlussunterkunft Zergle in Wollmatingen.
Uwe Schuran ist Diplom-Sportlehrer, hat aber schon direkt nach dem Studium in der Sozial- und Jugendarbeit gearbeitet. Seit Mai 2016 ist er bei der Caritas Konstanz angestellt und arbeitet in der Anschlussunterkunft Zergle in Wollmatingen.

In der Schottenstraße lief alles etwas reibungsloser ab. Dort wurde die Anschlussunterkunft innerhalb weniger Tage aufgebaut, Widerstand gab es nicht.

Nikola Haag: Die Schottenstraße ist nochmal etwas spezieller aufgrund der Nähe zum Bürgerbüro. Und auch die Nachbarn dort schauen schon auch mal genauer hin, ob alles läuft. Die Familien und WGs haben sich gut eingelebt. Es gibt immer mal wieder Beschwerden, aber im Großen und Ganzen ist alles ruhig.

Nikola Haag hat Soziologie und Gender Studies in Konstanz und Innsbruck studiert und ist seit Mai 2017 Integrationsmanagerin bei der Caritas Konstanz. Sie ist zuständig für die Bewohner in den Anschlussunterkünften auf der Reichenau, in der Schottenstraße und alle privat untergebrachten Geflüchteten. Beide Integrationsmanagement-Stellen sind bis zum Jahr 2020 befristet.
Nikola Haag hat Soziologie und Gender Studies in Konstanz und Innsbruck studiert und ist seit Mai 2017 Integrationsmanagerin bei der Caritas Konstanz. Sie ist zuständig für die Bewohner in den Anschlussunterkünften auf der Reichenau, in der Schottenstraße und alle privat untergebrachten Geflüchteten. Beide Integrationsmanagement-Stellen sind bis zum Jahr 2020 befristet.

Was sind das für Beschwerden?

Nikola Haag: Mülltrennung und nächtlicher Lärm. In der Schottenstraße gibt es Wohngemeinschaften, in denen junge Männer zusammenleben, da kann es mal zu Ruhestörungen kommen – wie in jeder anderen WG aber übrigens auch. Als Integrationsmanagerin bin ich allerdings auch nicht das Kindermädchen. Ich stehe nicht nachts auf der Matte und sage den Bewohnern, sie sollen leiser sein. Es gibt eine Hausordnung, an die man sich wie in jeder anderen Wohngemeinschaft auch halten muss.

Aber Sie geben die Beschwerden dann schon weiter?

Nikola Haag: Ja, natürlich.

Und wie reagieren die Bewohner?

Nikola Haag: Die meisten reagieren verständnisvoll und sagen, dass sie ja auch selbst nachts in Ruhe schlafen wollen. Nach einem solchen Gespräch verbessert sich die Situation dann meist auch schnell. Und die Mülltrennung wird immer wieder ein Thema sein, in jeder Unterkunft. Das dauert eben. Denn die Menschen kommen teilweise aus Ländern, in denen es keine Mülltrennung gibt. Teilweise verstehen ja selbst die Deutschen das nicht richtig oder machen es falsch.

Uwe Schuran: Ich muss an diesem Punkt auch mal ergänzen, dass es nicht unsere Aufgabe ist, sich darum zu kümmern ob der Biomüll am richtigen Ort liegt oder dass es nachts ruhig ist. Viele Menschen und leider auch teilweise die Behörden nehmen uns da aber zu sehr in die Pflicht. Wenn wir diese Aufgaben doch übernehmen, nimmt das sehr viel Zeit und manchmal auch Energie in Anspruch, die dann für etwas anderes fehlt. Eigentlich geht es bei uns um den Integrationsprozess.

Den Sie wie angehen?

Uwe Schuran: Wir helfen beispielsweise bei der Wohnungs- und Arbeitssuche oder beim Ausfüllen von Formularen. Wir wollen die Menschen motivieren, ihnen helfen, sie unterstützen. Aber auch das führt manchmal, und das muss man auch sagen, zu etwas irrationalen Auswüchsen.

Inwiefern?

Uwe Schuran: Wir sind keine Entscheidungsträger. Viele erwarten von uns aber genau das. Dass wir in der Lage sind, ihnen eine Wohnung stellen, einen Arbeitsplatz zu geben, die Ablehnung im Asylbescheid aufzuheben. Dass wir beispielsweise die Beschlüsse der Behörden nicht aufheben können, ist manchmal schwer zu vermitteln. Wir arbeiten hier im Haus, haben viel Kontakt mit den Bewohnern. Da kommt schnell dieser Heilsbringer-Eindruck auf, dass wir alles regeln können und angestellt sind, alles zu ermöglichen. Das ist für uns auch nicht einfach, das ein bisschen realistischer rüberzubringen. Es würden aber schon konkrete politische Beschlüsse in unserer täglichen Arbeit helfen.

Zum Beispiel?

Uwe Schuran: Familiennachzug. Das ist eines der wichtigsten Themen, auf das wir immer wieder angesprochen werden.

Nikola Haag: Oder auch das Thema Arbeit. Dass Flüchtlinge beispielsweise mindestens in der Zeit, in der sie eine Ausbildung machen, nicht abgeschoben werden können. Es gibt zwar schon die Ausbildungsduldung, aber die Anwendung ist Ermessenssache. Geflüchtete übernehmen Jobs, die Deutsche nicht mehr machen. Ich habe gerade viele Bewohner, die eine Ausbildung in der Altenpflege machen.

Uwe Schuran: Ich kenne einige, deren Asylbescheid abgelehnt wurde. Die also momentan in der Duldung leben, aber trotzdem unermüdlich zeigen, dass sie hier leben wollen, die einen Job haben und die Sprache lernen. Sie leben aber trotzdem in der ständigen Unsicherheit leben, ausgewiesen zu werden. Wir brauchen aus meiner Sicht für solche Leute andere Möglichkeiten – eines wäre ein Einwanderungsgesetz nach dem kanadischen Vorbild.

Was verstehen Sie unter Integration?

Nikola Haag: Schwer zu sagen. Für mich bedeutet es, dass die Menschen, die hier angekommen sind, sich integrieren sollten. Aber auch die Einheimischen sollten die Menschen sich integrieren lassen. Das ist ein wichtiger Punkt. Und generell ist es das A und O, die Sprache zu lernen. Ohne deutsch kommt man nicht weit.

Funktioniert das integrieren lassen in Konstanz?

Uwe Schuran: Wie überall sind wir in Konstanz auf einem guten Weg. Es ist ein guter Prozess, der aber Zeit braucht und bei dem es auch normal ist, dass es mal hakt. Man muss unterscheiden zwischen der Diskussion um Migration und Integration auf einer hohen politischen Ebene und dem, wie es im Kleinen, im Alltag funktioniert.

Zum Beispiel?

Uwe Schuran: Es wird oft gesagt: Die wollen sich gar nicht integrieren. Unserer Erfahrung ist, dass das nicht stimmt nicht. Wir sehen in unserer täglichen Arbeit, dass sich die meisten bemühen, deutsch zu lernen. Dass sie versuchen, sich zu integrieren und einen Weg finden wollen, hier gut zu leben. Das beinhaltet auch, dass sie ihre eigene Kultur und Identität mitbringen. Das kann dann zu Spannungen führen. Integration ist ein langer Weg, und wir brauchen viel Geduld, auch in unserer Arbeit.

Hätten Sie am Anfang gedacht, dass der Weg so lang ist?

Uwe Schuran: Manchmal bin ich schon erstaunt, wie lang der Weg ist. Man muss sich dann aber in die Situation hineindenken, wie es wäre, wenn man selbst in einem anderen Land ist, die Sprache nicht beherrscht und sie so schwer zu lernen ist. Das wäre auch für mich eine große Herausforderung und ist für die Geflüchteten manchmal demotivierend. Und auch da sind wir dann da um zu sagen: Mensch, mach doch weiter.

Wie reagieren die Bewohner auf Nachrichten wie die aus Freiburg und Chemnitz?

Uwe Schuran: Die Bewohner hier im Zergle sprechen mich schon auch mal an, wenn es Nachrichten gibt wie die aus Freiburg oder Ravensburg. Die sagen: „Wir, die große Mehrheit, macht ja nix. Aber ja, es gibt schwarze Schafe. Und auch wir verurteilen das.“ Aber es gibt auch schwarze Schafe mit deutschem Pass.

Nikola Haag: Auf mich ist kein Bewohner speziell zugekommen. Auf migrationspolitische Debatten dagegen werde ich immer wieder angesprochen mit der Frage: Was bedeutet das jetzt für uns?

Als es zum Beispiel um den Familiennachzug ging?

Nikola Haag: Zum Beispiel. Oder um die Ankerzentren. Da haben schon sehr viele Angst und fragen sich, was das konkret für sie bedeutet. Diese Verunsicherung hemmt auch die Integration. Wir sind viel damit beschäftigt, die Leute zu beruhigen.

Die Angst gibt es aber auch auf Seiten der Bürger. Ist das nachvollziehbar für Sie?

Uwe Schuran: Ich persönlich bin der Meinung: Je weniger Angst wir hätten, umso mehr könnten wir erreichen. Angst lähmt immer. Deshalb ärgert es mich, wenn Ängste geschürt werden und größer gemacht werden, als sie sind. Klar versteht man manches. Aber Angst haben oft diejenigen, die gar keinen Kontakt zu Geflüchteten haben. Ich stelle immer wieder fest, dass sich die Meinung ändert, sobald man auch Kontakt zu einem Flüchtling hat. Sich mit ihm unterhält, vielleicht sogar mit ihm oder ihr über etwas lachen kann. Uns fehlt auch so ein bisschen die Komik der Integration. Natürlich ist nicht alles lustig. Aber manchmal gemeinsam das Lachen zu finden, fängt viel auf.

Frau Haag, wie gehen die männlichen Geflüchteten mit Ihnen als Integrationsmanagerin um?

Nikola Haag: Ich hatte bisher noch keine Probleme, dass mich jemand nicht respektvoll behandelt hat. Mag sein, dass es andere gibt, die da schon Probleme hatten. Aber es kommt auch darauf an, wie man auftritt. Man muss klare Grenzen ziehen.

Wie hoch ist Fluktuation in den Unterkünften wie dem Zergle? Es spielt ja eine entscheidende Rolle bei der Integration, wie lange die Menschen in einer Nachbarschaft bleiben.

Uwe Schuran: Wir sind eine Anschlussunterkunft, das heißt, dass die Geflüchteten aus den ersten Gemeinschaftsunterkünften hierherziehen. Das erste Problem war aber schon mal, dass viele, die in die AUs kamen, dachten: Da bleiben sie jetzt für sehr lange. Das war aber nie so geplant. Uns war das klar, aber den Bewohnern müssen wir immer wieder vermitteln, dass die Anschlussunterkünfte nur ein Übergang sind, um am Ende eine Wohnung auf dem privaten Wohnungsmarkt zu finden.

Was in einer Stadt wie Konstanz nicht leicht ist.

Uwe Schuran: Ja, es ist wahnsinnig schwierig, und zwar in doppelter Hinsicht für Menschen mit Migrationshintergrund, das wissen wir auch. Da reißen sich die Vermieter nicht gerade drum. Und die Preise spielen natürlich auch eine Rolle. Die Menschen sind darauf angewiesen, dass sie an Sozialwohnungen der Wobak rankommen. Da tut sich aber gerade auch viel, und es hat einige Umzüge hier im Haus gegeben in den vergangenen Monaten. Und so werden wieder Wohnungen frei für Menschen, die vielleicht schon sehr lange in den Gemeinschaftsunterkünften leben.

So kam dieses Interview zustande: Anlass für dieses Gespräch war ein Statement des Caritasverbandes Konstanz zum Thema Migrationsberatung und Integrationsmanagement, den auch Nikola Haag und Uwe Schuran unterstützen. Das Statement geht auf die aktuelle politische Situation ein: "Wir halten es nicht für angebracht, einen Rückgang der Flüchtlingszahlen als erfolgreiche Migrations- und Flüchtlingspolitik zu verkaufen, wenn dieser Rückgang im Wesentlichen auf Abschottung, Abriegelung der Grenzen und Kriminalisierung von freiwilligen Helferinnen und Helfern – wie es im Falle der Seenotrettung passiert – beruht. Und wir verurteilen politische Entscheidungen, die die Menschenwürde und Menschenrechte mit Füßen treten", heißt es darin unter anderem.