Herr Professor Rüdiger, letzten Montag kam für unerwartet die Nachricht, dass Sie neuer Rektor an der RWTH Aachen werden. Inwieweit kommt der Karriereschritt für Sie überraschend?

Naja, überraschend kam er für mich eigentlich nicht. Eine solche Wahl hat einen Vorlauf, und ich wurde schon vor längerer Zeit darauf angesprochen, ob ich mir das Amt des Rektors an der RWTH Aachen vorstellen könnte. Ich bin eher erstaunt, dass nichts nach außen gedrungen ist. Unerwartet kommt die Veränderung für mich aber auch deshalb nicht, weil ich glaube: In so einer Führungsposition steht es sowohl der Einrichtung als auch der Person ganz gut, wenn man so nach etwa zehn Jahren einen Wechsel anstrebt. Und es war meine Vorstellung, auch mal Führungsverantwortung an einer führenden technischen Universität zu übernehmen. Mich reizt das Fächerportfolio der RWTH, die sich auf Grundlagenforschung in den Naturwissenschaften, auf technische Disziplinen, Ingenieurwissenschaften, Life Science mit Medizin sowie Wirtschaftswissenschaften und kleine aber feine Geisteswissenschaften fokussiert. Und solche Chancen gibt es nun einmal ganz selten.

Für Sie war die Universität Konstanz nie eine Lebensperspektive?

Ich war gerne hier Rektor, bin es heute noch gerne und werde es bis zum 31. Juli gerne sein. Aber für mich und meine Familie war klar, dass es nochmals einen Wechsel geben würde. Ja, ich habe kurz gedacht, „das ist jetzt ein bisschen früh“, oder „ich hätte gerne noch zwei Jahre gewartet.“ Aber diese Perspektive gab es nicht, weil der Rektor der RWTH Aachen eben genau jetzt in Ruhestand geht. Jetzt ist ein Zeitfenster offen, das dann wohl für circa zehn Jahre wieder geschlossen ist.

Die Universität Konstanz steckt mitten im Wettbewerb der Exzellenzinitiative. Würde sie da Ihren Rektor nicht ganz dringend brauchen?

Nicht ein Rektor ist in diesem Wettbewerb erfolgreich, sondern eine ganze Universität. Das Feld ist gut bestellt, die Clusteranträge sind eingereicht und werden begutachtet, diesen Prozess begleite ich auch noch mit. Für die zweite Förderlinie, die Exzellenzuniversitäten, haben wir in Arbeitsgruppen viele Ideen schon erarbeitet, die Absichtserklärung ist eingereicht, da ist alles auf den Gleisen. Ich lasse da jetzt auch nicht die Sachen fallen.

Sie sind bekannt und vielleicht auch berüchtigt für Ihr Bekenntnis zum Wettbewerb. Jetzt muss Ihr Herz bis zum 31. Juli ganz dafür schlagen, dass Konstanz erneut in die letzte Runde kommt und ab dem 1. August muss das gleiche Herz für Aachen schlagen, denn es ist ja auch ein Wettbewerb zwischen diesen beiden Hochschulen, oder?

Die Universität Konstanz und die RWTH Aachen sind wirklich zwei grundverschiedene Einrichtungen. Sie treffen im Wettbewerb nicht unmittelbar aufeinander. Die eingereichten Clusteranträge in beiden Einrichtungen sind so grundverschieden, dass es nicht zu einer Entscheidung Konstanz oder Aachen kommen wird. Ich glaube nicht, dass wir so miteinander konkurrieren, dass die eine oder die andere Einrichtung durch meinen Wechsel im Wettbewerb Schaden erleiden könnte. Ganz im Gegenteil, ich glaube an den Erfolg beider Einrichtungen.

Die RWTH Aachen ist ungefähr vier Mal so groß wie die Universität Konstanz. Ist sie ähnlich agil – oder müssen Sie dort erst solche schnellen Entscheidungsprozesse wie hier einführen?

Ja in der Tat, die RWTH ist eine andere Größenordnung. Mein Eindruck ist aber, dass unser Prinzip hier – miteinander sprechen, Dinge transparent machen, viele Gruppen in Entscheidungen integrieren – in Konstanz wie an der RWTH gleichermaßen funktioniert. Dort heißt das „the Aachen way“ und steht für sachbezogene, effiziente, zügige und wertschätzende Zusammenarbeit. Das funktioniert grundsätzlich gut, in Konstanz wie in Aachen.

Es gab seit letztem Montag hier in der Stadt viele Reaktionen auf Ihren Weggang. Wie sind Ihre Reaktionen auf die Reaktionen?

Natürlich ist das schön, wenn Menschen sagen „schade, dass er geht“ und nicht „es war ja auch mal Zeit.“ Ich habe nochmals gesehen, dass ich hier zu jeder Zeit richtig integriert war – an der Universität, in der Stadt, bei den Menschen. Und das sehe ich auch an dem, was an mich herangetragen wird, nachdem der Überraschungspulverdampf verraucht ist. Da ist auch viel Anerkennung und neidloser Respekt für meine neue Aufgabe dabei. Ich höre viel mehr davon, dass man meine Leistungen hier anerkennend honoriert, als so etwas wie „jetzt lässt er uns hier im Stich.“

Wechseln Sie von einer Stadt mit einer Universität in eine Universitätsstadt?

Die RWTH feiert in zwei Jahren ihren 150. Geburtstag. Das heißt, die Einwirkzeit der RWTH in die Stadt Aachen ist drei Mal so lange wie die der Universität Konstanz hier auf Konstanz. Die RWTH zieht sich von der Innenstadt über große Bereiche bis an den Rand Aachens. Das sind ganz andere Ausmaße, die organisch über 150 Jahre gewachsen sind. So ist auch der Schulterschluss zwischen der RWTH als Innovations­treiber zu Industrieunternehmen anders ausgeprägt. Man darf nicht das unterschiedliche Fächerspektrum vergessen, das in Aachen eine ganz andere Wirksamkeit auch in die Region entfaltet.

Sie haben eben den Schulterschluss mit der Industrie angesprochen. Die RWTH liegt bundesweit vorne, wenn es um das Einwerben von Forschungsmitteln geht. Was haben Sie sich angesichts der aktuellen Debatte über die Unabhängigkeit von Forschung und Wissenschaft vorgenommen und was bringen Sie zu diesem Thema aus Konstanz mit?

Also wenn wir mal nicht auf die absoluten Zahlen schauen, sondern auf das Verhältnis zwischen dem Geld vom Land und dem Etat durch Drittmittel, liegen wir in Konstanz sogar vorn. Ich habe also das Instrumentarium schon längst angewendet, ausprobiert, umgesetzt. Ja, in Aachen gibt es anteilsmäßig mehr Geld von der Industrie und weniger von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, von der EU oder vom Bundesforschungsministerium. In Aachen ist der Fächerbezug ein anderer. Und das finde ich auch ganz richtig. Ein enger Schulterschluss mit Industrieunternehmen zeichnet eine öffentlich getragene technische Einrichtung doch aus.

Ist durch Auftragsforschung und vorgegebene Erwartungen an die Ergebnisse die Unabhängigkeit der Forschung und der Wissenschaft nicht in Gefahr?

Ich halte Drittmittel für alles andere als schädlich, sondern für sehr begrüßenswert. Um Drittmittel findet Wettbewerb statt, und dieser Wettbewerb ist gleichzeitig Qualitätssicherung. Die Drittmittel gehen dahin, wo die besten Ideen sind, wo die Teams am beweglichsten sind, um ausgesprochene Fragestellungen zu beantworten. Ob sich diese Fragestellungen auf Grundlagen beziehen oder klar anwendungsorientiert sind, ob mit Industrieunternehmen oder mit anderen Partnern in der außeruniversitären Forschung zusammengearbeitet wird, ist für mich erst mal gleich.

Sie sehen keine Notwendigkeit, als Noch-Rektor der Universität Konstanz oder als zukünftiger Rektor der RWTH Aachen am Regelwerk zu arbeiten oder Transparenzkriterien einzuführen?

Mir geht es um Verantwortung in der Wissenschaft. Wer auch immer einen Forschungsantrag stellt, hat für die Formulierung und Umsetzung eines Projekts die Verantwortung. Dafür gibt es die eigene Ethik und die Leitplanken in Form des Leitbilds einer Universität. Wir haben in Konstanz damit große Erfahrung, und ich denke, dass ich darauf in Aachen sehr gut aufbauen kann. Darüber hinaus wäre es etwas vermessen, dazu jetzt schon gute Ratschläge zu haben. Ich kann und werde mich als Rektor auf dieses Thema neu einlassen, weil es dort diese andere Fachspezifität gibt.

Wie viel fachliche und persönliche Souveränität braucht man in einem Rektorenamt, um im Widerstreit vielfältiger Erwartungen zu bestehen?

Naja, man ist eher Moderator eines Prozesses, in dem um die besten Ideen, um die Verteilung der Ressourcen gerungen wird. Ich habe in den neun Jahren in Konstanz gelernt, dass man aber nicht nur Moderator sein muss, sondern auch Diplomat erster Ordnung. Die Vielfalt der Meinungen ist groß, und als Physiker sage ich mal: Da ist es wichtig, für einen gerichteten Impuls zu sorgen.

In Konstanz sind Sie mit Diplomatie bisweilen nicht weitergekommen. Ich erinnere nur an die Versuche, die Wollmatinger Zufahrt zur Universität einzuschränken, oder an das Campus Festival. Da sind sie sehr vehement für die Interessen ihrer Hochschule eingetreten.

In „moderat“, da steckt ja als Teilmenge auch das Wort „Rat“. Ich habe immer versucht, meinen Rat einzubringen. Und dieser Rat, finde ich, darf auch pointiert sein, wenn es nötig scheint.

Gegenüber einem Kollegen der „Aachener Nachrichten“ sprachen Sie von einem Konstanzer Projekt, das in Konstanz aber keiner kennt. Sie nannten es Wissenskubus. Was ist das?

Wie Sie sagen, das ist ein Projekt. Nicht mehr und nicht weniger. Wir – Universität Konstanz, HTWG Konstanz und Stadt – haben uns überlegt, wie wir die Wissenschaftsstadt Konstanz besser positionieren können. Dafür haben wir nach einer Möglichkeit gesucht, unsere Arbeit dorthin zu bringen, wo viele Menschen sind. Mit einem transportablen Angebot, das Information und Begegnung ermöglicht. Und zwar dort, wo jeweils viele Menschen sind – vor dem Konzil, am Hörnle, auf der Mainau. Die Idee ist dann als Seminarprojekt von Studierenden der HTWG bearbeitet worden. Ein Entwurf, den Architekten und Kommunikationsdesigner entwickelt haben, gefällt uns besonders gut. Sie müssen sich das vielleicht wie eine besondere Art der Ausstellung vorstellen. In dem Interview mit Ihrem Kollegen habe ich das auch nur als Beispiel dafür genommen, dass es wichtig ist, dass Hochschulen einen Transfer in die Gesellschaft leisten und von dort auch Impulse aufnehmen. Nur so können wir den gesellschaftlichen Herausforderungen standhalten.

Wie sieht denn da der weitere Zeitplan für diesen Wissenskubus aus?

Das Ganze hat noch keinen festgezurrten Zeitplan.

In dem Interview mit dem Kollegen klang das aber so, als ob das schon weitgehend fertig sei.

Viele Ideen sind fertig, gebaut will er noch werden.

Viele Ideen gibt es sicher auch in der Frage, wer Ihre Nachfolge hier an der Universität Konstanz antritt. Wie werden Sie die Suche nach Ihrem Nachfolger oder Ihrer Nachfolgerin begleiten?

Ganz einfach: Ich beteilige mich überhaupt nicht.

Fragen: Jörg-Peter Rau

 

Physikprofessor, Rektor, Vernetzer: Die Karriere von Ulrich Rüdiger an der Universität Konstanz

  • Die Wahl: 

    2009 wird Ulrich Rüdiger mit einem sehr klaren Votum zum neuen Rektor der Universität Konstanz gewählt. Zu dieser Zeit ist er bereits sieben Jahre als Physikprofessor an der Universität und hat sich als Forscher einen Namen gemacht. Der erste Gratulant ist Vorgänger Gerhart von Graevenitz, der Rüdiger stets gefördert hatte. Bis heute erinnert Rüdiger mit einem Bild in seinem Büro an den 2016 verstorbenen Germanisten.
  • Die Millionen:

    Bundesweit für Aufsehen sorgt eine Unterstützung der Hector-Stiftung für die Universität im Jahr 2011. Hier unterzeichnen der Mitbegründer des Softwareunternehmens SAP, Hans-Werner Hector, und Ulrich Rüdiger einen Fördervertrag mit einem Volumen von drei Millionen Euro. Mit dem Geld soll die Hochschule Spitzenkräfte fördern und halten können. Damit erhält die Uni Konstanz einen Wettbewerbsvorteil.
  • Die Nähe: 

    Ulrich Rüdiger ist es wichtig, dass die Universität nicht als ein auf dem Gießberg gelandetes Ufo oder als verschlossener Elfenbeinturm wahrgenommen wird. Dafür engagiert er sich in verschiedenen Gremien und durch Auftritte bei öffentlichen Veranstaltungen. Auch die alemannische Fasnacht, hier 2014 mit dem Präsidenten der Narrengesellschaft Seehasen, Wolfgang Geser, ist dem gebürtigen Niedersachsen nicht fremd.
  • Der Stolz:

    In all seinen Rektor-Jahren verkörpert Ulrich Rüdiger den Stolz auf seine Universität. 2012 feiert er mit zahlreichen Studenten den zweiten Triumph in der höchsten Kategorie des Exzellenzwettbewerbs und stößt auf den Klassenerhalt in der obersten Liga an. 2016 sitzt Ministerpräsident Winfried Kretschmann zwischen Ulrich Rüdiger und seiner Frau Christine. Es ist der Festakt zum 50-jährigen Bestehen der Universität.
  • Die Bescheidenheit:

    Einen Heldenkult um ihre Rektoren hat die mit Reform-Ideen gegründete Universität Konstanz nie betrieben, im Senatssaal erinnert daran eine Reihe symbolhaft leerer Bilderrahmen. Das wird auch nach dem 1. August so bleiben, wenn Ulrich Rüdiger sein neues Amt als Rektor der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) in Aachen angetreten hat. Einst hatte der inzwischen 51-Jährige dort studiert.