„Erst wurden wir zur Bibliothek des Jahres gewählt“, erinnert sich Anke Rautenberg. „Unmittelbar danach ist es passiert.“ Im November 2010 müsse das gewesen sein, stimmt ihre Kollegin Christine Meyer zu. Beide arbeiten bereits seit Mitte der Achtziger Jahre in der Konstanzer Universitätsbibliothek. Aber damals, vor knapp neun Jahren, begann die wohl spannendste Phase im Berufsleben der Bibliothekarinnen.

Der unmittelbare Anlass war denkbar unangenehm: „Man hatte im Bibliotheksgebäude erhöhte Asbestwerte entdeckt. Für uns hat sich damit von einem Tag auf den anderen alles geändert“, blickt Christine Meyer zurück. „Der größte Teil der Bibliothek wurde abgesperrt – bestimmte Bereiche durften wir nur noch mit Schutzanzug betreten.“

Vom Asbeststaub befreit

„Anfangs dachten wir noch: ‚Das geht in ein paar Wochen vorbei‘“, sagt Anke Rautenberg. Heute kann sie darüber schmunzeln. Damals musste die Frau mit den lockigen Haaren allerdings mit ansehen, wie sich ihr Arbeitsplatz in eine Großbaustelle verwandelte. Bis auf die Grundmauern wurde das Gebäude generalsaniert und von dem krebserregenden Stoff befreit.

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Nicht nur das: „Von den circa zwei Millionen Medien, die wir haben, wurden 1.541.578 Exemplare einzeln gereinigt“, erinnert sich Christine Meyer. Um zu gewährleisten, dass die Studenten inmitten des Asbest-Chaos trotzdem an ihren Lernstoff kommen, habe man ein Außenmagazin im Industriegebiet angemietet.

Der Wandel als Konstante

Erst 2015 fand die Wiedereröffnung des Info-Zentrums und des Buchbereichs BS statt. Es sollte bis 2017 dauern, dass man auch ganz offiziell wieder den Betrieb in jedem der dafür vorgesehenen Räume aufnehmen konnte. „Inzwischen hatte sich aber sehr viel verändert“, sagt Anke Rautenberg. „Nicht nur was das Gebäude und seine Einrichtung angeht, sondern auch das Personal.“ Es habe neue Kollegen, neue Zuständigkeiten und Arbeitsabläufe gegeben. Aber an Veränderungen ihres Arbeitsalltags mussten sich die beiden Frauen schon lange davor gewöhnen.

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Anke Rautenberg und Christine Meyer sind Diplom-Bibliothekarinnen. Als sie ihr Studium abschlossen, war das Internet noch lange nicht in Sicht. Zu Beginn ihres Berufslebens konnten Studenten ihre Buchwünsche noch nicht in eine Online-Suchmaske eintippen. Es habe damals einen Bibliothekskatalog gegeben, der aus postkartengroßen Mikrofiches bestand, erklärt Christine Meyer. Heute gibt es in der durchdigitalisierten Unibibliothek eine Selbstausleihe, dutzende Scanner, eine gigantische Auswahl an Filmen, Computer, an denen Videoprojekte geschnitten werden können, schalldichte Arbeitsräume und Ohrstöpsel-Automaten.

Dienstleisterinnen statt Bibliotheks-Polizei

Die Bibliothekarinnen sind Teil des circa 180 Mitarbeiter umfassenden Kollegiums des „Kommunikations-, Informations-, Medienzentrums“ (kurz: „KIM“) und begreifen sich in erster Linie als Dienstleisterinnen. Als einer von acht Sachgebietsleitern kümmert sich Christine Meyer um die Beratung im Eingangsbereich und den Ausleihservice sowie Reklamationen von Ausleihvorgängen. Anke Rautenberg arbeitet als Sachgebietsleiterin in der Bearbeitungsabteilung und ist dort speziell für die Digitale Bibliothek zuständig.

Viel weiter weg vom Klischee der hornbebrillten alten Dame, die die Hälfte ihres Arbeitstags damit zubringt, mit wütendem Blick für Ruhe zu sorgen, könnten die beiden Frauen wirklich nicht sein. Und auch mit einem weiteren Vorurteil würden sie gerne aufräumen: „In einer Bibliothek kann es durchaus hektisch zugehen.“ Kein Wunder: Gerade zu den Stoßzeiten zwischen 10 und 17 Uhr sind die etwa 1700 Arbeitsplätze spätestens in der Klausurenphase voll besetzt. Zum Teil seien die Studenten sogar noch bis tief in die Nacht am Büffeln.

Bild: Schottmüller, Daniel

„Seit April 2001 haben wir sieben Tage die Woche 24 Stunden lang geöffnet“, erklärt Anke Rautenberg. Ungebetene Gäste, die die dauergeöffnete Bibliothek mit ihren bequemen Sitzgelegenheiten zum Schlafen nutzen, habe es in dieser Zeit jedoch kaum gegeben – „dafür sind wir hier einfach zu weit außerhalb gelegen,“ vermutet sie.

Wenn es am Eingang piept

Apropos Regelbruch. Kommt es an der Unibibliothek auch zu Diebstählen? „Dass es im Eingangsbereich mal piept, weil ein Student aus Versehen ein Buch mit nach draußen nimmt: Das kommt natürlich öfters vor“, sagt Christine Meyer. Seltener habe man es mit echten Diebstählen zu tun.

Anke Rautenberg kann sich an einen kriminellen Vorfall erinnern, der allerdings schon länger zurückliegt. Ein Student habe damals wertvolle Drucke ausgeschnitten und wollte sie anschließend verkaufen. „Ein potenzieller Käufer hat uns darauf aufmerksam gemacht.“ Dieser Vorfall habe dazu geführt, dass einige Medien seitdem nicht mehr frei zugänglich aufgestellt werden und nur noch in einem speziellen Leseraum einsehbar sind.

Aber wie an so viele Veränderungen im Laufe ihrer mehr als 30-jährigen Zeit in der Konstanzer Universitätsbibliothek haben sich Anke Rautenberg und Christine Meyer auch an diese neue Konvention längst gewöhnt.