Die Diskussion um ein Kunsthaus in Konstanz schwelt seit Jahrzehnten vor sich hin. Immer mal wieder flackert sie ordentlich auf, wird dann aber wieder künstlich klein gehalten. Ein Ende ist nicht in Sicht. Die bestehenden Ausstellungsräume sind von hoher Qualität, doch räumlich und zeitlich begrenzt.

„Für die Historie machen wir sehr viele sehr gute Sachen, doch Zeitgenössische Kunst wird stiefmütterlich behandelt.“
Peter Müller-Neff

Ganz aktuell kommt wieder Leben in die Debatte. Die Mitglieder der Initiative Zeitgenössische Kunst, ein Zusammenschluss kunstinteressierter Bürger der Stadt, wollen einfach nicht einsehen, dass benachbarte Städte wie Ravensburg, Bregenz, Singen oder St. Gallen der Konzilstadt längst den Rang abgelaufen haben.

„Theater, die Südwestdeutsche Philharmonie, die Musik, die Museen – das ist alles sehr gut repräsentiert in Konstanz. Doch die Bildende Kunst beispielsweise fehlt.“
Siegmund Kopitzki

Im Turm zur Katz, dem ehemaligen Bildungsturm, sollen 2019 vier Ausstellungen laufen mit einem jeweiligen Budget von 15.000 bis 20.000 Euro. Bei zeitgenössische Kunst müsste der Etat deutliche höher sein, "da gibt es kuratorische Voraussetzungen, die wir dort nicht erfüllen könnten. Zum Beispiel ist eine Klimaanlage nicht möglich", so Sarah Müssig.

„Ich erlebe es immer wieder, dass Kunden mich fragen, was sie sich hier eigentlich sonst noch so an relevanter zeitgenössischer Kunst anschauen können. Und ich muss ihnen dann immer raten, nach Rorschach oder Bregenz zu fahren, weil es hier in Konstanz einfach kaum etwas zu sehen gibt.“
Galerist Stephan Geiger

Deshalb befeuert die Initiative die Diskussion mit Vorschlägen für einen potenziellen Standort einer Kunsthalle. Sechs sind es. Wir stellen sie vor – und geben jeweils eine Einschätzung: realistisch oder nicht?

Das Sulger-Haus

Bild: Scherrer, Aurelia

Heimat des Kunstvereins, ehemalige Metzegerei Sulger. Bis 2020 läuft noch der Mietvertrag zwischen Stadt und Eigentümern, rund 11.000 Euro kostet die monatliche Miete. Die Stadt könnte nach Ablauf des Mietvertrages das Gebäude kaufen und etwas Neues entstehen lassen. "Wir könnten dort einen echten Ausstellungsturm errichten, um endlich der modernen Kunst in Konstanz ein Zuhause zu geben“, erklärte Museumsdirektor Tobias Engelsing schon im Jahr 2016. Dadurch könnte ein Museumsquartier entstehen, denn in unmittelbarere Umgebung liegen die Wessenberg-Galerie, der Richentalsaal, die Räume des Kunstvereins und der Bildungsturm.

SÜDKURIER-Einschätzung: Museumsquartier klingt charmant, aber angesichts der Infrastruktur schwierig; Bildungsturm und Kunstverein sind doch arg versteckt.

Die Rieterwerke

Bild: Jörg-Peter Rau

1874 wurden die Rieterwerke in der Schneckenburgstraße in Peterhausen gegründet. Im Sommer 2009 wurden die Werke geschlossen. Die Rieterwerke befinden sich auf einem Areal mit zahlreichen Gebäuden und Werkhallen. Es existieren Werkhallen mit Stützenkonstruktionen und seitlich und auf Galerien angeordneten Nebenräumen sowie ein Verwaltungsbau mit Bürounterteilungen auf allen Geschossen.

SÜDKURIER-Einschätzung: Das Gelände wäre sehr gut für ein größeres Kunstareal, erinnert in Nuancen an gewisse Gebäude der Biennale in Venedig.

Der Brückenkopf Nord

Bild: Oliver Hanser

Hier ist die Einrichtung eines Mobilpunktes geplant mit Fernbusbahnhof, Parkhaus, Park&Ride, Bike&Ride, Fahrrad- und E-Bikeverleih, Carsharingstation und Taxistand zur Vernetzung unterschiedlicher Verkehrsträger. Darüber hinaus soll ein neues Quartier mit Büro- und Gewerbeflächen, Wohnen und
Einzelhandel entstehen.

SÜDKURIER-Einschätzung: Im dann hoffentlich irgendwann ansehnlichen Brückenkopf Nord wäre ein Kunst-Angebot sicherlich attraktiv – wobei die Gefahr groß wäre, dass ein Kunsthaus im Verkehrsaufkommen untergeht.

Die Shedhalle

Bild: Stadtverwaltung Konstanz

Die denkmalgeschützte Shedhalle soll einen Anbau bekommen und zum Konstanzer Innovationszentrum (KINA) werden, in dem junge Unternehmen Räume und Büros anmieten können. In dem Zentrum soll es auch Geschäfte, Kulturveranstaltungen und Gastronomie geben. Zudem ist eine zweistöckige Kindertagesstätte geplant. Die Energieversorgung soll über ein Blockheizkraftwerk in der Energiezentrale neben der Kita erfolgen. Alle Wohnungen sollen beispielsweise eine Fußbodenheizung haben.

SÜDKURIER-Einschätzung: Ein Innovationszentrum als Heimat Zeitgenössischer Kunst – das klingt verlockend.

Das Bodenseeforum

Bild: Achim Mende

Immer öfter fällt der Name Bodenseeforum, wenn es um ein mögliches Kunsthaus geht. Das Gebäude wäre ideal, die Lage ebenfalls. Die Gemeinderäte beschäftigen sich mittlerweile mit dieser Alternative. Attraktiv wäre der Standort zudem, wenn die Pläne am Brückenkopf in unmittelbarer Nachbarschaft umgesetzt werden.

SÜDKURIER-Einschätzung: Die vielleicht charmanteste Lösung. Man stelle sich vor: Der Brückenkopf Nord als kleine Flaniermeile mit Geschäften und Restaurants, Parkplätzen und Busanbindung, das Bodenseeforum als hochwertiges Kunsthaus – und daran anschließend die attraktive Seerhein-Verbindung mit seinen Cafés und Restaurants in die Altstadt. Ein schöner Traum...

Europan

Bild: Europan

Europan? War da mal was? Dieses prestigeträchtige Projekt sollte die Standort Konstanz und Kreuzlingen vereinen. Eine Brücke über die Gleise bei Klein Venedig, ein Kanal – Architekt David Vogel gewann 2013 einen Wettbewerb mit dem Namen Europan. Seither ruht das Projekt. Nun gibt es erste Stimmen, die sich eine Wiederbelebung der konkreten Idee wünschen – mit dem Ziel, hier ein Kunsthaus zu berücksichtigen.

SÜDKURIER-Einschätzung: Unrealistisch, da der bauliche Aufwand zu groß wäre.

Sind das also alles nur Luftschlösser?

So ein Kunsthaus kostet natürlich in erster Linie sehr viel Geld – Geld verdienen lässt sich damit jedoch nicht. Singen beispielsweise profitiert mit seinem bundesweit geschätzten MAC von der Investor-Familie Mayer. Eine Bürgerstiftung ist in Konstanz angedacht. Sarah Müssig, Leiterin des Kulturamtes, würde der zeitgenössischen Kunst gerne mehr Raum zur Verfügung stellen:

„Wir haben in Konstanz keine Mäzene, keine Bestände und kein Haus dafür. Wir müssten einen zweistelligen Millionenbetrag dafür ausgeben – da haben wir aber noch kein Personal und außerdem keinen Platz.“
Sarah Müssig, Kulturamtsleiterin

Das Kunsthaus sei ein wunderschönes Traum, den sie gerne träumt, "aber ich beschäftige mich lieber mit Dingen, die ich verändern kann".