Was in einer deutschen Großstadt fatalerweise wenig Beachtung finden könnte, wollen sich die Bürger in der Hegauer Gemeinde Gottmadingen nicht bieten lassen. In einem offenen Brief samt groß angelegter Unterschriften-Aktion verurteilen sie aufs Schärfste, dass das Haus einer Familie mit Hakenkreuz und einer üblen rassistischen Beleidigung beschmiert wurde.

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Die Listen enthalten bereits mehr als 1000 Unterschriften, etwa 4000 Euro haben die Bürger aus Gottmadingen und den Ortsteilen, Vereine, sozialen Einrichtungen und Firmen-Mitarbeiter gesammelt, um auf einer vollformatigen Zeitungsseite mit Nennung aller Namen den Protest und die Solidarität mit der Familie zu untermauern.

„Wir halten zusammen“ 

„Der feige Anschlag auf Menschen, die mitten unter uns wohnen, soll Angst, Zwietracht und Misstrauen säen. Das wird nicht gelingen. Denn das ist nicht unser Gottmadingen. Wir halten zusammen für eine lebenswerte Zukunft in dem Ort, der Heimat und Arbeitsplatz ist für viele Menschen. Auch wir haben in unserer Gemeinde Konflikte, wir tragen sie aber offen mit Worten aus“, so lauten Passagen aus dem offenen Brief.

Blick auf Gottmadingen.
Blick auf Gottmadingen. | Bild: Albert Bittlingmaier

„Wir waren nach der Tat sehr schockiert, vor allem wegen möglicher Folgen für unsere drei Kinder, wie Ängste“, schildert Odion Aideyan bei einem SÜDKURIER-Besuch. Der 49-Jährige stammt aus Nigeria, seine jüngere Frau Jasmin aus Mali. Beide sind berufstätig, der Mann arbeitet seit 13 Jahren beim Constellium-Zweigwerk Gottmadingen im Drei-Schicht-Betrieb, seine Frau ist Sachbearbeiterin im benachbarten schweizerischen Thayngen.

Das sagt die betroffene Familie

„Um einen Bauplatz in Gottmadingen zu bekommen, mussten wir sehr viele Kriterien erfüllen. Geholfen hat, dass ich schon relative lange im Ort arbeite“, sagt Odion Aideyan. „Ich weiß nicht, ob es Neider gibt, wir müssen aber hart dafür arbeiten, dass wir den Traum vom Eigenheim verwirklichen können“, betont er.

Leider habe es beim Bau des Hauses im engeren räumlichen Umfeld auch einige negative Vorfälle gegeben. So sei großflächig Erde auf den Bauplatz geschüttet worden. „Die Kinder haben nach dem Schreck die Tat gut weggesteckt. In der Schule erfahren sie großen Beistand“, schildert Jasmin Aideyan. „Wir sind den Menschen sehr dankbar, dass wir durch die überwältigende Aktion so viel Zuspruch erfahren haben und dass alle so viel Courage zeigen, indem sie mit ihren Namen öffentlich hinter uns stehen“, sagt sie.

Die Kinder gehen noch in ihrem früheren Wohnort Singen zur Schule und sind dort auch in Vereinen und anderen Einrichtungen integriert. Wie Malinee Helmer, die den Kontakt zur Familie ermöglichte, haben sie andere Gottmadinger auch mit persönlichen Briefen aufgemuntert und Unterstützung angeboten.

Große Resonanz

So groß die Empörung der Gottmadinger über die Tat war, so froh sind die Initiatoren der Protest-Aktion über deren große Resonanz. „Ich bin überwältigt, dass so viele ihre Solidarität mit der Familie zeigen und bin stolz auf die Gottmadinger“, erklärt Herbert Buchholz, der zusammen mit Bürgermeister Michael Klinger und der Buchautorin Ulrike Blatter die Aktion initiiert hatte.

„Ganz viele Bürger sind auf uns zugekommen. Ihnen war es ein Bedürfnis, ihrem Entsetzen öffentlich Luft zu verschaffen und ein Zeichen zu setzen", sagt Bürgermeister Michael Klinger. „Wir haben uns dann für den offenen Brief und die Unterschriften-Aktion entschieden. Ein Ziel war es auch, dass die Gottmadinger bei diesem Thema miteinander ins Gespräch kommen und ihren Emotionen freien Lauf lassen. Die Resonanz war überwältigend. Ein Depp hat die Hauswand verschmiert. Und tausend tolle Gottmadinger haben reagiert“, formuliert Klinger.

Ulrike Blatter, Mitinitiatorin  der Unterschriften-Aktion.
Ulrike Blatter, Mitinitiatorin der Unterschriften-Aktion. | Bild: Albert Bittlingmaier

Projekt gegen Rechtsradikalismus

Aus den etwa 4000 Euro einbezahlten und zugesagten Spenden soll in Zusammenarbeit mit der Jugendpflege ein Schulprojekt gegen Rassismus und Rechtsradikalismus gestartet werden, damit das Thema weiter präsent bleibt. Die Anzeigen seien kostenlos veröffentlicht worden. Wer die zugesagten Spenden noch einlösen und weitere Beträge einzahlen wolle, könne dies über das Konto der Gemeinde tun oder das Geld auf dem Rathaus in seinem Vorzimmer abgeben.

„Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie es Menschen geht, die aus rechtsradikalen Kreisen bedroht werden“, schildert Ulrike Blatter. Den Hass habe sie auf sich gezogen, weil sie sich auf vielfältige Weise für Menschen der verschiedensten kulturellen Kreise einsetze. So wolle sie als Mentorin diesen Leuten einen guten beruflichen Weg ebnen.

„Der Staatsschutz der Polizeidirektion Friedrichshafen ist mit dem Gottmadinger Fall beschäftigt, bisher noch ergebnislos“, berichtet Polizeisprecher Bernd Schmidt. Dass Menschen zielgerichtet rassistisch angegangen werden, ist für Schmidt genauso ungewöhnlich wie für Andreas Mathy, Sprecher der Staatsanwaltschaft Konstanz. "Solche Taten können wegen Verwendung verfassungsfeindlicher Kennzeichen oder gar Volksverhetzung von empfindlichen Geldbußen bis zu einer vierjährigen Freiheitsstrafe geahndet werden", macht Mathy deutlich.