„Ich konnte nicht reden, nicht essen, nicht mich bewegen“, sagt David S. über seine Erkrankung mit dem Coronavirus. Nach 18 Tagen auf der Intensivstation war er wie gelähmt. Das schildert der 21-Jährige in einem der vielen Zimmer des Hegau-Jugendwerks in Gailingen. Neben ihm sitzen die ärztliche Direktorin sowie Chefärztin der Neurologie Corina Kiesewalter und Verwaltungsdirektorin Barbara Martetschläger, die sich seit Monaten intensiv mit der Rehabilitation von Post-Covid-Patienten beschäftigen.

Covid 19 macht kranker als andere Viren

Denn David S. ist nicht der einzige, der auch drei Monate nach seiner Erkrankung noch unter Begleiterscheinungen der Pandemie-Erkrankung leidet. „Es betrifft deutlich mehr Patienten als bei anderen Virusinfektionen“, sagt Kiesewalter im Vergleich etwa mit dem Pfeifferschen Drüsenfieber. Covid 19 mache also kranker als andere Viren – und das sei keine selektive Wahrnehmung, wie sie betont.

Sie arbeiten mit Post-Covid-Patienten im Hegau-Jugendwerk: Verwaltungsdirektorin Barbara Martetschläger (links) und die Chefärztin für Neurologie Corina Kiesewalter. Der Patient möchte online nicht gezeigt werden.
Sie arbeiten mit Post-Covid-Patienten im Hegau-Jugendwerk: Verwaltungsdirektorin Barbara Martetschläger (links) und die Chefärztin für Neurologie Corina Kiesewalter. Der Patient möchte online nicht gezeigt werden. | Bild: Arndt, Isabelle

Anfangs hieß es, das Coronavirus sei besonders für ältere Menschen mit Vorerkrankungen gefährlich. David S. passt nicht in dieses Schema: Er ist 21 Jahre jung und sein einziger Risikofaktor sei sein leichtes Übergewicht gewesen, wie Corina Kiesewalter erklärt. Er sei auch nicht leichtsinnig mit einer möglichen Erkrankung umgegangen, erzählt er. Wenn im Freundeskreis doch ein Verdachtsfall auftrat, habe er sich sofort testen lassen. Doch dann erkrankten erst seine Mutter und Schwester, später auch sein Vater und er. Rasch habe er gemerkt, dass das keine normale Erkältung war.

18 Tage auf der Intensivstation hinterlassen Spuren

Mit 40 Grad Celsius Fieber und einem Blutdruck über 200 sei er ins Krankenhaus eingeliefert worden. Es folgten 18 Tage auf der Intensivstation – und eine Dialyse, eine Thrombose, eine Lungenentzündung... Danach sei alles anders gewesen: Er war unbeweglich ans Bett gefesselt und seine Zunge war zwei Wochen lang taub. „Mir hat am Anfang nur Obst geschmeckt. Burger und Cola mochte ich zum Beispiel gar nicht mehr.“

Das könnte Sie auch interessieren

Mit solchen Verläufen sei nicht zu spaßen, betont die Chefärztin: „Er wäre fast gestorben.“ Kiesewalter unterscheidet drei Gruppen von Post-Covid-Patienten: die eine Gruppe kämpft mit den Folgen der intensivmedizinischen Behandlung und Beatmung. Dann gebe es Menschen, die sich über viele Wochen nicht erholen und unter Müdigkeit, Erschöpfung, Kopfschmerzen und auch Konzentrationsstörungen leiden. Und die dritte Gruppe leide unter Folgeerkrankungen wie Schlaganfällen, Thrombosen oder Nervenentzündungen. Alle Patienten haben gemeinsam, dass sie Wochen und auch Monate nach der Corona-Erkrankung noch nicht komplett leistungsfähig sind.

Einige Experten gehen davon aus, dass zehn Prozent der Corona-Erkrankten mit Spätfolgen zu kämpfen haben. Corina Kiesewalter ist davon überzeugt, dass es erheblich mehr sind.

Genesung kann Wochen und Monate dauern

Bei der Behandlung von Post Covid sind die verschiedensten Disziplinen gefragt. Zwischen sechs und acht Therapeuten sitzen bei einem Patientengespräch im Raum, erklärt die Chefärztin. Dazu kommen der Patient – und seine Eltern. Denn häufig habe das Hegau-Jugendwerk mit Minderjährigen zu tun. Allerdings reiche die Altersspanne derer, die sie mit Post Covid behandeln, bis Anfang oder Mitte 30.

„Es kann Wochen oder Monate dauern, bis unsere Patienten wieder gesund nach Hause können“, sagt Kiesewalter. Das sei sehr individuell und unterschiedlich, je nach Symptomen. Meist wisse das Gailinger Team sehr genau, was einem Patienten passiert ist, das steht in der Krankenakte.

Behandlung ist ähnlich wie bei anderen Krankheiten

Bei der Behandlung könne es dann auf Erfahrungen mit anderen Erkrankungen zurückgreifen, erklärt Kiesewalter. Lähmungen, Sprachstörungen, Nerven- und Muskelschmerzen sowie Einschränkungen der Konzentrationsfähigkeit treten auch bei anderen Krankheiten auf. Und auch zum Coronavirus werde beständig geforscht. „Wir haben in den letzten 1,5 Jahren erstaunlich viel dazugelernt“, sagt die Chefärztin über den Umgang mit dem Coronavirus.

Immer wieder gebe es Neuerungen – und täglich Herausforderungen auch im Klinikalltag. „Wir müssen Patienten, Mitarbeiter und Angehörige schützen“, sagt Verwaltungsdirektorin Barbara Martetschläger. Dabei dürfe man aber nicht vergessen, dass der Kontakt zu vertrauten Familienmitgliedern gerade für jüngere Patienten wichtig sei.

Das könnte Sie auch interessieren

Bisher würden nur vereinzelt Menschen mit Post Covid in Gailingen behandelt. Allerdings würden viele Menschen bei ambulanter Versorgung noch durchs Netz fallen, bedauert Barbara Martetschläger. „Wir gehen davon aus, dass es noch viele mehr gibt, die eine bessere Nachversorgung brauchen.“

Betroffene sollten Beschwerden ernst nehmen – und zum Arzt gehen

Deshalb appelliert Chefärztin Kiesewalter, dass Betroffene nicht zu lange damit warten sollten, ihren Arzt um Rat zu fragen: „Man wartet viel zu lange, weil es häufig nicht ernst genommen wird.“ Viele Erkrankte würden nach der Akut-Phase wieder arbeiten gehen und gerade so ihr Pensum schaffen – um anschließend völlig kaputt auf der Couch zu liegen. Über mehrere Wochen hinweg gehe so ein Verhalten nicht gut, mahnt Kiesewalter. Das führe zu einer psycho-physischen Erschöpfung.

Ein Arzt könne dann einen Antrag auf Rehabilitation stellen, sodass Betroffene in Einrichtungen wie dem Hegau-Jugendwerk zurück in ihren normalen Alltag vor Corona finden können.

Geschmackssinn ist wieder da, die Motorik aber noch nicht ganz

David S. ist froh, dass er in Gailingen an seinen Symptomen arbeiten kann. Vor dem Pressegespräch hat er in der Arbeitsförderung mit Metall gearbeitet, auch Sport und Ergotherapie stehen an diesem Tag auf seinem Plan. „Er ist kognitiv sehr gut rausgekommen“, sagt Corina Kiesewalter. Nun müsse man noch an der Motorik arbeiten, damit er die Hand ohne Einschränkungen bewegen kann. Reden kann David S. jedenfalls problemlos. Auch Burger und Cola schmecken wieder.

Das könnte Sie auch interessieren