Der Erste, der eine Schnappatmung spürte, war der Donauquellen-Bewacher Egon Rahm. Der nächste war der fürstliche Parkwächter Julius Ganter, "Parkvogel" genannt. Er war der umsichtige und pflichtbewusste Pfleger und Heger des Parks. Beide sind in den Sechzigerjahren fast zeitgleich auf die Kammer geeilt, das Fürstliche Residenzamt. Nervös vermeldeten sie: "Die Donauquelle ist fast versiegt, am Quelletempel rauscht es nicht mehr, es tröpfelt nur noch."

Kammerpräsident Achatius Graf Saurma griff sofort an das schwarze Gabel-Telefon mit der Wählscheibe und dem Schellenbaum. Ziel des Anrufs ist Donaueschingens damaliger Bürgermeister Robert Schrempp. Grob raunzte er in den Hörer: "Herr Bürgermeister, wir haben den schweren Verdacht, dass die Stadt uns das Wasser für unsere Donauquelle abgegraben hat. Sie wissen, dass sie das Wahrzeichen der ganzen Stadt, der Herzschlag von Donaueschingen und dem Fürstenhaus ist.

Unsere Untergebenen berichten gerade, dass die Stadt vor der Falkenpost sehr tief buddeln lässt." Wie von der Tarantel gestochen eilte der Bürgermeister zu seinem Stadtbaumeister, riss die Türe ohne anzuklopfen auf und ranzte Horst Twarz an. Beide bekamen die Schnappatmung: Der Bürgermeister wohl auch wegen des Treppensteigens und der unfassbaren Botschaft und Horst Twarz wegen des lauten Organs, das er von Bürgermeister Schrempp nicht gewohnt war. Hauptsächlich aber natürlich wegen der fast versiegten Quelle.

Beiden ist sicher die biblische Geschichte mit dem Brunnen Zem-Zem in den Sinn gekommen. Jetzt sind sie ans Telefon gegangen, und haben dem Patron des Büro Greiner, Theo Greiner angerufen. Auch bei dem hat die Schnappatmung eingesetzt wegen des Tones, den er von den zwei Herren nicht gewohnt war und natürlich wegen der üblen Hiobsbotschaft. Greiner war entsetzt und ist einen Stock höher gerannt, zum Büro von Hermann Kessler.

Dem sei der Zigarillo fast aus dem Mund gefallen und auch er hat schwer noch Luft geschnappt. "Kann es sein, dass wir durch die starke Pumperei am Brigach-Dücker zwischen Schützen und der Poststraße der Donauquelle im nahen Schlosspark das Wasser abgezweigt haben?", giftet Theo Greiner den Bauleiter Kessler an. Eine Stunde später sind alle maßgeblichen Männer auf der Schützenbrücke und haben zunächst überhaupt keinen guten Rat.

Eines wussten aber alle: Wenn das Quellwasser nach dem Wasserklau nicht mehr kommt, dann ist was geboten. Dass das vorerst aber unterm Deckel gehalten werden sollte, darüber war man sich einig. Nur hat man nicht mit den heimlichen Bauleitern, den Rentnern, und den Zeitungsleuten gerechnet. Schon am Abend war die Sache Thema der Stammtische.

Was hatte den damaligen Wasserschwund hervorgerufen?

  • Kläranlage: Zu dieser Zeit ist in Donaueschingen eine Kläranlage im Haberfeld gebaut worden. Für diese Baumaßnahem wurde vor allem auch neue Kanäle notwendig. Das Abwasser aus der Mittelstadt wurde dafür in großen Rohren Richtung Josefstraße und Prinz-Fritzi-Allee ins Haberfeld abgeleitet. Dazu hat man die Brigach oberhalb der Schützenbrücke tief unter der Bachsohle unterqueren müssen. Dass das Umpumpen des Brigachwassers nicht ganz einfach sein würde, damit hat man gerechnet. Dass aber die ominöse Brauerei- Karstquelle am Brigachufer so große Pumpleistung erfordern würde, damit hat sogar der erfahrene Bauleiter Hermann Kessler nicht gerechnet.
  • Quellen-Kommunikation: Zum ersten Mal hat man festgestellt, dass die beiden Karstaufstoßquellen, Donauquelltopf und Brauereiquelle, miteinander kommunizieren. Das Wort aus der Quellkunde heißt so viel wie: Man ist in enger Verbindung.
  • Stark abgepumpt: An der Poststraßen- oder Brauereiquelle wurde also das Karstgrundwasser so stark abgepumpt, dass die nur 200 Meter entfernte Donauquelle schließlich kein Wasser mehr hatte. Sie ist dadurch also versiegt. Sich gegenseitig das Wasser abgraben oder Quellen versiegen lassen oder gar vergiften, ist in der Menscheitsgeschichte und allen Kulturen eine der größten Missetaten. Gnade also den Männern, die das verbockt und zu wenig bedacht haben.
  • Quelle springt an: Das kolpinglastige Büro Greiner hat sicher manchen Stoßseufzer gen Himmel gerichtet, ganz im Glauben und der Zuversicht, dass die Fürstliche Quelle wieder anspringt, wenn die großen Pumpen an der Falkenpost wieder abgestellt werden. Als nach einigen Wochen die Pumpen stillgelegt wurden, ist die Donauquelle, zur gewaltigen Erleichterung aller Protagonisten, wieder angekommen und hat geschüttet wie auch zuvor schon. Wie viele Male wird wohl Hermann Kessler zwischen der Poststraße und der Schlossquelle hin und her gerannt sein, bis er sicher war, dass die Donauquelle wieder so sprudelt wie gewohnt? Der Herzschlag von Donaueschingen hat wieder eingesetzt und das Wach-Koma der Stadt war vorbei.