Fast wäre er als Rennradmechaniker bei dem größten Radklassiker der Welt, der Tour de France gelandet. Sprachliche Barrieren verhinderten für den heute in Blumberg wohnenden Schweizer Rene Müller in den 80er-Jahren diesen Traum. Als neutraler Mechaniker stand er bei der bekannten Schweizer Rundfahrt Tour des Suisse fast zwanzig Jahre immer parat und behob zahlreiche Defekte.

"Das Rennrad hat immer mein Leben mitbestimmt. Eigentlich wollte ich Profi-Rennfahrer werden. Berufliche Ausbildung und das Veto der Eltern verhinderten diese Karriere", sagt uns der passionierte Radexperte. Vor zwei Jahren ließ sich der ehemaliger Inhaber des Rennradgeschäfts Velo-Müller in Schaffhausen-Herblingen auf seine alten Tage in Blumberg an der Vogtgasse mit dem Neubau seines Hauses nieder. Der 78-jährige gelernte Maschinenbauer und Kfz-Mechaniker, der von 1976 bis 2005 mit seinem Rennradgeschäft in Schaffhausen vertreten war, hatte sich parallel vollkommen dem Rennsport verschrieben.

Als Amateur ist er selbst um die 50 Rennen gefahren. Das Zweirad war von klein an sein Begleiter und er hat viel erlebt. In seine Zeit als Mechaniker bei der Tour des Suisse, die im Vorfeld der Tour de France über zehn Etappen gefahren wird, schloss er mit vielen Sport-Berühmtheiten Bekanntschaft. "Ich habe die deutsche Radikone Rudi Altig oder mit dem unvergessenen Didi Thurau viele Jahre direkten Kontakt gepflegt. Oft hat sich Dietrich Thurau für die Tour de France bei der Schweizer Rundfahrt die nötige Form geholt. Rudi Altig war Ende der 70er- und Anfangs der 80er-Jahre sein sportlicher Leiter", weiß er zu berichten. "Als Mechaniker war mir der direkte Kontakt mit den Rennfahrern immer wichtig und wir tauschten am Abend im Hotel viele Erfahrungen aus", erzählt Rene Müller. Als ausgewiesener Tüftler war sein technischer Rat oft gefragt. Wenn kein technischer Betreuer aus dem eigenen Rennstall vor Ort war, sprang er mit seinem neutralen Team für Defekte auf der Strecke sofort ein. Ob ein schneller Radwechsel oder Problemen mit der Bremse, die in Sekunden wieder eingestellt werden musste, war er mit seiner fachlichen Kompetenz auf der Strecke in Notfällen eine gefragte Instanz. "Wir haben die Fahrer auch oft mit einer geschüttelten Cola versorgt", erzählt er schmunzelnd. Aufgrund seiner ausgewiesenen Fachkenntnisse und Nähe zu den Rennfahrern wollte diese ihn unbedingt für die Tour de France verpflichten.

Auch die belgische Rennsport-Legende Eddi Merckx hat er als Funktionär in seiner Laufbahn getroffen. Von 1976 bis 1984 und von 1990 bis 1998 war Rene Müller bei der Tour de Suisse eine feste Größe und pflegte mit zahlreichen Weltklassefahrern Kontakt. Der mehrfache Bahnradweltmeister Peter Post aus Holland oder dessen Landsmann und Straßenweltmeister Gerry Knetemann gehörten zu seinem Bekanntenkreis. Von dem Seriensieger der Tour de France, Lance Armstrong, oder dem französischen Meister Claude Lecler bekam er Trikots geschenkt. Über 30 Exemplare kamen in dieser Zeit von weltbekannten Radstars zusammen. Diese stellte er vor einigen Jahren einem privaten Fahrradmuseum in der Nähe von Zürich zur Verfügung.

In den 80er-Jahren begleitete Rene Müller auch den Schweizer Rennstall Bonanza als Mechaniker auf der damaligen Deutschland-Tour. Ein Weltcup-Rennen in Hamburg gehörte ebenfalls zu seinen Stationen.

In seinem Geschäft in Schaffhausen konstruierte er selbst Rennräder. "Ich habe hier viel mit Titan und Aluminium gearbeitet. Ein Rad wog lediglich 5950 Gramm", plaudert er aus dem Nähkästchen. Im Alter von neun Jahren baute er für sich sein erstes Fahrrad zusammen. Maßgeschneiderte Rennräder nach Größe und Gewicht waren später in seinem Geschäft eine seiner Spezialitäten. Für ihn selbst sind die zehnstündige Bodenseerundfahrt über 240 Kilometer oder die Zehn-Stunden-Tour von Schaffhausen über den St. Gotthard nach Lugano (über 270 Kilometer) unvergessene Erlebnisse. Zweiräder gehören für den fitten Rentner noch heute zu seinem Leben. Durch seinen Hausbau in Blumberg kam diese Leidenschaft in den vergangenen zwei Jahren etwas zu kurz. Nun will er aber wieder einsteigen. Tagesstrecken mit über 100 Kilometer will der 78-jährige Radfahrer mit seinem Rennrad Marke Eigenbau in Angriff nehmen.