Nebenberuflich hat die Familie Sohn aus Zizenhausen etwas geschaffen, was auch Jahrzehnte und Jahrhunderte später für Erstaunen sorgt. Ihre Tonfiguren zeugen ab Ende des 18. Jahrhunderts davon, wie das alltägliche Leben einst aussah und was sich Menschen gerne ansahen. Das Stadtmuseum Stockach zeigt eine Auswahl der rund 600 Zizenhausener Terrakotten, die sie vom letzten Spross der Künstlerfamilie erhalten haben. Unter den Figuren sind französische Soldaten, schweizerische Trachten oder Karikaturen von Alltagsszenen. Werke wie diese finden sich heute in ganz Europa und sind Sammlern mehrere hundert Euro wert.

<strong>"Glarus" aus einer Gruppe Schweizer Kantonstrachten:</strong> Trachten waren im 19. Jahrhundert schwer in Mode, wie Museumsleiter Waldschütz sagt. Anton Sohn fertigte nach Vorlage eines Trachtenbuchs mehr als 100 verschieden große Trachtenfiguren zu allen Schweizer Kantonen. Die Szenen selbst sind durchaus humorvoll: Hier flirtet das Trachtenpaar so intensiv miteinander, dass beide ihre Aufgaben vergessen.
"Glarus" aus einer Gruppe Schweizer Kantonstrachten: Trachten waren im 19. Jahrhundert schwer in Mode, wie Museumsleiter Waldschütz sagt. Anton Sohn fertigte nach Vorlage eines Trachtenbuchs mehr als 100 verschieden große Trachtenfiguren zu allen Schweizer Kantonen. Die Szenen selbst sind durchaus humorvoll: Hier flirtet das Trachtenpaar so intensiv miteinander, dass beide ihre Aufgaben vergessen. | Bild: Stadtmuseum Stockach
<strong>„Die Invaliden oder Undank ist der Welten Lohn“:</strong> Zwei verkrüppelte Veteranen schlagen sich als Bänkelsänger auf einem Jahrmarkt durch. Auf einer im Museum zu sehenden Tafel wird der alte Mühlesel von Kindern verspottet und der lahmende Jagdhund von seinem Herrn erschossen. Der angebrachte Text lautet: „Lohn für geleistete Dienste“. Für den französischen Markt griff Anton Sohn Kritik am damaligen König auf.
„Die Invaliden oder Undank ist der Welten Lohn“: Zwei verkrüppelte Veteranen schlagen sich als Bänkelsänger auf einem Jahrmarkt durch. Auf einer im Museum zu sehenden Tafel wird der alte Mühlesel von Kindern verspottet und der lahmende Jagdhund von seinem Herrn erschossen. Der angebrachte Text lautet: „Lohn für geleistete Dienste“. Für den französischen Markt griff Anton Sohn Kritik am damaligen König auf. | Bild: Stadtmuseum Stockach

Das erklärt der Stockacher Museumsleiter Johannes Waldschütz, während er die kleine Ausstellung im zweiten Obergeschoss des Kulturzentrums Altes Forstamt zeigt. Seit Dezember stehen hier wieder gesammelte Werke der Familie, die einst aus der Nähe von Bad Waldsee nach Zizenhausen zog. "Das war eine klassische Winterarbeit für sie", erklärt Waldschütz. Hauptberuflich ging Familie Sohn mehrheitlich anderen Tätigkeiten nach: "Sie waren Maler oder in Zizenhausen in offiziellen Funktionen tätig", sagt Waldschütz und nennt als Beispiel eine Verwaltungsaufgabe für die Adelsfamilie von Krafft. Anton Sohn, Begründer der Zizenhausener Terrakotten, war Kirchenmaler.

Die Produktion erfordert mehrere Schritte: Um aus einer Prägeform beliebig viele Terrakotten zu fertigen, wurde die Form mit Öl ausgekleidet und mit Ton aus Hoppetenzell gefüllt. Dieser wurde anschließend herausgelöst und getrocknet. Anschließend wurden die Figuren gebrannt, nachbearbeitet und bemalt. Dadurch erklärt sich auch der Begriff Terrakotten: Terracotta bezeichnet unglasierte Tonprodukte. Einige der Zizenhausener Exemplare sind aber glasiert, wie Waldschütz erklärt – diese werden mit der Zeit dunkler, während die Farbe anderer noch leuchtet und beim Berühren abfärben würde.

<strong>"Der Ärztestreit":</strong> Eine der humorvollsten Terrakotten, die den Streit eines Allopath (Schulmediziners) und Homöopath auf dem Rücken des Patienten zeigt. Dabei vergessen sie, was ihre „Kunst“ eigentlich ausmacht: Der Schulmediziner zertritt seine Lehrbücher, der Homöopath wirft eine Reihe von Gefäßen um. Wer genau hinschaut, kann den Text an der Flasche lesen: „Alle 2 Stunden ist 1 Löffel voll zu nehmen.“
"Der Ärztestreit": Eine der humorvollsten Terrakotten, die den Streit eines Allopath (Schulmediziners) und Homöopath auf dem Rücken des Patienten zeigt. Dabei vergessen sie, was ihre „Kunst“ eigentlich ausmacht: Der Schulmediziner zertritt seine Lehrbücher, der Homöopath wirft eine Reihe von Gefäßen um. Wer genau hinschaut, kann den Text an der Flasche lesen: „Alle 2 Stunden ist 1 Löffel voll zu nehmen.“ | Bild: Stadtmuseum Stockach

Und wofür all die Arbeit? Im 19. Jahrhundert richteten sich die Menschen erstmals ein Wohnzimmer ein, wie Waldschütz erklärt, und wählten dafür häufig Figuren aus Zizenhausen zur Dekoration. Bezahlbar war das aber nicht für jedermann, schätzt Waldschütz: Viele der Figuren gehörten zu Serien mit dutzenden kleiner Werke. Die Terrakotten orientierten sich dabei meist an Gemälden und setzten sie dreidimensional um, erklärt Waldschütz. "Sie sagen etwas über den Geschmack dieser Zeit" – einschließlich manch judenfeindlicher Aussagen. Die Künstler seien bei der Malerei sehr detailliert vorgegangen: "Verschiedene Schattierungen für Gesichtsfarbe und Grautöne gab es in rauen Mengen", sagt Waldschütz. Im Erbe des letzten Nachkommen Otto Müller-Sohn fanden sich unter anderem einige Farbtöpfe, die nun im Stadtmuseum zu sehen sind.

Johannes Waldschütz vom Stadtmuseum Stockach vor einem Schrank der Familie Sohn, in dem er einige Farbtöpfe der Künstler gesammelt hat.
Johannes Waldschütz vom Stadtmuseum Stockach vor einem Schrank der Familie Sohn, in dem er einige Farbtöpfe der Künstler gesammelt hat. | Bild: Arndt, Isabelle

Angefangen hat die Tonfigurenproduktion in Zizenhausen mit Krippenfiguren. Über den Kontakt zu einem Basler Kunsthändler entwickelten sich ab etwa 1820 diverse andere Motive mit Titeln wie "Tiroler Jäger auf'm Anstand" oder "Der Friedensrichter". Die Bezeichnung vergaben die Künstler selbst, wie ein Preiskatalog zeigt, und lieferten häufig einen Interpretationsanstoß mit – auch auf Englisch oder Französisch, wenn es für den internationalen Markt gedacht war. Eine Auswahl der Zizenhausener Terrakotten soll bis Frühjahr nächsten Jahres im Stadtmuseum zu sehen sein. Hintergründe der Figuren will Johannes Waldschütz mit Führungen vermitteln.

Die nächste Führung ist am Dienstag, 14. August, ab 18 Uhr im Stadtmuseum Stockach. Die Teilnahme kostet für Erwachsene sechs und für Schüler sowie Jugendliche drei Euro, mit Gästekarte gibt es einen Euro Rabatt. Anmeldung online unter www.tickets.stockach.de oder direkt im Alten Forstamt.

<strong>"Der Tod und der Koch" aus dem Basler Totentanz:</strong> Als die Pest im Spätmittelalter ein Drittel der Bevölkerung dahinraffte, wurden Abbildungen des Totentanzes populär. Sie sollten deutlich machen, dass der Tod jeden treffen konnte. Nachdem eine Friedhofsmauer in Basel samt ihrer Totentanz-Darstellungen 1805 abgerissen wurde, fertigte Anton Sohn um 1822 den Basler Totentanz in 42 Figurengruppen an.
"Der Tod und der Koch" aus dem Basler Totentanz: Als die Pest im Spätmittelalter ein Drittel der Bevölkerung dahinraffte, wurden Abbildungen des Totentanzes populär. Sie sollten deutlich machen, dass der Tod jeden treffen konnte. Nachdem eine Friedhofsmauer in Basel samt ihrer Totentanz-Darstellungen 1805 abgerissen wurde, fertigte Anton Sohn um 1822 den Basler Totentanz in 42 Figurengruppen an. | Bild: Stadtmuseum Stockach
<strong>"Die Goldschaber":</strong> Eine Reihe von Terrakotten zeigt in karikaturhafter Überspitzung, wie man im 19. Jahrhundert über das Judentum dachte. Viele bedienen antisemitische Vorurteile. Am deutlichsten wird das laut Museumsleiter Waldschütz in der Terrakotte „Die Gold­schaber“. Mit Feile und Schere reiben mehrere Juden das Gold vom Münzrand ab und stecken dieses als Gewinn ein. Die Goldmünzen verlieren an Wert. Verstärkt wird die Wirkung durch die Unterschrift „Üb immer Treu und Redlichkeit“. Ob Anton Sohn selbst antisemitisch dachte, lasse sich kaum sagen: Wie andere Terrakotten gehen auch die meisten Judenkarikaturen auf Vorlagen des Basler Malers Hieronymus Hess zurück. Bilder: Stadtmuseum
"Die Goldschaber": Eine Reihe von Terrakotten zeigt in karikaturhafter Überspitzung, wie man im 19. Jahrhundert über das Judentum dachte. Viele bedienen antisemitische Vorurteile. Am deutlichsten wird das laut Museumsleiter Waldschütz in der Terrakotte „Die Gold­schaber“. Mit Feile und Schere reiben mehrere Juden das Gold vom Münzrand ab und stecken dieses als Gewinn ein. Die Goldmünzen verlieren an Wert. Verstärkt wird die Wirkung durch die Unterschrift „Üb immer Treu und Redlichkeit“. Ob Anton Sohn selbst antisemitisch dachte, lasse sich kaum sagen: Wie andere Terrakotten gehen auch die meisten Judenkarikaturen auf Vorlagen des Basler Malers Hieronymus Hess zurück. Bilder: Stadtmuseum | Bild: Stadtmuseum Stockach
<strong>„Die sieben Schwaben“:</strong> Anton Sohn hat auch literarische Werke verewigt. Im Märchen der sieben Schwaben wollen diese durch die Welt ziehen und Abenteuer erleben. Auf ihrer Reise begegnen sie schließlich einem „wahren Untier“, welches sich als Hase entpuppt. Die Schwaben zeigen sich als Angsthasen, die mehr von Wichtigtuerei und Feigheit als von Heldenmut geprägt sind. Wer genau hinschaut, kann auf dem Grenzstein übrigens ein Wappen mit drei Hirschstangen entdecken. Es ist sowohl das Wappen des Königreichs Württemberg als auch das der Landgrafschaft Nellenburg.
„Die sieben Schwaben“: Anton Sohn hat auch literarische Werke verewigt. Im Märchen der sieben Schwaben wollen diese durch die Welt ziehen und Abenteuer erleben. Auf ihrer Reise begegnen sie schließlich einem „wahren Untier“, welches sich als Hase entpuppt. Die Schwaben zeigen sich als Angsthasen, die mehr von Wichtigtuerei und Feigheit als von Heldenmut geprägt sind. Wer genau hinschaut, kann auf dem Grenzstein übrigens ein Wappen mit drei Hirschstangen entdecken. Es ist sowohl das Wappen des Königreichs Württemberg als auch das der Landgrafschaft Nellenburg. | Bild: Stadtmuseum Stockach