Für die Grünen im Wahlkreis Singen-Stockach war auch zur nächsten Landtagswahl Udo Engelhardt klar als Kandidat gesetzt. Der Stockacher, der beruflich in Singens sozialem Leben maßgeblich und meist in vorderster Reihe aktiv ist, hatte bei der vorigen Wahl mehr als 20 Prozent der Stimmen im Wahlkreis geholt. Bei der Mitgliederversammlung war Engelhardt auch noch nominiert worden, doch schon kurz darauf gab er bekannt, dass er aus gesundheitlichen Gründen die Kandidatur wieder zurückziehen müsse. Eine erneute Abstimmung der Grünen kürte dann Dorothea Wehinger aus Steißlingen als grüne Frontfrau für den Landtag. Ersatzbewerberin Isabelle Büren-Brauch (siehe unten) hatte auf den Posten verzichtet und blieb lieber in Reihe zwei.

Dort war bislang auch Dorothea Wehinger zu finden. Die 63-Jährige ist zwar seit ihrer Jugend gesellschaftlich und politisch bei den Grünen seit deren Gründung aktiv. „Partei-Ämter hatte ich aber nie“, sagt sie beim SÜDKURIER-Besuch in ihrem Einfamilienhaus in Steißlingen. Im Kreistag sitzt sie seit der jüngsten Kommunalwahl zum zweiten Mal. Dort kümmert sie sich in den Ausschüssen für Sozial- und Jugendhilfe sowie Schule und Kultur um jene Themen, die ihr sehr am Herzen liegen.

Eine Woche lang Vize-Bürgermeisterin

In ihrem Wahl-Heimatort lebt sie mit ihrem Mann Hubert schon seit 25 Jahren und seit 2014 vertritt sie die grünen Belange auch im Gemeinderat. Kurz, ganz kurz nur, hatte sie dort gar das zweithöchste Amt der prosperierenden Hegau-Gemeinde inne: Dorothea Wehinger wurde in einer spektakulären Abstimmung mit Los-Entscheidung zur stellvertretenden Bürgermeisterin Steißlingens gewählt. Die Freude währte aber nur eine Woche. Dann musste die Gemeindeverwaltung einräumen, dass sie bei der Abstimmung einen Fehler gemacht hatte – und die Grüne war bei der zweiten Abstimmung ihren Posten wieder los. „Grün und Frau als Bürgermeister-Stellvertreterin, das ging gar nicht“, schmunzelt sie heute.Wer Dorothea Wehingers politische Gesinnung verstehen will, muss in ihre Familiengeschichte blicken. Mit sieben Geschwistern wuchs sie in Laiz bei Sigmaringen auf, in einem konservativen Elternhaus, auf einem Bauernhof. Dort hat sie die Achtung vor der Natur und den Menschen vorgelebt bekommen, stark geprägt auch von einem katholischen, christlichen Weltbild.

Eine ihrer Schwestern ist Gerlinde, die Gattin des heutigen Ministerpräsidenten. Und Dorothea Wehingers sicher größter Bonus im aktuellen Landtagswahlkampf. Schwager Winfried Kretschmann unterstützte sie persönlich zwar nur einmal mit einem Wahlkampf-Besuch in Singen. Doch mit ihrer Schwester und Landesmutter Gerlinde absolvierte sie mehrere Termine, bei Landfrauen und in der neuen Vesperkirche. Wäre Dorothea Wehingers Kandidatur schon früher festgestanden, hätte ihr Schwager sicher noch öfter Termine im Hegau in seinen Kalender einbauen können. Doch auch so profitiere sie vom Promi-Bonus ihres Schwagers, räumt Dorothea Wehinger ein. „Die Leute begleiten das sehr wohlwollend“, sagt sie.

Erziehung ist ihre Leidenschaft

Wie man Kinder erzieht, das weiß die quirlige Steißlingerin. In ihrer Jugend eine Familie mit acht Kindern, dann mit ihrem Mann Hubert eine eigene Familie mit drei heute erwachsenen Söhnen: das prägt. Dorothea Wehinger machte ihre Liebe zur Erziehung zum Beruf, lernte nach einer Apothekenhelfer-Ausbildung noch Erzieherin, leitete einen Kindergarten, dann einige Jahre einen offenen Jugendtreff in Lübeck, zog nach Singen und übernahm 1979 den Posten der Jugendreferentin des Dekanats. In all' den Jahren erzieherischer und pädagogischer Arbeit merkte sie, dass Erziehen nicht allen leicht fällt, selbst den Profis nicht. 2003 wagte sie deshalb den Sprung in die Selbstständigkeit und gründete eine Ein-Frau-Firma für die Beratung, Untersuchung und Betreuung von Kindertageseinrichtungen. „Seither helfe ich Fachkräften, Einrichtungen und Eltern, wenn es bei der Zusammenarbeit oder bei Konzeptionen klemmt“, erklärt sie.Ihre politischen Ziele sind klar umrissen: „Ich will mich als Frau einsetzen für soziale Gerechtigkeit und für Natur- und Umweltschutz.“ In einer schnelllebigen Welt habe „nur das Bestand, was auf Nachhaltigkeit angelegt“ sei. Deshalb setzt sie sich auch deutlich für Windenergie ein. Windräder sieht sie nicht als Störungen im Landschaftsbild, sondern als die „Ästhetik des notwendigen Wandels“.Eine „grüne Wirtschaftspolitik“ will sie forcieren, die Arbeitsplätze bietet und Ressourcen schont. Bürgerbeteiligung ist Wehinger wichtig, man müsse „die Bürger stärker einbeziehen“. Mehr Radwege möchte sie gebaut und die Lebensqualität auf dem Land verbessert sehen. Etwa mit einer „Nahversorgung von unten“, von nebenan. Flüchtlinge will sie weiterhin willkommen heißen und gut in die Gesellschaft einbinden. Singen bilde da ein sehr gutes Beispiel, wie das gelingen könne, lobt die grüne Kandidatin. Die Kulturen, die jetzt aufeinanderträfen, sollten sich gegenseitig kennenlernen, um sich besser zu verstehen. Deshalb schlägt sie auch vor, die Flüchtlinge zu verteilen, statt „in Ghettos“ zu betreuen.

 

Das steckt hinter der grünen Kandidatin

Wehingers Ersatz: Als Ersatzbewerberin stellten die Grünen im Wahlkreis Singen-Stockach die Singener Rechtsanwältin Isabelle Büren-Brauch auf. Die Mutter eines Sohnes ist seit 2009 Mitglied im Gemeinderat und interessiert sich für die Bereiche Bildung, Jugend und Familien.

Wehingers Leidenschaften: Die musische Liebe der Kandidatin gehört dem Chorgesang. Seit vielen Jahren singt sie im Bodensee Madrigalchor, dessen Vorstand sie auch angehört. „Singen gehört ins Handgepäck des Lebens“, findet sie. Es stärke auch das Immunsystem. Ihre sportliche Leidenschaft teilt sie mit ihrem Mann Hubert: „Wir lieben Radfahren und strampeln im Sommerurlaub lange Strecken.“ Spaß haben Wehingers auch sehr am Wandern.

Wehingers Schwager: Winfried Kretschmann und Schwester Gerlinde sind jedes Jahr mehrfach bei Wehingers zu Gast. „Dann will mein Schwager meist wandern, er liebt den Hegau“, verrät die Steißlingerin. Obwohl die Strecke zwischen Steißlingen und Laiz bei Sigmaringen nicht endlos weit sei, sehe man sich nicht sehr häufig. Vor allem zu Fest- und Geburtstagen. Als Ministerpräsident habe man den Terminkalender eben immer extrem voll, weiß sie.

Wehingers Zukunftspläne: Sollte es mit dem Einzug in den Stuttgarter Landtag nicht klappen, macht die Steißlingerin einfach in ihrer eigenen Firma weiter und berät Kindergärten & Co. Ob nun mit oder ohne politischen Erfolg: „Der Wahlkampf und all' seine Erfahrungen haben mir wahnsinnig viel gebracht, es war eine sehr wertvolle Zeit“, sagt sie.

Kontakt zur Kandidatin:

wehinger-wahl2016@web.de

www.dorothea-wehinger.de