Zu einer Nachricht gehört ein Name, besagt eine bewährte Journalistenregel. Dass die Anwohner des Herz-Jesu-Platzes allerdings darum bitten, anonym zu bleiben, erscheint auf den ersten Blick verständlich. Schon jetzt müssen sie sich wüste Beschimpfungen gefallen lassen, erzählen sie beim Gesprächstermin mit dem SÜDKURIER.

Bild: Tesche, Sabine

Die Frauen und Männer, die wir vor Ort treffen, fürchten Racheakte, sollten sie mit Namen und Gesicht in der Zeitung auftauchen. „Ich möchte nicht, dass man uns Steine an die Fenster wirft oder sich an den Briefkästen zu schaffen macht“, zeigt sich ein Anwohner besonders besorgt.

Ein Petitions-Schreiben als Hilferuf

Die jetzige Situation sei bereits schlimm genug, sind sich alle einig. So schlimm, dass sie sich Mitte August gezwungen sahen, bei einer Anwohnerversammlung Lösungsmöglichkeiten zu diskutieren. Das Ergebnis: ein Petitions-Schreiben an Oberbürgermeister Bernd Häusler, unterschrieben von 45 Menschen, die am Herz-Jesu-Platz und an der Höristraße wohnen. Auch ein Pfarramts-Vertreter der Herz-Jesu-Kirchengemeinde hat seine Unterschrift hinterlassen.

Nach vielen vergeblichen Versuchen sehe man sich nicht mehr in der Lage, sich selbst zu helfen, heißt es in dem Brief an den OB. Von nicht mehr erträglicher Lärmbelästigung ist die Rede, von Zerstörungswut und rücksichtsloser Vermüllung.

Erst Hunde, dann Kinder im Brunnen

Vor allem der Brunnen an der Südseite wird von den Unterzeichnern als Gefahren- und Störungsquelle empfunden. Es sei dort nicht nur laut, auch die Sicherheitsabstände würden niemanden kümmern, erklärt eine der Anwohnerinnen vor Ort. „Hundehalter lassen ihre Tieren frei rumlaufen und darin baden. Es kann sein, dass dann ein paar Minuten später Kinder ihre Köpfe ins Wasser halten“, berichtet die ältere Dame. „Das ist doch unhygienisch.“

Ein Hund streunt durchs Blumenbeet – laut den Anwohnern kein ungewöhnliches Bild.
Ein Hund streunt durchs Blumenbeet – laut den Anwohnern kein ungewöhnliches Bild. | Bild: Tesche, Sabine

Der Nachwuchs wird von den Anwohner aber nicht nur als Opfer wahrgenommen. Jeder der Anwesenden kann Anekdoten über rücksichtslose Kinder erzählen. „Wenn man sie bittet, leiser zu sein, wird man zum Teil richtig heftig beschimpft“, betont eine weitere Anwohnerin. Sie prangert an, dass die Eltern ihre Aufsichtspflicht verletzen: „Manche sind sogar dabei und stiften ihre Kinder zum Lärm-Machen an.“

Krach bis in die Nacht

Am schlimmsten gehe es auf dem Platz in den Abendstunden zu. Jugendliche, die bis in die Nacht hinein laut sind: das sei das Hauptproblem. „Da sind so richtig Halbstarke dabei. Manche rauchen Joints. Wir konnten sogar schon beobachten, wie hier gedealt wurde“, schildert ein Mann.

Eine Frau wirft ein, dass nicht alle der Kinder und Jugendlichen gefährlich seien. So habe sie zum Beispiel eine Gruppe dazu bringen können, ihr beim Aufsammeln von Müll zu helfen. „Ich habe mich auch mal nach unten gesetzt und mit Absicht sehr leise auf meiner Gitarre gespielt. Da kamen sofort Jugendliche, sie haben sich interessiert und wollten, dass ich lauter spiele.“

Bild: Tesche, Sabine

Sie wünsche sich generell, dass ein Miteinander auf dem in den vergangenen Jahren neugestalteten Herz-Jesu-Platz möglich ist. „Es ist doch so schön hier“, schwärmt sie. „Der Platz könnte wie eine italienische Piazza sein.“ Die anderen pflichten bei – nur müsse halt um 22 Uhr Ruhe sein.

Konsens herrscht in der Gruppe auch, wenn es um die Herz-Jesu-Kirche geht: „Mit dem Ball an die Wand kicken oder gar an das Gemäuer pinkeln, das ist einfach pietätslos“, bringt es ein Mann auf den Punkt. Ebenfalls bedauerlich sei, dass der von dem Künstler Lukas Schneeweiss gestaltete Parkgaragen-Ausgang bereits beschädigt worden sei.

Am kunstvoll gestalteten Ausgang der Tiefgarage sind Zerstörungsspuren erkennbar.
Am kunstvoll gestalteten Ausgang der Tiefgarage sind Zerstörungsspuren erkennbar. | Bild: Tesche, Sabine

Bevor es an dem Platz zu drastischerem Vandalismus kommt, wünschen sich die Anwohner, dass verbindliche Platz-Regeln aufgestellt werden, die mithilfe von Schildern kommuniziert werden. „Zum Beispiel könnte man festlegen, dass der Spielplatz nahe der Kirche wirklich nur von Kindern genutzt werden darf“, sagt ein Mann. „Und dass um 22 Uhr Ruhe einzukehren hat.“

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Die Polizei habe diese Regeln bislang nicht dauerhaft durchsetzen können, zeigt sich der Mann enttäuscht. „Zum Teil belächeln einen die Polizisten“, pflichtet eine Frau bei.

Was ergibt das Gespräch mit dem OB?

Die Hoffnungen der Anwohner ruhen jetzt auf OB Häusler. Er habe auf das Petitions-Schreiben zeitnah geantwortet und seinen Besuch angekündigt. „Darüber haben wir uns gefreut“, sagt ein weiterer Mann. „Jetzt geht es darum, diesen guten Willen in ganz konkrete Maßnahmen zu übersetzen.“

So bewertet Singens Oberbürgermeister die Problematik

„Wir wenden uns an Sie und bitten um Ihre Unterstützung“, heißt es in dem Schreiben, das die Anwohner Oberbürgermeister Bernd Häusler zugesendet haben. Was er für hilfreich hält, erklärt der OB dem SÜDKURIER.

  • Kontrollen: Häusler berichtet, dass bereits ein Sicherheitsservice im Auftrag der Stadt den Herz-Jesu-Platz kontrolliert. „Außerdem bestreift unsere mobile Jugendarbeit den Platz und spricht Gruppen gezielt an“, schildert der OB. Auch die Polizei habe ein Auge auf die Geschehnisse. Nachdem er in den vergangenen 14 Tagen verstärkt auf Lärm und Vandalismus aufmerksam gemacht wurde, sei er auch selbst an mehreren warmen Sommerabenden vor Ort gewesen. „Bei meinen Besuchen habe ich einen lebendigen, urbanen Platz wahrgenommen, als solcher ist er ja auch konzipiert worden. Jugendliche sitzen und sprechen miteinander, Kinder sind mit dem Rad unterwegs“, beschreibt er. „Das wollen wir ja auch.“ Trotzdem nehme er die Sorgen der Anwohner ernst. Die geschilderten Auswüchse wären nicht hinnehmbar.
  • Die Zukunft: Der OB hofft, dass die Stellen für einen Kommunalen Ordnungsdienst bald ausgeschrieben werden, sodass im Frühjahr geschulte Mitarbeiter mit der Polizei die Probleme gezielt angehen können. Zudem habe er vor, mit den Anwohnern und einem Mitarbeiter der mobilen Jugendarbeit im gemeinsamen Gespräch vor Ort weitere Lösungen zu entwickeln.