Wer hier sein Drei-Gänge-Menü genießen möchte, muss früh dran sein. Bereits kurz nach 11 Uhr bildet sich eine kleine Schlange vor der Lutherkirche in Singen und kurz nach Öffnung der Vesperkirche um 11.30 Uhr ist fast jeder Platz besetzt. Bis zu 160 Gäste sitzen an den 21 Tischen oder bahnen sich ihren Weg dahin.

Zwischenzeitlich müssen immer wieder Besucher kurz warten, bis ein Platz frei wird. An jedem der Tische ist Platz für acht Menschen aus Singen und Umgebung – und acht unterschiedliche Lebensgeschichten. Da sitzen im einen Moment noch Empfänger von Grundsicherung, die das Monatsende herbeisehnen, und wenig später die Organisatoren eines solchen Formats wie Rolf Göttner und Udo Engelhardt.

All diese Menschen haben an diesem Tag mehr gemeinsam als ihr Mittagessen, es gibt Hühnerfrikassee mit Reis oder Spaghetti mit Tomatensauce. Sie schätzen die Gemeinsamkeit. Man wünscht sich guten Appetit, fragt wie es schmeckt und wie es geht.

Vermieter isst mit dem Mieter, Oma mit Tochter und Enkelin

"Ich finde es schön, dass hier Menschen verschiedener Coleur an einem Tisch sitzen und sich austauschen können", sagt einer der Besucher. Er ist Rentner aus Konstanz und zum ersten Mal hier, wie er erzählt. Seinen Namen will er nicht verraten, aber eine Meinung zur Vesperkirche hat er durchaus: "Das Gemeinschaftsgefühl wird gestärkt." Er selbst ist das beste Beispiel dafür, sitzt er doch mit dem Mieter seiner Singener Wohnung zusammen. Und für das Gemeinschaftsgefühl gibt es viele Beispiele: Zu seiner anderen Seite sitzt eine Frau, die hier in den nächsten Tagen ebenfalls helfen wird. An diesem Tag hat sie ihren Ehemann samt Rollator, ihre Tochter und ihre Enkelin mit dabei. Einen Tisch weiter sitzen zwei befreundete ältere Damen, die jedes Jahr vorbeikommen und dabei ein wenig mehr in den Spendenkasten werfen – um die soziale Idee zu unterstützen, wie eine von ihnen sagt.

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Niemand ist sich zu schade

Was dem Rentner besonders gefällt: Niemand sei sich zu schade, mitzuhelfen. Zahlreiche Helfer laufen an den Tischen vorbei, zu erkennen sind sie an grünen Schürzen und einem Tablett in den Händen. Die Menschen helfen aber auch einander: Wer nicht weiß, wie das mit dem Mittagessen in der Vesperkirche funktioniert, bekommt es rasch erklärt – gleich am Eingang, wenn eine Spende gegen eine Essensmarke getauscht wird, oder im Gang, wenn ein Helfer den Weg weist. Und am Tisch gibt es dann Nebensitzer wie Bettina Apicella, die kurz das Prozedere erklärt: Menü 1 oder Menü 2? Mit Fleisch/Fisch oder vegetarisch? Suppe und Kuchen gibt es immer dazu. Und Wasserflaschen stehen schon auf dem Tisch bereit, ebenso wie Blümchen und bunte Servietten.

Auf Hartz-IV-Empfänger folgt der Tafel-Chef

Bettina Apicella hat einen Teller mit Steinpilzsuppe vor sich und unterbricht ihre Mahlzeit, um mit ihrem Nebenmann zu sprechen. Sie kennen sich flüchtig. Wie es seinen Katzen geht, fragt sie. "Ganz gut, aber ich muss sehen, dass ich genügend Futter für sie zusammen bekomme", sagt er. Er lebe in einer AWO-Wohngruppe und von Grundsicherung, am Monatsende werde das Geld knapp. An diesem Tag lässt er sich daher gleich zwei Stücke Kuchen schmecken. Doch nächste Woche erhalte er die nächste Überweisung, dann werde es wieder besser. Kaum sind er und seine beiden Mitbewohner aufgestanden und gegangen, nehmen schon drei Herren Platz. Sie stellen sich vor: Willy Wagenblast ist Kassierer der Singener Tafel, der Vesperkirche und des Vereins Kinderchancen; Rolf Göttner hat die Stuttgarter Vesperkirche mitbegründet und Udo Engelhardt leitet die Singener Tafel.

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Die drei Männer sind sich einig, dass mit dem Angebot der Vesperkirche auch Menschen zusammen kommen, die sonst alleine zuhause sitzen würden. "Ich erlebe eine unglaubliche Gastfreundschaft, die überwältigend ist", sagt Rolf Göttner. In der Vesperkirche in Stuttgart laufe das anders ab, bei 600 Essen pro Tag sei keine individuelle Bedienung mehr möglich. In Singen werden bis zu 300 Mahlzeiten pro Tag an die Tische gebracht, insgesamt engagieren sich über die zwei Wochen hinweg rund 700 Ehrenamtliche. "Die Begegnung ist wichtig", stimmt Bettina Apicella zu. "Das ist ja das schöne, dass sich hier fremde Leute treffen." Und so denkt sie wie viele andere auch an ihre Mitmenschen, wenn es ums Aufbrechen geht: Wenn sie jetzt geht, findet noch jemand anders Platz für eine leckere Mahlzeit und ein nettes Miteinander, bevor die Vesperkirche um 14 Uhr schließt.

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