Kühl ist es hier und dunkel. Im schlimmsten Fall sogar gefährlich. Nein, eine Tiefgarage ist kein Ort, der zum Verweilen einlädt. Der penetrante Abgasgestank tut sein übriges. Jetzt bloß nicht tief einatmen und dann nichts wie raus. Stopp! Genau diesem Fluchtimpuls möchte Lukas Schneeweiss etwas entgegensetzen: Kunst. Im Rahmen der Neugestaltung des Herz-Jesu-Platzes plant der 39 Jahre alte Mann aus Karlsruhe am Ausgang der neuen Tiefgarage einen Ort zu schaffen, an dem man nicht einfach vorbeihastet. Einen Ort, der zum Durchatmen anregt.

Wir wollen von Lukas Schneeweiss wissen, wie er sich das vorstellt und treffen ihn dort, wo sein 80 000 Euro teures Kunstprojekt bis Ende des Jahres umgesetzt wird: am Herz-Jesu-Platz. Schneeweiss ist 1,87 Meter groß, trägt ein pechschwarzes Shirt und Jeans. Fast wirkt er ein bisschen unscheinbar, wären da nicht der schwarz-graue Vollbart und der Schlapphut, die ihm direkt ein pfiffiges Aussehen verleihen. „Können wir uns duzen?“, fragt der 39-Jährige zur Begrüßung. Können wir.

Eine Vision in blau

In den Stunden davor habe er sich mit den Verantwortungsträgern der Stadt getroffen, fängt er gleich zu erzählen an. Gerade für ihn als Künstler sei es spannend gewesen, sich über die rein praktischen Gesichtspunkte der Umsetzung auszutauschen. Bevor er aber erklärt, wie er das Ausganggebäude der Tiefgarage im Detail gestalten möchte, gilt es schnell noch ein paar Fotos für den SÜDKURIER zu machen. Kein Problem: Wie auf Kommando setzt sich der 39-Jährige mit verschränkten Armen vor dem Bauzaun in Pose. Den Blick lässt er in die Ferne schweifen – als könne er statt dem Trubel der Singener Innenstadt eine malerische Landschaft am Horizont ausmachen.

Diese Spannung zwischen Hektik und Gelassenheit ist es auch, die Schneeweiss zu seiner Gestaltungsidee inspiriert hat. „Ich schaffe gerne Ruhepole“, sagt er auf dem Weg zur nahe gelegenen Pizzeria „Da Sabino“. Auf einem der weißen Tische vor der Gaststätte packt der Künstler seine Skizzenmappe aus. Acht jeweils 2,70 Meter hohe, mundgeblasene Flachglasscheiben sollen das Ausgangsgebäude der Parkgarage in blaues Licht tauchen, erklärt er seine Vision, die sich harmonisch in die Architektur des geplanten Gebäudes einfügen soll.

Weltraum-Atmosphäre: Anhand eines Modells verdeutlicht Kunstmuseums-Leiter Christoph Bauer, wie sich das einfallende Sonnenlicht an den blauen Glasscheiben bricht.
Weltraum-Atmosphäre: Anhand eines Modells verdeutlicht Kunstmuseums-Leiter Christoph Bauer, wie sich das einfallende Sonnenlicht an den blauen Glasscheiben bricht. | Bild: Daniel Schottmüller

Mithilfe von 80 Schablonen würden die gläsernen Außenwände dann mit zwei bis sechs Millimeter großen weißen Punkten versehen. „Tausende, vielleicht zehntausende Sterne, die die blauen Glasscheiben übersäen“, beschreibt Schneeweiss mit glänzenden Augen. In der jüngeren Vergangenheit sei Schönheit in der Kunstszene zunehmend in Verruf geraten, führt der Mann aus Karlsruhe aus. Er glaubt, dass sich Künstler oft zu sehr in intellektuellen Überlegungen verstricken. Für einen Ästhet wie ihn ist das bedauerlich. „Mein Ziel ist es nicht, etwas Schönes zu schaffen – sondern etwas Wunderschönes“, zeigt er sich selbstbewusst.

Es reißt nach außen und nach innen

Das heißt aber nicht, dass er sich nicht auch Gedanken macht. Als der Leiter des Singener Kunstmuseums Christoph Bauer den 39-Jährigen dazu ermunterte, ein Gestaltungskonzept zu entwickeln, war es zunächst die Herz-Jesu-Kirche, die ihn zum Sinnieren brachte. „Die Wirkmacht der Kirche hat sich immer wieder vor mein Auge geschoben“, erinnert sich Schneeweiss an die ersten Einträge in sein Skizzenbuch.

Ein Ort mit so einem imposanten Innenraum wie die Herz-Jesu-Kirche sensibilisiere den Besucher für die Dimension Raum, glaubt Schneeweiss. „Man kann sich in die Weite reißen lassen oder nach innen ins Dasein zentrieren“, versucht er sich an einem Erklärungsansatz. Die Herausforderung für ihn ist es jetzt, dieses Gefühl in einen viel kleineren Raum zu transportieren.

Lukas Schneeweiss hat sein Skizzenbuch immer dabei.
Lukas Schneeweiss hat sein Skizzenbuch immer dabei. | Bild: Daniel Schottmüller

Die Weite des Kirchenraums stellt aber nur eine der Inspirationsquellen für das Kunstprojekt dar. Die andere ist die vielleicht offensichtlichere: das Firmament. Für Schneeweiss ist der Blick in den Nachthimmel verknüpft mit seiner Kindheit, eine Zeit, in der er spätestens alle zwei Jahre seine Verwandtschaft in Amerika besuchen durfte. „Unsere Familie besitzt im Bundesstaat Vermont ein Holzhaus direkt an einem See“, erzählt der 39-Jährige. Bis heute noch findet er es traumhaft in einer klaren Nacht, mit dem Ruderboot und einer Dose Bier hinaus zu rudern und die Sterne zu betrachten. Schon in wenigen Wochen hat Schneeweiss wieder die Möglichkeit dazu. Das Besondere: Wenn er im Sommer die nächste Reise an die amerikanische Ostküste antritt, wird er zum ersten Mal seinen zwei Monate alten Sohn mitnehmen.

Der nächste Höhepunkt erwartet den 39-Jährigen dann im September. „Der Ausgang der Tiefgarage soll bis dahin im Rohbau fertig sein“, sagt Schneeweiss. „Den werde ich definitiv sichten.“ Die Wochen und Monate davor wird er immer wieder im hessischen Taunusstein im Einsatz sein. In den weltbekannten Derix Glasstudios soll dann an der Fertigstellung der Glasscheiben gefeilt werden. Für Lukas Schneeweiss ist das der vielleicht spannendste Teil einer ohnehin schon spannenden Arbeit.

 

 

"Schönheit unverkrampft mitschwingen lassen": Was Lukas Schneeweiss auszeichnet

Christoph Bauer, Leiter des Singener Kunstmuseums, hat Lukas Schneeweiss sowie seine Konkurrenten Daniel Hausig und Beat Zoderer für die engere Wahl des Kunstprojekts vorgeschlagen. Dem SÜDKURIER erklärt er, warum sich die Fachjury am Ende für Schneeweiss ausgesprochen hat

Herr Bauer, warum haben Sie Lukas Schneeweiss denn für die nähere Auswahl vorgeschlagen?

2012 ist mir eine seiner Arbeiten in Karlsruhe aufgefallen. Auf dem Flachdach eines leer stehenden Glaspavillons hat er eine Schrift angebracht: „Es gefällt mir, wenn du nachdenkst.“ Eine irritierende Arbeit, die eine grundsätzliche Frage an unsere Existenz stellt. Herr Schneeweiss hat die Schrift bewusst in den Stadtraum gesetzt. Das war eine ganz tolle Intervention in den öffentlichen Raum, die mir gleich aufgefallen ist. Seit diesem Tag habe ich ihn und seine Arbeiten mit Interesse verfolgt.

Wie würden Sie uns den Künstler Lukas Schneeweiss beschreiben?

Er ist jemand, der konzeptuell arbeitet, über den Verstand. Dabei verwendet er wiedererkennbare Bilder. Gleichzeitig ist er mit 39 Jahren ein vergleichsweise junger Künstler. Gerade, wenn es um Arbeiten im öffentlichen Raum geht, bei denen man sich mit Baurecht, Statik und Kalkulationen auskennen muss und sich eigentlich kaum einen Fehler erlauben kann. Ich glaube, dass er sich gerade aufgrund seines Alters traut, Dinge wie Schönheit oder die Erinnerung an Traditionen mitschwingen zu lassen. Er ist da unverkrampft. Künstler, die 20 Jahre älter sind, machen das nicht. Die finden das zu romantisch, zu kitschig, zu schön.

Was gefällt Ihnen an seiner Projektidee für den Herz-Jesu-Platz?

Gefallen ist das falsche Wort. Ich persönlich habe ja alle drei Künstler vorgeschlagen und hätte auch allen gegönnt, dass sie den Zuschlag erhalten. Man kann aber sagen, dass es uns wichtig war, dass über das Kunstwerk ein Ortsbezug hergestellt wird. Herr Schneeweiss verbindet seine Intervention mit der Architektur des Gebäudes – sogar so stark, dass man gar nicht mehr richtig sagen kann, ob es eigentlich Kunst oder Architektur ist. Beide Bereiche sind nicht mehr voneinander zu trennen. Das hat sich der Jury letztlich als überzeugendste Lösung dargestellt.

Fragen: Daniel Schottmüller