Leonard Wagener hilft zum ersten Mal mit bei der Weinlese auf der Insel Reichenau. "Es ist anstrengend, aber es macht Spaß", sagt der junge Mann.

Erntehelfer Leonard Wagener ist zum ersten Mal bei der Weinlese auf der Reichenau dabei. "Es ist anstrengend, aber macht schon Spaß", meint er.
Erntehelfer Leonard Wagener ist zum ersten Mal bei der Weinlese auf der Reichenau dabei. "Es ist anstrengend, aber macht schon Spaß", meint er. | Bild: Zoch, Thomas

Eine Aussage, die auch zum Jahrgang und zur Qualität der Trauben passt. "Wir stehen vor einem Herbst, der besser nicht sein könnte", erklärt Max Uricher, der Geschäftsführer der Rebenaufbau- und Weinbaugenossenschaft. Betriebsleiter Frank Keilbach fügt lächelnd an: "Es ist qualitativ und mengenmäßig ein guter Jahrgang." Die Trauben hätten über alle Rebsorten hinweg eine gute bis hervorragende Qualität.

Besonders Rotwein dürfte vielversprechend werden

"Wir erwarten beim Müller-Thurgau einen fruchtigen, leichten Wein mit einem blumigen Duft und einem lebendigen Säurespiel um den Gaumen, das beim Trinken Vergnügen bereitet", schwärmt Keilbach. Die Mostgewichte lägen aktuell bei 80 bis 82 Öchslegrad. Uricher ist überzeugt: "Der Müller-Thurgau wird ein Qualitätswein an der oberen Grenze." Noch besser werden dürfte der rote Spätburgunder, schätzen die Fachleute. Natürlich müssten sie noch ein bisschen abwarten, aber die Trauben hätten schon sehr gute Mostwerte.

Mehr als 200.000 Liter in Aussicht

Das werde ein Jahrgang, wie man ihn nicht alle Jahre habe. "Man kann beim Rotwein davon ausgehen, dass man was Hervorragendes hat – auf jeden Fall im Prädikatsbereich", so Uricher. Und auch bei der Menge an Wein insgesamt ist er optimistisch. "Wir müssten die 200.000-Liter-Marke packen." So viel Reichenauer Wein gab es schon seit etlichen Jahren nicht mehr, 2017 waren es rund 160.000 Liter.

Die ersten Sorten nach Neujahr zu haben

Für die Herstellung und Vermarktung des Reichenauer Weins ist die Winzerverein-Genossenschaft zuständig. Kellermeister Thomas Sättele erklärt, die Kunden könnten nach Neujahr mit den ersten Sorten des neuen Jahrgangs rechnen. Bis Februar/März solle es das ganze Sortiment geben. Möglich wäre sogar, dass gewisse Sorten schon vor Weihnachten fertig seien, davon geht er zum jetzigen Zeitpunkt aber nicht aus. Aktuell gebe es noch Flaschen vom 2017er-Jahrgang, aber: "Es gehen schon die ersten Sorten aus", so der Kellermeister. Der rote Gutedel und der Biowein Cabernet Cortis seien bereits ausverkauft.

Das Wetter spielte optimal mit

Keilbach und Uricher nennen mehrere Gründe für die gute Qualität und große Menge. Zum einen sei der relativ nasse Winter ideal gewesen, das habe in den Vorjahren gefehlt. Dadurch seien die Böden gut mit Feuchtigkeit versorgt gewesen. Dann habe die im April einsetzende Wärme für einen optimalen Blütenverlauf gesorgt. "Das waren sehr gute Startbedingungen für die Reben", erklärt Keilbach. Denn dies habe in der Folge für einen sehr guten Traubenansatz gesorgt, es wuchsen deutlich mehr.

Uricher fügt an, die Reben hätten dann zwar schon gelitten unter der langen Hitzewelle und Trockenheit im Sommer. Aber: "Wir hatten die Möglichkeit zu bewässern, was man im Weinbau eigentlich nicht macht. Wir haben mit der Gemüse-Genossenschaft ein faires Abkommen, so dass wir aus deren Beregnungsanlage so viel Wasser nehmen konnten, wie wir brauchten." Dadurch seien die Schäden durch die Trockenheit unbedeutend.

Vielen Landwirten hat die Hitze geschadet – für die Winzer war sie von Vorteil

Keilbach erklärt, die trockene Hitze habe sogar auch einen Vorteil gehabt. "Die Beeren sind relativ klein. Das führt zu einer lockeren Traubenstruktur." Die einzelnen Früchte lägen nicht aufeinander, sondern hingen locker. "Der Wind kann durchblasen. So haben wir einen optimalen Gesundheitszustand – ohne Fäulnis oder sonstige Krankheiten." Und schließlich seien die Reben in diesem Jahr von Frost und Hagel verschont geblieben. "Das war letztes Jahr ein Riesenproblem", so der Betriebsleiter, dies habe zu Einbußen von 25 bis 30 Prozent geführt.

Das "Wimmeln" startet früher als sonst

Zirka 25 Erntehelfer sind bei der Lese im Einsatz, dem Wimmeln, wie man auf der Reichenau sagt. Die Lese habe aufgrund des langen Sommers zehn bis 14 Tage früher begonnen als in normalen Jahren, erklärt Uricher – mit dem Müller-Thurgau. Bis Anfang Oktober solle die Arbeit abgeschlossen sein. Weil es die kommenden ein bis zwei Wochen laut Wettervorhersage eher noch warm und trocken bleiben soll, könnten manche Trauben auch noch etwas länger hängen bleiben und damit weiter reifen, fügt Keilbach an. "Das kommt vor allem dem Spätburgunder zugute."

Reichenauer Wein und die Winzer

  • Weinanbau: Diesen gab es auf der Insel Reichenau schon in der großen Klosterzeit im Mittelalter. Aktuell gibt es auf rund 22 Hektar Reben, davon ein Hektar bio. Diese verteilen sich auf die Sorten Müller-Thurgau (etwa 40 Prozent), Spätburgunder (35 Prozent), Grauburgunder und Gutedel (je zehn Prozent) sowie kleinere Mengen Chardonnay, Kerner und Muskateller, im Biobereich sind es Souvignier Gris, Muscaris und Cabernet Cortis. Erhältlich ist Reichenauer Wein hauptsächlich auf der Insel: im Winzerkeller und einigen Geschäften.
  • Besitz: Etwa die Hälfte der Rebflächen gehört der Rebenaufbau- und Weinbaugenossenschaft, die anderen elf Hektar verteilen sich auf rund 50 Nebenerwerbswinzer, so Geschäftsführer Max Uricher. Die Genossenschaft kümmere sich um die Bewirtschaftung aller Flächen und erweitere den Anbau nach und nach. Mittelfristig sollen es 25 Hektar werden. Zuletzt wurde 2015 eine neue Fläche von einem halben Hektar mit Spärburgunder bepflanzt. Im kommenden Winter sei eine weitere Neuanlage von einem halben Hektar geplant im Gewann Moos im Süden der Insel, unterhalb der Hochwart. Die Sortenwahl sei hier noch offen.