Seit Jahr und Tag stehen die Seezeichen 32 und 33 zwischen Reichenau und Mettnau und weisen Bootsfahrer um eine gefährliche Untiefe den Weg. Was es mit dieser Stelle namens Straßenrain, bei der am Abend des 24. Augusts ein Unfall geschehen ist, auf sich hat, liegt im Bereich der Sagen und Überlieferungen.

Die mutmaßliche Geschichte geht zurück bis in die Römerzeit. Damals sollen Mettnau und Reichenau durch eine Landbrücke verbunden gewesen sein. "Die Phantasie des Volkes hielt diese Landverbindungen sogar für künstliche Bauten der Kelten und Römer und gaben ihnen die Namen Kaiserstraße und Königsbrücke", beschrieb der inzwischen längst verstorbene Oberlehrer Josef Zimmermann 1954 in der Zeitschrift Badische Heimat (34. Jahrgang, Heft 1). "Sie sollen einst den hohen und höchsten Besuchern des berühmten Inselklosters Reichenau, weltlichen und geistlichen Fürsten, Königen und Kaisern, Bischöfen und Äbten als Verkehrswege vom Festland zur Insel und zurück gedient haben. In späterer Zeit aber, so vermutet das Volk weiter, seien dann diese natürlichen oder künstlichen Landbrücken versunken oder weggeschwemmt worden." Inwieweit das tatsächlich wahr ist, ist historisch nicht belegt.

Bild: Roland Dost

1954 war der Seepegel so tief, dass die Untiefe zu einer Insel im See wurde. Dasselbe geschah im März 1972 wieder, als es mit einem Pegelstand von 2,37 Metern Jahrhundertniedrigwasser gab und bot am 26. März 1972 einen Anlass für ein kleines Volksfest auf der vorübergehend aufgetauchten Insel Straßenrain zwischen Mettnau und Reichenau. Bei dieser Feier erzählte der damalige Reichenauer Bürgermeister Eduard Reisbeck eine weitere Geschichte, die die Entstehung der Untiefen zwischen Reichenau und Mettnau erklären soll: Es seien künstlich aufgeschüttete Sandbänke, die zu Klosterzeiten den Wachen zur Beobachtung des Schiffsverkehrs auf dem See dienten. Die Sandbänke sollen durch die einstige Kaiserstraße verbunden gewesen sein. Reisbeck erzählte laut einem SÜDKURIER-Bericht über das Fest weiter, dass laut einer Chronik das letzte Wachhäuschen 1780 entfernt worden sein solle, die Sandbänke im See verschwanden und nun nur bei Niedrigwasser auftauchten. Der Reichenauer Kultur- und Tourismus-Chef Karl Wehrle kennt die Geschichten auch, schreibt aber sowohl diese, als auch jene von der Kaiserstraße eindeutig dem Reich der Sagen zu. Es sei nichts dran. Solche Wachhäuschen habe es nie gegeben.

Egal, ob an den Geschichten etwas dran ist oder nicht – die zur Insel gewordene Untiefe lockte die Reichenauer und Radolfzeller an. Bei Musik, Glühwein und heißen Würstchen erhoben einige Inselbewohner die Kiesbank spontan zum Freistaat Reichenau. Außerdem erhielt die kleine Teilzeit-Insel einen Gedenkstein, den Mitglieder des Reichenauer Narrenrats mit einem alten Wattschiff, einer Lädine, hinbrachten. Der Stein ruht seither beim Seezeichen Straßenrain und trägt die Inschrift "Auf dieser Insel spielte die Bürgermusik am 26.3.1972 bei einem Pegelstand von 2,37 Metern".

Josef Zimmermann verwies bereits 1954 auf ähnliche Veranstaltungen, die es bei Niedrigwasser gab: "Besonders die Reichenauer und die Hörimer benutzten bei ganz niederen Wasserständen die Gelegenheit dazu, auf den freiliegenden Erdkämmen und Inselchen fröhliche Feste zu veranstalten. So spielte zum Beispiel letztmals im Frühjahr 1922 eine Gruppe der Reichenauer Musikkapelle auf dem Breitenstein vor der Mettnauspitze einige lustige Märsche auf." So reihte sich die Veranstaltung 1972 in diese Tradition ein. Seither gab es kein Fest mehr, aber zum Beispiel im Februar 2006 trat die Untiefe wieder als trockene Insel hervor.

Neben dem Straßenrain tragen weitere Untiefen die Namen Bradlenrain und Stuhlrain. Sie liegen laut Zimmermann bei einem mittleren Pegelstand etwa 1,4 bis zwei Meter unter der Wasseroberfläche. Das offizielle Seezeichen für solche Stellen besteht aus einem roten Dreieck auf einer Dalbe (Holzpfosten), dessen Spitze nach unten zeigt. Es gibt auch gekennzeichnete Durchfahrtswege, damit Schiffe sicher an solchen Bereichen vorbei kommen.

Was den Unfall im August angeht, so ist immer noch nicht klar, warum das Motorboot in der Dunkelheit auf den Dalben des Seezeichens Straßenrain prallte und so stark beschädigt wurde, dass es zu sinken drohte. Laut Auskunft des für solche Fälle zuständigen Polizeireviers Einsatz Göppingen sei ein Rechtshilfe-Ersuchen in der Schweiz gestellt worden und es liefen derzeit in der Schweiz Vernehmungen, denn der Bootsbesitzer und -fahrer stammt aus dem Nachbarland.

 

"Ich durfte Zeuge eines Untersee-Jahrhundertereignisses werden"

Roland Dost
Roland Dost | Bild: SK


Roland Dost, SÜDKURIER-Mitarbeiter in Radolfzell, war 1972 dabei, als ein Fest auf der zur Insel gewordenen Untiefe Straßenrain stattfand und erzählt davon:

"Der Wasserstand des Untersees war Ende März 1972 auf 2,37 Meter gefallen. Ein von der Gemeinde Reichenau geplantes Niedrigwasserfest auf dem sogenannten Kaiserdamm zwischen der Mettnauspitze und der Insel Reichenau hatte natürlich auch schon damals meine Neugierde geweckt. Als dieses säkulare Ereignis mit einem Inselfest gefeiert werde sollte, musste ich einfach dabei sein. Mein journalistisches Blut geriet verständlicherweise in Wallung. Zwar lagen die meisten Ruderboote noch im Trockendock, also an Land. So auch meine Holzgundel. Doch ohne Boot konnte man von Radolfzell aus eben nicht zu diesem Fest kommen.

Also brachte ich mein Ruderboot voller Hektik auf Vordermann, checkte provisorisch den Außenbordmotor, machte einen Ölwechsel und brachte mein Gefährt dann bei der Radolfzeller Hafenmole zu Wasser. Wie ein Wunder klappte diese Jungfernfahrt auf Anhieb. Die Fahrt entlang des noch menschenleeren Strandbads und an der Liebesinsel vorbei ließ bei mir den Adrenalinspiegel steigen, nicht aber den historisch niedrigen Wasserspiegel. Dann war es geschafft. Ich kam rechtzeitig an den Kiesbänken an, wo die Reichenauer das große Inselfest schon vorbereitet hatten. Fahnen wehten im kühlen Märzwind und die Bürgerkapelle formierte sich in ihren historischen Uniformen. Von Weitem näherte sich uns eine alte Lädine, die Vorläuferin der heutigen Segelboote. An Bord hatten die als Fischer verkleideten Segler eine schwere, gravierte Steinplatte, die als Gedenkstein auf der Kiesinsel platziert wurde. Und so durfte ich Zeitzeuge eines Untersee-Jahrhundertereignisses werden, das ich mit meiner Kamera im Bild festhalten konnte."
 

Dateiname : Der Originalbericht aus vom 27. März 1972
Dateigröße : 7.54 MBytes.
Datum : 12.09.2016
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Dateiname : Bilder aus dem Jahr 1972
Dateigröße : 35.78 MBytes.
Datum : 12.09.2016
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