Herr Fischer, welche Auswirkungen hat die Schließung der Geburtshilfe auf die nächtliche Operationsbereitschaft des Krankenhauses Radolfzell?

Ich möchte Ihnen zunächst mal etwas Grundsätzliches sagen: Dass die Geburtsabteilung in Radolfzell zugemacht hat oder zumachen musste, bedaure ich zum einen. Zum anderen sollten Sie nochmals wissen, und das sage ich immer ganz deutlich: Es gab keine Pläne vonseiten der Geschäftsführung oder auch vonseiten des Gesundheitsverbundes, dass wir vorhatten, die Geburtshilfe und die Gynäkologie in Radolfzell zu schließen. Die gab es nicht und es wurde auch nicht lanciert. In der Tat, drei geburtshilfliche Kliniken in einem Landkreis ist eine gute Ausstattung, aber wir hatten keinen Anlass, darüber nachzudenken und die Geburtshilfe in Radolfzell infrage zu stellen. Denn die Geburtshilfe in Radolfzell mit über 500 Geburten, in einem belegärztlichen System geführt, hat einen guten Job gemacht. Wir waren zufrieden, die Patienten waren zufrieden. Von unserer Seite gab es keine Planungen, die Geburtshilfe zu schließen. Wir haben – und jetzt komme ich auf Ihre Frage – schon einen gewissen Personalaufwand betreiben müssen, weil bei Geburten immer mit der Indikation einer Notsektion (Kaiserschnitt) zu rechnen ist. Dafür muss ein OP rund um die Uhr zur Verfügung stehen. Es war zwar so gut wie nichts los gewesen nachts im OP in Radolfzell, aber allein aus der Notwendigkeit heraus, dass hier eine Notsektion stattfinden könnte, waren wir gezwungen, den OP rund um die Uhr in Betrieb zu nehmen. Deshalb haben wir im Operationsbereich in Radolfzell schon vor einiger Zeit eine Restrukturierung vorgenommen.

Was haben Sie umstrukturiert?

Wir haben gesagt, in Radolfzell werden Operationen der schweren Art und Patienten, die schwer erkrankt sind, weder operiert noch behandelt. Die wurden schon vor langer Zeit nach Singen verlagert, wo man die notwendige intensivmedizinische Ausstattung hat, sodass in Radolfzell Kurzzeit-Chirurgie gemacht worden ist. Da braucht man nicht einen OP, der 24 Stunden vorgehalten werden muss. Das war schon vorher der Fall. Mit dem Schließen der Radolfzeller Geburtshilfe müssen wir uns natürlich positionieren für die Zukunft. Wir müssen schauen, wie geht es in Radolfzell weiter? Und das ist die zweite wichtige Botschaft, die Sie hören sollten: Radolfzell und das Krankenhaus in Radolfzell ist für die Geschäftsführung, ist für den Gesundheitsverbund essenzieller Bestandteil des Gesundheitsverbundes im Landkreis Konstanz. Wir brauchen Radolfzell. Wir werden uns auch in Radolfzell weiterentwickeln.

Dennoch würde ich gerne eine Antwort auf meine erste Frage haben: Wie wirkt sich das Ende der Geburtshilfe auf die nächtliche Operationsbereitschaft im Krankenhaus Radolfzell aus?

Es werden in Radolfzell nachts keine Operationen mehr stattfinden und deswegen brauchen wir nachts, also ab 19.30 Uhr, auch keinen OP-Betrieb mehr in Radolfzell.

Das operative Spektrum in Radolfzell umfasst noch Bauchchirurgie, Unfallchirurgie, Gefäßchirurgie, Gynäkologie, HNO-Ärzte...

Gynäkologie nicht.

Bisher durch die Belegärzte schon. Also sind Bauchchirurgie, Unfallchirurgie, Gefäßchirurgie, Gynäkologie, die HNO-Ärzte oder Zahn-Mund-Kiefer-Operationen im Tagesbetrieb in irgendeiner Form betroffen?

Nein.

Können Strumen- oder Kropf-Operationen künftig in Radolfzell noch angesetzt werden?

Strumen nicht mehr. Das sind die Schilddrüsen-Operationen. Da gibt es eine Nachblutungsgefahr, die werden wir, so wie es früher auch gewesen ist, in Singen behandeln.

Wie sieht es aus mit der nächtlichen Operationsbereitschaft? Es kann nach Operationen der Bauchchirurgie oder Gefäßchirurgie nächtlich zu einem Zwischenfall kommen. Wie sieht es dann aus im Krankenhaus Radolfzell?

Es gibt einen Rufbereitschaftsdienst. Wir haben nach wie vor eine ärztliche Versorgung rund um die Uhr.

Aber nachts sind keine Anästhesieschwestern und keine OP-Schwestern mehr da?

Wenn der OP-Saal nicht mehr läuft, brauchen wir auch keine Anästhesieschwestern und keine Anästhesiepfleger, das ist richtig. Aber es gibt im Hintergrund noch einen Anästhesie-Rufdienst. Wenn ein Anästhesist gebraucht wird, kann er gerufen werden.

Aber der Anästhesist darf doch nicht arbeiten ohne Anästhesieschwester?

Wieso nicht?

Darf er?

Natürlich.

Aber es macht eigentlich keinen Sinn mehr, im Notfall nach 18 Uhr noch das Krankenhaus Radolfzell anzusteuern?

Doch, das kann man ohne weiteres machen, weil die Notfallaufnahme nach wie vor offen bleibt. Wenn Notfälle nicht in Radolfzell gemacht werden können, weil sie eines besonderen Aufwandes bedürfen, dann werden die Patienten weiterverlegt nach Singen oder nach Konstanz.

Wie sieht es denn bei lebensbedrohlichen Notfällen von Patienten im Krankenhaus Radolfzell aus?

Das habe ich gerade eben schon gesagt: Wir haben einen Rufdienst mit der Anästhesie, wie haben eine Intensivstation, wir haben Bereitschaftsdienst tuende Ärzte in der Chirurgie, wir haben Bereitschaftsdienst tuende Ärzte in der Inneren Medizin, darüber hinaus haben wir sogar noch Rufdienste eingerichtet. Da sind auch Oberärzte noch im Rufdienst, die können auch gerufen werden, wenn der vorort tätige Arzt nicht mehr zurechtkommt. Das ist auch mit den Ärzten in Radolfzell soweit abgestimmt, sodass das hier weitergehen kann.

Heißt das, man könnte auch im Notfall Anästhesieschwestern rufen?

Nein, Anästhesieschwestern nachts nicht, aber der Anästhesist und die Ärzte sind da und die können dann behandeln. Und wenn sie nicht im Krankenhaus Radolfzell behandeln können, dann verlegen sie die Patienten weiter entweder nach Singen oder Konstanz.

Wie sieht Ihre Zukunftsoption für das Radolfzeller Krankenhaus aus?

Wir brauchen das Radolfzeller Krankenhaus. Wir haben im Bereich der Inneren Medizin und dort insbesondere im Bereich der Altersmedizin einen erheblichen Bedarf vonseiten der Patienten. Wir haben im Jahr 2010 mit der Geriatrie im Landkreis Konstanz angefangen und seitdem ist die Geriatrie ständig gewachsen. Wir wollen nicht nur Akut-Geriatrie machen, sondern das Konzept sieht ein Zentrum für Altersmedizin vor. Dazu gehört künftig eine geriatrische Tagesklinik, auch Sprechstunden spielen eine wesentliche Rolle, damit es ein abgerundetes Angebot wird. Die Altersmedizin war bis zum Jahre 2010 ein weißer Fleck im Landkreis Konstanz. Wir haben zwar drei Frauenkliniken gehabt, aber für die alten Menschen war kein Angebot da. Und das werden wir jetzt ändern. Und dazu brauchen wir Radolfzell, das ist letztendlich ganz, ganz wichtig.

War es da vielleicht ein Fehler, das Hospizzentrum nach Singen zu legen?

Hospiz hat mit Geriatrie gar nichts zu tun. Das wird immer durcheinandergebracht. Bei der Geriatrie geht es um ältere Patienten, da streitet man sich dann, ob die Grenze 65 oder 70 ist. Aber es sind ältere Patienten, die mehrfach erkrankt sind und die ins Krankenhaus kommen und die werden dort behandelt und gleichzeitig auch rehabilitiert mit der Zielsetzung, diese Patienten soweit wieder herzustellen, dass sie hinterher nach Hause können. Hospiz hat eine ganz andere Zielsetzung, deswegen würde ich Sie bitten, das ganz scharf zu trennen. Auch Palliativmedizin hat mit Geriatrie nichts zu tun. Ich möchte da mal ganz deutlich darauf hinweisen. In der Geriatrie wird eine ganzheitliche Medizin gemacht.

In der Geriatrie wird über die geriatrische Komplexbehandlung – so heißt diese Behandlungsmethodik – unter Einsatz eines geriatrischen Teams, das aus Ärzten, Pflegekräften, Ergotherapeuten, Physiotherapeuten und Logopäden besteht, der Heilerfolg gesucht. Wobei die eingesetzten Ärzte und Pflegekräfte speziell in Altersmedizin geschult sind.

Wie viele Betten soll es geben?

Jetzt haben wir in Radolfzell konzentriert 40 Betten plus auf der Ebene 5 noch das eine oder andere Bett, das da belegt werden kann. Und wenn durch die Schließung der Station Gynäkologie und Geburtshilfe freie Flächen entstehen, dann werden wir nochmals 18 Betten frei bekommen, die wir mit internistischen, geriatrischen Patienten belegen. Es soll auch einen alterstraumatologischen Bereich geben. Wenn sich ein älterer Patient durch einen Sturz verletzt hat, wird er in der Unfallchirurgie behandelt. Sowie die Akutbehandlung in der Unfallchirurgie abgeschlossen ist, wird er verlegt in die Alterstraumatologie nach Radolfzell und dort wird er dann weiter behandelt und rehabilitiert. Wir schaffen jetzt hier im Gesundheitsverbund ein erweitertes Angebot für ältere Menschen. Das, was Dr. Gowin, der Chefarzt dort, mit seiner Mannschaft macht, das ist ein ganz, ganz toller Job, gerade für die älteren Menschen hier im Landkreis Konstanz.

Die Kliniken in Konstanz und Singen haben nach der Schließung in Radolfzell nun geschätzte 500 Geburten pro Jahr mehr. Wie wirkt sich das auf die Haftpflichtversicherungssumme des Gesundheitsverbundes aus?

Gar nicht. Die Versicherungsprämie für uns bleibt gleich. Die Versicherung atomisiert nicht im Gesundheitsverbund in die einzelnen Bereiche, sondern die versichert uns insgesamt. Und da hat die Versicherung gesagt, da wird sich an der Versicherungsprämie nichts ändern. Ich bin lösungsorientiert, zukunftsorientiert. Ich möchte Ihnen sagen, dass das Krankenhaus in Radolfzell ein essenzieller Bestandteil des Gesundheitsverbundes ist, dieses Krankenhaus wird bleiben. Und wenn bestimmte Sachen dort nicht mehr zu machen sind, weil es vielleicht zu kritisch werden könnte, haben wir mit Singen und Konstanz Häuser der Zentralversorgung. Das ist die zweithöchste Stufe nach der Maximalversorgung, nach den Universitäten. Wir bieten hier eigentlich alles an.

Nochmals zu den Geburten: Wir haben Informationen bekommen, dass das Hegau-Klinikum Empfehlungen an Schwangere herausgegeben haben soll, dass sie bei eintretenden Wehen vorher anrufen sollen, ob ein Platz frei ist. Stimmt das?

Quatsch! Wir haben nicht einen Kreißsaal hier in Singen, sondern wir haben einen mehr. Ich bin ja mal gespannt, wie oft wir parallel vier Geburten haben werden. Und dann haben wir ja noch den Sektio-Saal, dann wären es eigentlich fünf. Das haben wir gemacht, um jede Kritik und jeden Engpass beseitigen zu können. Wir sind hier auf der sicheren Seite. Auch vom Personal her ist es jetzt so, dass wir in der Vergangenheit drei Standorte mit Hebammen versorgen mussten, überall mit Mindestbesetzung. Jetzt bin ich froh, dass wir eine personelle Entlastung dadurch erfahren, dass wir nur noch zwei Standorte versorgen müssen und die Singener Frauenklinik und die Frauenklinik in Konstanz mit zusätzlichem Personal ausstatten können, und das ist gut so.

Die Diskussion über eine notwendige Zentralisierung im Gesundheitsbereich kehrt immer wieder. Der Schwarzwald-Baar-Kreis hat deshalb ein Zentralkrankenhaus hingestellt. Kommt das Zentralkrankenhaus im Kreis Konstanz an der Autobahnauffahrt in Steißlingen?

Ja, im Jahr 2110 vielleicht. In Konstanz investiert das Land derzeit 100 Millionen, in Singen hat man eine ähnliche Summe zuvor investiert. Wir machen Pläne, wir entwickeln uns baulich und investiv weiter, wir investieren im Bereich der IT, also der EDV, wir entwickeln unseren Gesundheitsverbund weiter. Es geht um ganz konkrete Überlegungen, den Gesundheitsverbund auch noch in fünf, sechs, sieben Jahren zukunftsfähig und wettbewerbsfähig zu machen.

Das heißt, die Gesundheitspolitik im Landkreis Konstanz ist im Moment befriedet, zumindest zwischen Konstanz und Singen?

Ja, das würde ich so sagen. Es wird immer wieder mal aufbrechen, das Konkurrenzdenken zwischen Singen und Konstanz wird es immer mal geben. Auch der Prozess der Wiedervereinigung zwischen Ostdeutschland und Westdeutschland geht schon seit 20 Jahren, der ist noch nicht abgeschlossen, aber auch da sind wir auf einem guten Weg. Deswegen darf man sich nicht in die eigene Tasche lügen, wenn man sagt, es sei alles schon beendet. Ist es nicht. Aber wir sind auf einem sehr guten Weg. Das Konkurrenzdenken ist weitgehend abgebaut und es entsteht zunehmend ein „Wir-Gefühl“ im Gesundheitsverbund.

Fragen: Georg Becker


Person und Krankenhaus

Peter Fischer (62), geboren in Wasseralfingen bei Aalen, verheiratet, zwei Kinder, arbeitet seit Abschluss seines Studiums der Wirtschaftswissenschaften in Mannheim im Gesundheitsbereich. Der Diplom-Kaufmann hat nach eigenen Angaben im Sieben-Jahres-Rhytmus den Arbeitsplatz gewechselt. Seine Stationen waren Uniklinik Heidelberg, das Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim, die Berufsgenossenschaftliche Klinik in Ludwigshafen, das Diakonissenkrankenhaus in Mannheim und seit sieben Jahren in Singen – zuerst als Geschäftsführer der Hegau-Bodensee-Hochrhein-Kliniken, seit 2013 ist er Geschäftsführer und Sprecher der Geschäftsführung des Gesundheitsverbundes im Landkreis Konstanz. Seine Hobbys sind Wandern und Lesen.

Am Krankenhaus Radolfzell haben die Belegärzte zum 24. März 2017 die Geburtshilfe eingestellt. Die Entscheidung fiel Anfang März, weil sie aufgrund der nsicheren Rahmenbedingungen keinen Nachfolger für die vakante dritte Stelle in der gynäkologischen Gemeinschaftspraxis gefunden haben. Der Auslöser: Die Sorgen um die Radolfzeller Geburtenstation begannen im Herbst 2016. Die Belegärzte machten auf die gestiegenen Haftpflichtversicherungsbeiträge aufmerksam diese verdreifachten sich für die Belegärzte für das Jahr 2017 von 50 000 auf 150 000 Euro pro Jahr. Damit sei der Betrieb der Station für die Ärzte nicht mehr wirtschaftlich. Proteste für den Erhalt der Station folgten.