Statt auf exklusiven Wohnraum mit hohen Mieten setzt der Verein Wohnen in Radolfzell (WiR) auf das Konzept des inklusiven Wohnens, bei dem unterschiedliche Bevölkerungsgruppen in bezahlbaren Wohnräumen miteinander leben und sich gegenseitig unterstützen wollen. Die Grundidee: Verschiedene Generationen, Alleinstehende und Familien sowie Menschen mit und ohne Handicap leben in einer Quartiersgemeinschaft, in der sich die Bewohner gegenseitig unterstützen und bei der sich die Lebensqualität durch Vielfalt und Solidarität erhöhen soll. Der Verein WiR unterstützt dabei Projekte wie die Planungsgemeinschaft Wige (Wohnen in Gemeinschaft), bei der Bürger die Entwicklung ihres Wohn- und Lebensraums in der Nordstadt selbst in die Hand nehmen. Der Verein WiR lud in das Milchwerk ein und stellte drei bereits verwirklichte Projekte integrativen Wohnens in Ravensburg, Stuttgart und Konstanz vor, die seit Jahren erfolgreich laufen.

Ein offener Bürgertreff ist das Zentrum des Projekts

Das Mehrgenerationenhaus Gänsbühl der Stiftung Liebenau im Zentrum von Ravensburg begreift sich mit drei Häusern und 50 Wohneinheiten als eine generationenübergreifende Wohnform. Mit seinem für alle offenen Bürgertreff gilt es als eine Ravensburger Keimzelle für das bürgerschaftliche Engagement. Die Stiftung wollte das Potenzial älterer Bürger erhalten, und gründete das Projekt "Lebensraum für Jung und Alt". Insgesamt hat die Stiftung Liebenau 30 Wohnanlagen, die integrativ, inklusiv und intergenerativ angelegt sind. "Wir starten mit kleinen Einheiten von rund 50 Wohnungen für 60 bis 80 Menschen und plötzlich passiert ganz viel im Quartier", berichtet Quartiersmanagerin Susanne Weiß.

Ein Bürgertreff, ein Café und einige Azubis

Die Stiftung beauftragte einen Bauherrn, bei dem die Stadt Ravensburg mit einem Grundlagenvertrag in die Verantwortung der Quartiersarbeit integriert wurde. Je fünf Wohneinheiten brachten die Stadt sowie die Stiftung ein. Deren Mieterlöse fließen in einen Sozialfond. Der Gewinn beim Verkauf der Wohnungen ging in eine weitere Stiftung ein, mit der die Stelle des Quartiermanagements geschaffen wurde. Innerhalb des Quartiers Gänsbühl ist das Stadtteilbüro zur Förderung des freiwilligen Engagements angesiedelt sowie ein Bürgertreff mit Gemeinschaftsräumen und Werkstatt sowie einem Café, in dem Jugendliche mit Förderungsbedarf ausgebildet werden. Der Ausbildungsplatz bietet ein Café, eine Bäckerei und einen Mittagstisch an. Gewerberäume wurden an eine Krippe und an die Tafel vermietet.

Jeder Bewohner hilft den Älteren

Wohnungen ab 2,5 Zimmern gehen im Gänsbühl nur an Familien. Kein Eigentümer belegt die Wohnung selbst. In der Wohnanlage gibt es gewählte Vertreter der Bewohner, die die neuen Mieter auswählen. Es gibt einen Paten für neue Bewohner. Der Bewohnerbeirat fungiert als Initiator gemeinschaftlicher Aktionen. Die Bewohner bieten hauswirtschaftliche Hilfen bis hin zu kleinen Pflegemaßnahmen und der Begleitung zur Behörde oder zum Einkauf. Der im MGH Gänsbühl angelegte Bürgertreff beherbergt 60 Gruppen und Projekte mit 1000 Besuchern.

Im Tannenhof organisieren die Bewohner die Feste

Mit einem in den Anforderungen ähnlich strukturierten Projekt an ein integratives Wohnmodell gingen unter der Ägide des Konstanzer Gemeinderats im Jahr 2001 der Caritasverband und die Wohnungsbaugesellschaft (WOBAK) an den Start. Im Konstanzer Tannenhof leben derzeit 26 Familien als Wohnungseigentümer sowie 18 Familien als Mieter der WOBAK. 60 Bürger leben in 53 betreuten Seniorenwohnungen. Der Tannenhof hat zwei Wohngemeinschaften für Menschen mit Behinderungen. Das Quartier hat einen eigenen Rat bestehend aus allen Bewohnergruppen, ein Quartiersmanagement sowie einen Gemeinschaftsraum, ein Lese- und Gästezimmer sowie ein Spielmobil auf der Piazza. Über das Jahr verteilt organisieren die Bewohner Aktivitäten und Feste.

In Stuttgart hilft eine Genossenschaft beim Planen

Für privat organisierte Gruppen, die die Planung integrativer Wohnprojekte nicht aus eigener Kraft realisieren können, gründete sich in Stuttgart 1999 die Genossenschaft "Pro gemeinsam bauen und leben" als Selbsthilfeorganisation mit der Idee, dass gemeinschaftliches Eigentum vieler ein wirtschaftliches Potenzial darstellt und, dass es die Verwirklichung der Wohnprojekte erleichtert. Inzwischen verwirklichte sie elf Wohnprojekte, bei denen die Genossenschaft den Gruppen konzeptionell beiseite steht, die Fördermöglichkeiten auslotet sowie den Bau des Wohnprojekts mit der Projektgruppe übernimmt.