Es ist eine eisige Januarnacht in Konstanz: Nebel legt sich auf die Autos und gefriert zu Reif, Pfützen bilden an der Oberfläche erste Eiskristalle. Peter Heinze, der unerkannt bleiben möchte, weil ihm im schlimmsten Fall eine Anklage droht, wartet an einer Straßenecke in Petershausen.

Er, ein junger Mann mit drahtiger Figur, trägt einen dicken Parka und ein wollenes Stirnband, um der Kälte zu trotzen. "Das perfekte Wetter für unsere Unternehmung", flüstert Peter. "Denn durch die Kälte bleiben die Lebensmittel länger haltbar." Peters Plan für diese Nacht: containern. Sprich, noch genießbares Brot, Gemüse, Obst und Joghurt aus den Abfalltonnen von Supermärkten retten. Ein Blick auf sein Handgelenk, 22.46 Uhr: "Los geht's!"

Supermarkt entsorgt körbeweise genießbares Brot

Das erste Ziel ist der Parkplatz eines Supermarkts in Petershausen. Im Lichtkegel einer Laterne wartet eine dunkle Gestalt, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Es ist Jörg, Peters Bruder. Auch er möchte unerkannt bleiben. Die beiden Männer treffen sich regelmäßig an diesem Ort: "Das ist sozusagen unsere Hausbäckerei", scherzt Jörg. "Vor allem Brot wird dahinter körbeweise entsorgt."

Mit seiner Rechten deutet er auf eine massive Mauer, die den Ladebereich des Supermarktes vom Kundenparkplatz trennt. Für die beiden Sportler kein Hindernis: Ein kurzer Satz, ein Griff an die Kante, ein kräftiger Schwung – schon stehen sie auf der anderen Seite der Mauer.

In Petershausen suchen die Brüder nach Brot, das der Supermarkt stets am späten Abend entsorgt.
In Petershausen suchen die Brüder nach Brot, das der Supermarkt stets am späten Abend entsorgt. | Bild: Reinhardt, Lukas

Studentinnen bereits wegen Diebstahls verurteilt

Peter und Jörg wissen, dass sie bei ihrer Unternehmung in einer rechtlichen und moralischen Grauzone agieren. Denn beim Containern treffen zwei gegensätzliche Fragen aufeinander. Die Erste: Ist es Diebstahl und somit strafbar, weggeworfene Lebensmittel an sich zu nehmen?

Zwei Studentinnen aus Bayern bekamen Ende vergangenen Jahres eine Antwort: Sie hatten abgelaufene Lebensmittel aus dem Müllcontainer eines Münchner Supermarkts geangelt – und wurden von einem Gericht zu einer Geldstrafe in Höhe von 2400 Euro verurteilt. Dennoch, so heißt es vonseiten der Konstanzer Staatsanwaltschaft auf Nachfrage, müsse jeder Fall für sich betrachtet werden. Eine allgemeingültige Antwort sei nicht möglich.

In Tschechien müssen Supermärkte per Gesetz ihre unverkäufliche Ware unentgeltlich karitativen Organisationen anbieten

Die zweite Frage lautet: Ist es verwerflich, Lebensmittel zu entsorgen, die eigentlich noch genießbar sind? Im Nachbarland Tschechien hatte zuerst das Parlament und zu Beginn dieses Jahres auch das Verfassungsgericht darauf eine Antwort gegeben. Hier, wie auch in Frankreich, müssen Supermärkte künftig per Gesetz ihre unverkäufliche Ware unentgeltlich karitativen Organisationen anbieten, da, wie die Richter argumentierten, Eigentum verpflichte. Ziel ist es, die Lebensmittelverschwendung zu reduzieren.

In Deutschland landen laut einer Studie jährlich elf Millionen Tonnen im Müll, ein großer Teil stammt von den Supermärkten. Vieles davon ist noch genießbar.

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"Heute gab es nur Toast!" Peter und Jörg stehen mittlerweile wieder auf dem Parkplatz des Supermarktes und verstauen das Weißbrot, das sie im Müllcontainer des Lebensmittelladens gefunden haben, in ihren Rucksäcken. Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist hier noch nicht abgelaufen.

"Ich finde es jedes Mal erstaunlich: Was ein paar Stunden vorher noch im Regal zum Verkauf stand, soll jetzt also schlecht sein?", fragt sich Peter. In seinen Augen ist diese Form der Verschwendung typisch für die deutsche Überflussgesellschaft. Genau daraus zieht er wiederum seine Motivation: "Ich container nicht des Geldes, sondern der Sache wegen. Und das, was wir tun, schadet niemandem."

An manchen Tagen sind Rucksack und Tüte prall gefüllt

Die Brüder schwingen sich wieder auf ihre Räder. Ziel ist nun ein Supermarkt im Konstanzer Paradies. Hier müssen Peter und Jörg keine Mauern überwinden: Fünf Biotonnen stehen frei zugänglich in einem dunklen Hinterhof, umgeben von Wohngebäuden. Peter öffnet die erste, die zweite, die dritte und die vierte Tonne: "Nichts", flüstert er. "Die wurden gestern wohl geleert."

Ein seltener Anblick: Statt Lebensmittel finden die beiden Aktivisten in einer Biotonne mehrere Rosensträuße.
Ein seltener Anblick: Statt Lebensmittel finden die beiden Aktivisten in einer Biotonne mehrere Rosensträuße. | Bild: Reinhardt, Lukas

Als er den Deckel der fünften Tonne anhebt, entfährt ihm ein lautes Lachen. Er greift hinein und zieht mehrere Rosensträuße hervor. "Die stellen wir in unsere Wohnung", schlägt Jörg vor. Außer einer einsamen Apfelsine und einer Knoblauchzehe finden die Brüder nichts Essbares.

"Wir haben teilweise schon mehrere Rucksäcke und Tüten voll mit Lebensmitteln nach Hause geschleppt", erinnert sich Peter. "Es bleibt aber stets genug für alle", schiebt Jörg hinterher.

Ausgestattet sind die Brüder mit Rucksack und Tasche: An manchen Tagen sind die mit geretteten Lebensmitteln prall gefüllt.
Ausgestattet sind die Brüder mit Rucksack und Tasche: An manchen Tagen sind die mit geretteten Lebensmitteln prall gefüllt. | Bild: Reinhardt, Lukas

200 Tonnen Lebensmittel bleiben für die Konstanzer Tafel

Dass das tatsächlich der Fall ist, bestätigt Anita Hoffmann, Leiterin der Konstanzer Tafel. "Wir haben im vergangenen Jahr rund 200 Tonnen an Lebensmitteln eingesammelt", sagt sie. Etwa 26 Supermärkte kooperieren mit der Tafel.

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An einem guten Tag kommen so 150 Kisten, an einem schlechten 20 Kisten zusammen. "Ich bin aber überzeugt, dass neben dem, was wir bekommen, weiterhin viel verschwendet wird", so Anita Hoffmann weiter. "Deswegen finde ich es super, wenn Leute noch verwertbare Lebensmittel aus den Tonnen holen."

Ein Streifenwagen biegt um die Ecke

Peter und Jörg Heinze haben mittlerweile das nächste und zugleich letzte Ziel für diese Nacht erreicht: einen Supermarkt in der Konstanzer Altstadt. Hier sind erneut die Kletterkünste der Brüder gefragt, denn ein solides Schiebetor aus Stahl versperrt ihnen den Weg.

Wieder ein Sprung, wieder ein Schwung, wieder sind Peter und Jörg verschwunden. Die Zeit verstreicht, Mülltonnendeckel klappern, Stimmen flüstern. Nach fünf Minuten klettern Peter und Jörg zurück mit Äpfeln, Birnen, einem Salatkopf und einer Paprika im Gepäck.

Viele Supermärkte sperren ihre Mülltonnen hinter Mauern und Zäune. Für Peter kein Hindernis. Legal ist das Überwinden dieser Hürden allderings nicht.
Viele Supermärkte sperren ihre Mülltonnen hinter Mauern und Zäune. Für Peter kein Hindernis. Legal ist das Überwinden dieser Hürden allderings nicht. | Bild: Reinhardt, Lukas

Zufriedenheit macht sich breit – als plötzlich ein Streifenwagen um die Ecke biegt: "Die Polizei!?", flüstert Peter. Doch schnell ist zu erkennen, dass auf den Flanken des herannahenden Fahrzeugs nur vier Buchstaben prangen: Z O L L .

Die Anspannung weicht der Erleichterung. Die Brüder machen sich auf den Heimweg. Es ist 00.11 Uhr. Heute fiel ihre Ausbeute geringer aus als sonst. Doch Peter sieht darin kein schlechtes Zeichen: "Das kann auch bedeuten, dass weniger weggeworfen wird. Und so sollte es sein."

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