39,6 Prozent. Über Nese Erikli schwebt dieses Wahlergebnis, seit sie vor drei Jahren von den Konstanzern und Radolfzellern direkt in den Landtag gewählt wurde. Denn es war das bisher beste Ergebnis für die Grünen im Landtagswahlkreis Konstanz.

Eine Krone und Damoklesschwert zugleich, das ist auch Erikli bewusst.

"Ich weiß, das ist ein tolles Ergebnis. Ich möchte meinen Job gut machen", sagt sie einmal nebenbei an diesem Tag in Stuttgart. Vielleicht aber erklärt dieser Satz tatsächlich am besten, wie Erikli beobachtet wird – und wie sie ihre Arbeit als Politikerin sieht.

Es ist morgens, 8.30 Uhr im Stuttgarter Regierungsviertel.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann fährt in Begleitung von zwei Personenschützern vor. Am Haupteingang des Landtags warten bereits mehrere Schulklassen und Fernsehteams.

Nese Erikli braucht erst einmal einen Kaffee. Den gibt es im Pausenraum der Grünen mit Bio-Milch aus dem Schwarzwald und Ausblick auf den Schlosspark. Viel Zeit hat Erikli nicht für den Kaffee. Caroline Blarr, die Medienberaterin der Grünen, muss sie noch schnell briefen.

Bild: Pfanner, Sandra

Der SWR hatte ein Interview mit Erikli angefragt zum Thema Dieselfahrverbote und den Protesten in Stuttgart. Zehn Minuten Gespräch mit Reinhard Nürnberg sind später angesetzt, gesendet werden ein paar Sekunden. Da müssen ein paar knackige Zitate dabei sein.

Eine echte Expertin auf dem Gebiet Dieselfahrverbote ist Erikli nicht.

Aber sie ist Politikerin – und muss zu aktuellen Themen Stellung beziehen können.

"Das ist schon ein gewisser Leistungsdruck", sagt Erikli. "Man muss wahnsinnig schnell zwischen den Themen wechseln und trotzdem fundierte Aussagen machen können". Zwei Mitarbeiter in Stuttgart und Konstanz, Mario Schneider und Lena Weithofer, kümmern sich deshalb nicht nur um ihren Terminkalender, sondern recherchieren auch erste Informationen über die Themen, die gerade anstehen.

9 Uhr: Die Plenarsitzung beginnt

Es ist die erste Sitzung im neuen Jahr – und zugleich die erste ohne Bernhard Michael Lasotta. Der CDU-Abgeordnete ist kürzlich im Alter von 50 Jahren verstorben, auf seinem Platz im Plenarsaal liegen weiße Blumen.

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Die Sitzung beginnt mit einer Schweigeminute. Kurz sind alle politischen Querelen vergessen, und auch Erikli wird später sagen: "Dieses Innehalten in diesem täglichen hektischen Betrieb ist wichtig."

Nach der Schweigeminute eröffnet Ministerpräsident Winfried Kretschmann die Sitzung mit einer Rede über Europa: "Wer den Dexit anstrebt, ist kein Patriot, sondern ein politischer Hasardeur." Die AfD-Abgeordneten lächeln süffisant. Erikli und die anderen Abgeordneten klatschen.

10 Uhr: Das Radio-Interview steht an

Nach der Rede von Kretschmann leeren sich die Reihen – vor allem, als ein AfD-Abgeordneter spricht, verlassen einige andere den Raum. Auch Erikli muss während der Sitzung zum SWR-Interview.

"Die Stuttgarter Infrastruktur ist noch viel zu sehr auf Autos eingestellt und viel weniger auf Fahrradfahrer und Fußgänger. Das ist eine Aufgabe, an die sich die Politik noch viel stärker ranmachen muss", sagt Erikli in das Radio-Mikrofon.

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"Bei Ihnen da unten sind sie ja auch weniger autofreundlich", kommentiert Reinhard Nürnberg nach dem Interview.

Erikli nickt und erklärt die Schweizer Grenzlage, die Sache mit dem Ausfuhrschein und den verstopften Straßen. "Die Menschen sind müde in Konstanz. Es gibt zwar keine Feinstaub-Probleme, die habe ich schon abgefragt. Aber die Lebensqualität leidet."

Eriklis Wahlkreis könnte kaum weiter entfernt sein von Stuttgart, und manchmal sind es auch zwei Welten.

Hier die staatstragende Politbühne mit wehenden Europa-Fahnen – dort die Weinfeste und Schuleröffnungen.

Und die Fasnacht. Gerade an den närrischen Tagen ist Eriklis Kalender gut gefüllt mit Terminen, die für andere Freizeit sind. Sie macht das gerne, sagt sie. "Und klar kann man da mal ein Viertele trinken. Aber am nächsten Tag müssen Sie halt trotzdem um sechs Uhr aufstehen und fit sein."

12 Uhr: Netzwerken beim Mittagessen

Politik scheint eben vor allem aus zwei Dingen zu bestehen: dem Beschaffen von Mehrheiten und dem Netzwerken. "Es gibt eine Fülle an unterschiedlichen Menschen, mit denen man lernen muss, umzugehen", sagt Erikli.

Gemeinsame Mittagessen mit Kollegen, Mitarbeitern aus dem Ministerium und Vertretern von Stiftungen gehören zum politischen Alltag. Heute ist es ein Mittagessen mit Vertretern der Baden-Württemberg-Stiftung. Es geht um ein Präventionsprojekt für die JVA Konstanz, Ravensburg und Adelsheim. Die Baden-Württemberg-Stiftung stellt dafür 195.000 Euro zur Verfügung.

Auch in anderen Bereichen holt Erikli immer wieder Gelder in die Region. Zuletzt einen Breitbandförderbescheid über 14.585 Euro für die Gemeinde Gaienhofen, knapp eine Million Euro aus dem Tourismusinfrastrukturprogramm 2019 für Radolfzell und Konstanz, 200.581 Euro für ein Start-up-Projekt der HTWG Konstanz.

Erikli ist engagiert, und will auch, dass dieses Engagement gesehen wird.

Dass sich zumindest die Google-Suchanfragen zu Nese Erikli weniger auf ihre politische Arbeit, denn mehr auf ihr Privatleben beziehen, quittiert sie mit einem Schnaufen. "Freund", "Baby", "Partner" sind die Top-Ergänzungs-Suchbegriffe zu Nese Erikli.

"Ich mag es nicht, kann das Interesse aber ein Stück weit verstehen. Sehen Sie sich um. Ich bin hier im Landtag schon ein Exot", sagt Erikli und betont noch mal: "Aber ich habe mich hier schon bewährt. Das sehe ich auch daran, wie andere, beispielsweise politische Gegner, mir begegnen."

Erikli ist eine von 47 Grünen-Abgeordneten im Landtag. Die Grünen haben die meisten Sitze, als Frau ist sie aber in der Minderheit: Nur 25,9 Prozent der Abgeordneten sind weiblich. Eine Infotafel am Eingang des Landtags zeigt die Sitzverteilung.

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Über Ihr Privatleben will Erikli, die Ende 2016 Mutter wurde, auch an dieser Stelle nichts lesen, das ist ihr wichtig. So wenig Erikli über ihr aktuelles Privatleben erzählt, ist sie offen, was ihre Vergangenheit betrifft.

Sie erzählt auch bei offiziellen Terminen, dass sie in Heilbronn in einer Großfamilie mit sechs Kindern aufgewachsen ist. Dass sie aus sozial schwachen Verhältnissen kommt, aber eine glückliche Kindheit und Jugend hatte. Und dass ihr in der Schule gesagt worden sei, dass sie als Einwanderer-Kind natürlich auf die Hauptschule komme.

"Das war eine der bittersten Erfahrungen, die ich gemacht habe. Das hat mich politisiert", sagt Erikli.

In Heilbronn macht sie ihr Abitur, ist Schülersprecherin, verdient sich in Besenwirtschaften und Szene-Bars etwas dazu. Sie ist gläubige Muslima, isst Schweinefleisch und trinkt auch mal ein Bier. Für sie steht fest, dass der Islam sich neu definieren muss.

Und dass sie schon immer zwischen den Welten springen musste – und es ihr deshalb vielleicht auch in Stuttgart leicht fällt.

Mit den Personenschützern von Kretschmann ist sie genauso per Du wie mit dem Ministerpräsidenten selbst. Erikli hat sich inzwischen ein Netzwerk aufgebaut in Stuttgart. Dass sie, zumindest an diesem Tag, teilweise Namen verwechselt, ist ihr sichtlich unangenehm. "Manchmal kann ich mir Gesichter besser als Namen merken", sagt sie später.

14 Uhr: Treffen mit Studenten und Flüchtlingen

Im Pausenraum der Grünen trifft Erikli an diesem Tag fünf junge Männer, die in einer WG zusammenleben: Ammar, Khidr, Bahaaldeen, Samuel und Micha. Zwei Studenten, drei Flüchtlinge aus Syrien. Es geht um die Fluchtursachen und das Ankommen in Deutschland.

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Ammar erzählt, dass er Arzt werden will, aber wisse, dass das in Deutschland schwierig sei – vor allem, weil er noch nicht sehr gut deutsch spricht. "Wenn du etwas wirklich willst, schaffst du das auch", sagt Erikli.

Dass sie selbst ihr Jura-Studium nie beendet hat, spricht sie offen an.

Ammar rät sie, erst einmal eine Ausbildung in einem Krankenhaus zu machen. Das Einwanderungsgesetz, das derzeit als Entwurf für den Bundestag vorliegt, sei aus ihrer Sicht "nicht der große Wurf". Auf der anderen Seite seien auch die Geflüchteten in der Pflicht. "Es reicht nicht, einmal die Woche zum Deutschkurs zu gehen. Geht in die Vereine, zur Feuerwehr, zum THW. Man muss sich fragen, was man der Gesellschaft zurückgeben kann. Die Gesellschaft muss das aber auch annehmen wollen."

16 Uhr: Besprechung mit dem Wahlkreisbüro in Konstanz

Die regelmäßige Konferenz mit ihren Mitarbeitern Lena Weithofer und Mario Schneider am Telefon steht an.

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Es geht um die Termine und Themen in den nächsten Wochen, um Podiumsveranstaltungen und Pressekonferenzen, um Facebook und Twitter – Social Media gehörte auch schon vor Donald Trump zum politischen Geschäft dazu. Erikli will alle Unterlagen und Infos mindestens eine Woche vor dem Termin fertig haben. "Das ist immer eine Sorge: Ich will gut vorbereitet sein."

17 Uhr: Unterlagen für den Ausschuss lesen

Erikli sitzt im Ausschuss für Wissenschaft, Forschung und Kunst, im Ständigen Ausschuss sowie im Untersuchungsausschuss "Zulagen Ludwigsburg" – mit teilweise hunderten Seiten Sitzungsunterlagen. Die liest sie zum Beispiel in ihrem Büro.

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18 Uhr: Feierabend auf der Dachterrasse

Dem Redaktionsbesuch aus Konstanz zeigt Erikli einen ihrer Lieblingsorte in Stuttgart: die Dachterrasse des Abgeordnetenhauses. Hier macht sie auch mal Mittagspause, wenn die Zeit es zulässt, und genießt den Blick über den Schlossplatz.

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"So anstrengend es ist: Das ist ein Traumjob und ich brenne dafür", sagt Erikli.

Hat sie Angst, diesen Traumjob bei der nächsten Wahl zu verlieren? "Nein", antwortet sie. "Es war mir von Anfang an klar, dass ein Mandat immer nur für fünf Jahre vergeben wird."

Und die andere Richtung? Wäre ein Ministerposten eine Option? Erikli lächelt. "Ich kann mir so manches vorstellen, aber jetzt bin ich erstmal Landtagsabgeordnete."

Nese Erikli und ihre Arbeit als Abgeordnete

  • Einkünfte: Ein Abgeordneter im Landtag von Baden-Württemberg bekommt derzeit monatlich 7963 Euro. Die Summe muss versteuert werden, ein 13. Monatsgehalt wird nicht gezahlt. Daneben gibt es Aufwandsentschädigungen, die Geld- und Sachleistungen umfassen. Nebeneinkünfte hat Nese Erikli nach eigenen Angaben nicht. "Das ist ein Full-Time-Job, wenn Sie das ernst nehmen", sagt sie.
  • Anträge und Abstimmungen: Nese Erikli hat bislang 24 Anfragen und Anträge im Landtag gestellt. Sie stimmte für die Korrektur der Polizeireform und kämpfte für den Sitz des Polizeipräsidiums in Konstanz. Den Antrag auf Änderungen im Fischereigesetz, wonach unter anderem das Nachtangelverbot aufgehoben hätte werden sollen, lehnte sie ab. Zudem stimmte sie gegen den Entschließungsantrag zur Änderung des Privatschulgesetzes, bei dem es um die Kosten an Physiotherapie-Schulen ging.
  • Politische Stationen: Von 2011 bis 2017 war Erikli Mitglied des Kreisvorstands von Bündnis 90/Die Grünen Konstanz. Drei Jahre war sie zudem Sprecherin der Landesarbeitsgemeinschaft Demokratie, Recht und Innere Sicherheit vom Landesverband der Grünen. Mitglied des Landtags von Baden-Württemberg ist sie seit dem 6. April 2016. Dort ist sie Mitglied des Ständigen Ausschusses, des Ausschusses für Wissenschaft, Forschung und Kunst und des Untersuchungsausschusses Zulagen Ludwigsburg. Außerdem ist sie stellvertretende Vorsitzende des Grünen-Arbeitskreises für Wissenschaft, Forschung und Kunst, Sprecherin für Bürgerbeteiligung und Demokratie sowie Sprecherin für Forschungspolitik.