Hany Salim steht hinter seiner Theke, vor seinem Gesicht stehen Wasserpfeifen, er lächelt. Für Gäste ist er immer da, es ist ihm wichtig, dass sie sich wohlfühlen. Seit zwölf Jahren betreibt er das Cleopatra, eine Shisha-Bar im Industriegebiet. „Dass so etwas in Deutschland passiert, hat mich sehr erschreckt“, sagt er. Bisher habe er das Gefühl gehabt, rechtsgerichteter Terror sei weit weg. „Für mich war es ein Schock, vor allem, weil es eine Shisha-Bar getroffen hat. Der Täter muss jemand sein, der Ausländer hasst“, sagt er.

Bild: Kipar, Sandro

Mit der Ruhe ist‘s vorbei

Ganz ruhig ist Hany Salim nicht mehr seit dem Anschlag. Er habe die Tür aufmerksam im Blick, sagt er. Meist kommen Stammkunden herein. Mit Rassismus hat der gebürtige Ägypter in jüngster Zeit seine Erfahrungen gemacht. Anti-muslimische Flyer habe jemand an die Tür geheftet – an einem Tag habe rohes Schweinefleisch auf den Tischen vor der Bar gelegen. „Die Angst und das Erschrecken sind da“, sagt er.

Hany Salim betreibt seit vielen Jahren das Cleopatra, eine Shisha-Bar im Industriegebiet.
Hany Salim betreibt seit vielen Jahren das Cleopatra, eine Shisha-Bar im Industriegebiet. | Bild: Wagner, Claudia

„Wenn neun Menschen mitten aus dem Leben gerissen werden, kann man nicht sagen: ‚Das geht mich nichts an‘“, sagt Zahide Sarikas. „Die Nachricht von Hanau verunsichert.“ Die 54-jährige Sozialdemokratin ist als Jugendliche nach Deutschland gekommen, für die Kurdin bedeutete das Land auch immer Schutz. Ein Anschlag wie jener in Hanau könne auch sie treffen – „und da ist es egal, wie lang man schon hier lebt. Schon wieder stellt sich die Frage: wo gehöre ich hin? Das tut weh.“

Ein Appell zum Handeln

Für die Stadträtin ist der Anschlag in Hanau ein Appell zum Handeln: „Wir müssen als Gesellschaft hinsehen. Den rechten Aussagen, die salonfähig gemacht wurden, müssen wir entgegentreten“, sagt Sarikas. Das rechte Gedankengut habe sich schleichend eingenistet. Als Kommunalpolitikerin kann sie es nicht nachvollziehen, warum ein Stadtrat nach wie vor die Lieder Willi Hermanns, eines Nationalsozialisten und Kriegsverbrechers, singt. „Die demokratischen Parteien haben jetzt die Aufgabe, ein Zeichen zu setzen“, sagt Sarikas.

Zahide Sarikas
Zahide Sarikas | Bild: privat

Auch Nese Erikli, die für die Grünen im Landtag sitzt, fühlt den Appell zu Handeln. Sie sagt: „Wir müssen politisch energischer gegen den aufflammenden Rechtsextremismus in unserer Gesellschaft vorgehen.“ Sie ist in Deutschland geboren und aufgewachsen und schätzt das demokratische Miteinander.

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Für weltoffene Gesellschaft kämpfen

„Nun wollen Rechtsextreme bürgerkriegsähnliche Zustände hier auslösen. Und ich mache mir große Sorgen: Sind Migrantinnen und Migranten, Andersgläubige, Minderheiten noch sicher in unserem Land?“ Und weiter: „Ich bin Teil einer weltoffenen Gesellschaft in Deutschland. Diese wunderbare Gesellschaft will ich mir nicht wegnehmen lassen. Deshalb werde ich für sie kämpfen – politisch und auch privat.“

Grüne Landtagspolitikerin Nese Erikli
Grüne Landtagspolitikerin Nese Erikli | Bild: Lena Lux Fotografie & Bildjournalismus

Auch Abdullah Doksanoglu lässt der Hanauer Anschlag nicht unberührt. Als Vorsitzender der Konstanzer Muslimgemeinde hat er den Auftrag, die Gläubigen zu schützen. „Einige fühlen sich jetzt bedroht“, sagt er, „es könnte jederzeit auch hier etwas passieren“.

Lieber wenig Aufmerksamkeit erregen

Doksanoglu sieht es als Gratwanderung an, auf rechte Gewalt zu reagieren. Er möchte, dass die Moschee unauffällig bleibt, will Aufmerksamkeit vermeiden, vor allem, um die Betenden zu schützen.

Auf noch einen Aspekt weist Doksanoglu hin: Er gehöre der dritten Generation Einwanderer an: „Die erste Generation war sehr willkommen, die Menschen wurden integriert“, sagt er. Jetzt aber gebe es Menschen, „die nicht wahrhaben wollen, dass Einwanderer zu Deutschland gehören“. Er habe Angst, dass diese Haltung sich in Zukunft noch verstärken werde.

Abdullah Doksanoglu ist Vorsitzender der Muslimgemeinde in Konstanz
Abdullah Doksanoglu ist Vorsitzender der Muslimgemeinde in Konstanz | Bild: Oliver Hanser

Ramez Mahmo hat erst im Januar die Shishabar Diamond Lounge in der Schneckenburgstraße eröffnet. Eine geräumige Bar, bequeme petrolfarbene und senfgelbe Sofas und Sessel. „Nach Hanau habe ich für einen kurzen Moment gedacht: Ich mache, was die meisten normalen Menschen machen, und arbeite am Tag. Ich meine: Was soll ich machen, wenn einer kommt und mich abschießen will?“

Gegen Überwachung von Shisha-Bars

Er glaubt, auch Security oder die Polizei könnten davor nicht schützen. Es sei denn, Shisha-Bars würden generell polizeilich überwacht. „Aber was wäre das für ein Gefühl?“, fragt er. „Wer hat dann noch Lust her zu kommen und sich zu entspannen?“

Ramez Mahmo in seiner Shisha-Bar Diamond Lounge in Konstanz
Ramez Mahmo in seiner Shisha-Bar Diamond Lounge in Konstanz | Bild: Eva Marie Stegmann

Als der Anschlag stattfand, war Ramez Mahmo in seiner Bar: „Wir haben uns live die Nachrichten angeschaut“, sagt er. „Das ist eine große Sache und man hat das Gefühl, es kommt immer näher zu uns.“ Auch, wenn es in Konstanz schon ein bisschen ruhiger sei, ein bisschen beschützter als anderswo.

„Wenn einer schreibt, was er vorhat, warum tun sie nichts?“

Was er sich jetzt wünscht, von der Polizei, vom Staat: mehr Kontrolle über soziale Medien. „Wenn einer schreibt, was er vorhat, warum tun sie nichts?“ Der Täter von Hanau hatte sein Pamphlet, in dem er von seinen wirren Fantasien und seinem Rassismus berichtet, in dem er von dem „Krieg“, den er führen will, schreibt, lange vor dem Anschlag online gestellt.