Es gibt Bündner Gerstensuppe. Eine besondere kulinarische Spezialität unserer Schweizer Nachbarn. Heiß und dampfend. Der herrliche Duft verspricht etwas sehr Leckeres. Eine Suppe hat immer etwas Barmherziges, gibt Geist und Körper gleichermaßen Kraft und wärmt von innen und außen. "Das war eine Spende der evangelischen Kirchengemeinde Altnau", erzählt Jörg Fröhlich von der AGJ am Lutherplatz. Der gemeinnützige AGJ-Fachverband gehört zu der Trägerfamilie der Caritas und unterhält in der Erzdiözese Freiburg Einrichtungen im Bereich Suchthilfe, Wohnungslosenhilfe und Prävention.

"Draußen ist es schlimm genug"

An diesem Mittag sitzen hier rund 20 Menschen und löffeln in der angenehmen Wärme der sozialen Einrichtung die wohltuende Suppe. Ihre Gesichter sind gezeichnet von der bitteren Kälte. Die Wangen schimmern rot, die Finger kämpfen noch mit dem tauben Gefühl, das der eisige Wind ihnen beschert hat. Normalerweise kostet das Mittagessen zwei Euro. Heute ist es gratis.

"Wir freuen uns immer über Spenden“, sagt Kristin Rowolt, Hauswirtschafterin bei der AGJ. Sie hat die Küche im Griff, kocht für die Menschen. Bauernsalat, Mousaka, Gemüsecurry, Sommerrolle – der Speiseplan ist vielfältig und würde auch in einem Restaurant Gäste anlocken. "Die Menschen sollen es gut haben", sagt sie. "Draußen ist es schlimm genug."

Kaffee und Kekse in der AGJ (von links): Jörg Fröhlich (AGJ), die Besucher Martin und Mike sowie Hauswirtschafterin Kristin Rowolt.
Kaffee und Kekse in der AGJ (von links): Jörg Fröhlich (AGJ), die Besucher Martin und Mike sowie Hauswirtschafterin Kristin Rowolt. | Bild: aks

Draußen. Das bedeutet in diesen Tagen nichts Angenehmes. Auch tagsüber bewegt sich das Quecksilber im zweistelligen Minusbereich. Noch bis Freitag hat die sibirische Wetterlage Deutschland im Griff, bevor es wieder aufwärts geht. "Ich habe einen Schlafsack, der bis Minus 35 Grad warm hält", berichtet Mike. Sein Nachname tue nichts zur Sache. Er schlägt sein Nachtlager jeden Abend gegen 17 Uhr auf und begibt sich in die Horizontale.

Er möchte in der Tageszeitung nicht verraten, wo das ist. Zu umkämpft ist der Markt um die besonders geschützten Plätze. "Sofort ist jemand anderes da und nimmt dir deinen Platz weg", sagt er. Außerdem ist da die latente Angst vor Übergriffen. "Dafür haben wir zwar unsere Hunde", erzählt Mike.

"Doch es gibt ja Jugendliche, denen ist es langweilig und die kommen auf dumme Gedanken. Weniger in Konstanz als in den Großstädten. Aber man weiß ja nie."

"Kälte ist nicht so schlimm wie Nässe"

Bedenken aufgrund der Temperaturen hat Mike nicht. "Kälte ist nicht so schlimm wie Nässe", erklärt er. "Man muss aber stets auf Körperhygiene achten und immer gut lüften." Sobald Feuchtigkeit in den Klamotten und im Schlafsack festsitzen, werde es unangenehm, "das heißt regelmäßig duschen und alle Sachen waschen. Das geht ja hier in der AGJ ganz gut." Er fügt mit Nachdruck hinzu: „Du musst diszipliniert sein. Ansonsten wird es lebensgefährlich.“ Alkohol sei der größte Feind bei diesen Temperaturen. "Ich hatte Freunde, die sind erfroren, weil sie sich nach einer Flasche Wodka bei der Kälte schlafen gelegt haben."

Alkohol beschleunigt die Unterkühlung, weil sich die Gefäße weiten und die Haut besser durchblutet wird. Dadurch werden die lebenswichtigen inneren Organe schlechter mit Blut versorgt. Stark betrunkene Menschen bemerken die Lebensgefahr in eisiger Kälte oft nicht. Sie fühlen sich warm, obwohl ihre Organe vor dem Kollaps stehen.

Mike steht vor seinem Fahrrad mit Anhänger, auf dem sein Hund schläft. Damit möchte er bald nach Norderney fahren.
Mike steht vor seinem Fahrrad mit Anhänger, auf dem sein Hund schläft. Damit möchte er bald nach Norderney fahren. | Bild: aks

Seit 15 Jahren ist Mike obdachlos. Er stammt aus Lüdenscheid, arbeitete erfolgreich als Bauingenieur. "Ich war ständig auf zwei Kontinenten unterwegs und habe wegen der Arbeit alle Freundschaften verloren", berichtet er aus seinem früheren Leben. "Ich bin in ein Loch gefallen, konnte nicht mehr weitermachen."

Dann entschloss er sich, alles hinzuschmeißen. "Es ging nicht mehr, ich war total am Ende." Heute ist er nach eigener Aussage glücklich mit seinem Leben als Obdachloser. Aktuell nimmt er an einem Programm für Langzeitarbeitslose teil, hilft bei der AGJ mit. "Ich bin der Mike für alles", sagt er lachend.

"Ich bin jedem dankbar"

Ortswechsel. Rosgartenstraße. Ein junger Mann sitzt ordentlich eingepackt auf dem Boden. Vor ihm der zusammengerollte Schlafsack mit einer Mütze darauf. Ein paar Geldstücke zeigen den in aller Regel rasch vorbei ziehenden Menschen, dass hier jemand in Not und auf Spenden angewiesen ist. "Ich gehe aber nicht bettelnd auf die Menschen zu", sagt der 30-jährige John (Name geändert). "Wer mir etwas geben will – sehr gerne. Wer nicht – auch kein Problem. Ich bin jedem dankbar."

Seine Zähne klappern unüberhörbar. Minus zwölf Grad hat es an diesem frühen Abend, der eisige Wind bläst hier besonders ungemütlich. "Und es wird noch kälter", sagt John und lächelt trotzdem. Bald schon werde er sich auf die Suche machen nach einer Schlafstätte für die anstehende Nacht. "In die Wohnheime gehe ich nicht wegen der Drogen und wegen des Alkohols. Die anderen akzeptieren nicht, wenn du nichts konsumierst."

"Hier kannst du jede chemische Droge kaufen"

In der Hafenstraße und im Haidelmoosweg 15 stehen Obdachlosenheime, laut Homepage der Stadt können auch in der Jugendherberge Personen temporär untergebracht werden. Vor allem die Notübernachtungseinrichtung im Haidelmoosweg gilt als Drogenumschlagplatz, wie mehrere obdachlose Menschen gegenüber dem SÜDKURIER berichten. "Hier kannst du jede chemische Droge kaufen", sagt eine junge Frau.

Anja Risse, Leiterin Bürgeramt, zu dem Thema: "Uns ist bekannt, dass ein Teil der Personen, die im Haidelmoosweg übernachten, eine Suchtproblematik haben. In unseren Einweisungsscheinen wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass der Konsum von Spirituosen und Drogen verboten ist." Sie wisse jedoch nichts von einem Drogenumschlagplatz.

"Im Dezember musste ich aus der Wohnung raus"

John kämpft sich trotzdem lieber alleine durchs Leben und verzichtet auf städtische Hilfe. In Vorräumen von Banken oder Geschäften findet er oft ein Plätzchen, "da muss ich dann aber rausgehen, sobald die öffnen. Ich werde aber akzeptiert, weil ich immer aufräume und meinen Müll mitnehme. Das gehört sich so." Er stammt ursprünglich aus Norddeutschland. Aufgrund von privaten Problemen zog es ihn vor einem Jahr in den Süden.

"Ich wollte hier einen Neuanfang starten", sagt er. "Doch bisher hat es nicht richtig geklappt. Im Dezember musste ich aus der Wohnung raus und seither lebe ich auf der Straße, weil auch der Job weg war." In diesen Tagen hat er ein Vorstellungsgespräch bei einem Konstanzer Unternehmen und die Aussicht auf eine neue Wohnung. "Ich muss weg von der Straße", sagt er selbst. "Ich bin noch zu jung und habe noch zu viel vor."

"Sie sind Engel"

Seine Augen leuchten, als zwei Frauen, die Einkaufswagen hinter sich herziehen, auf ihn zukommen. "Möchten sie einen wärmenden Tee?", fragt Romy Rubin und schenkt dem jungen Mann einen Plastikbecher ein. "Das ist ja superlieb von ihnen", entgegnet der Mann auf dem Boden. "Damit hätte ich heute nicht mehr gerechnet." Romy Rubin und ihre Freundin Silvia Biefer holen zwei Schnitzelbrötchen aus einem der Wagen, eine wärmende Decke und noch etwas Kleingeld. "Sie sind Engel", sagt John. "Es ist schön zu sehen, dass die Menschen hier so hilfsbereit und freundlich sind."

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Die Engel Romy Rubin und Silvia Biefer wohnen in Kreuzlingen. "Wir kaufen gerne in Konstanz ein", sagt die Schweizerin Silvia Biefer. "Also können wir den Menschen in Not hier doch auch ein wenig helfen." Eine bemerkenswerte Aussage. Romy Rubin ist Deutsche. Die befreundeten Frauen gehen gerne durch die Altstadt spazieren, genießen das besondere Flair der historischen Gassen und Gebäude.

"Wenn Mitmenschen leiden, sollten wir alle helfen"

Die beiden erklären: "Als es so kalt wurde und wir Obdachlose gesehen haben, dachten wir uns: Jetzt wäre es doch toll, wenn wir diesen Menschen einen heißen Tee anbieten könnten." Und schon war die Idee geboren, eine Hilfsinitiative ins Leben zu rufen. In der Facebook-Gruppe "Du bist aus Konstanz, wenn..." starteten sie einen Aufruf. "Seither haben wir viel Unterstützung erfahren: Geld, Lebensmittel, Klamotten oder Decken – einfach alles."

Gaststätten wie das Constanzer Wirtshaus, Ignaz, Wallgut oder der Pfohlkeller haben spontan ihre Hilfe angeboten: Schnitzelbrötchen wurden geschmiert, Tee gekocht – und an Stammtischen wärmende Utensilien gesammelt. "Wenn Mitmenschen leiden, sollten wir alle helfen", erklärt Romy Rubin: "Es ist beeindruckend, dass so viele Personen sich an der Aktion beteiligen."

Schnitzelbrötchen vom Wirtshaus: Igor Sarkany zeigt die Tüten für die Obdachlosen.
Schnitzelbrötchen vom Wirtshaus: Igor Sarkany zeigt die Tüten für die Obdachlosen. | Bild: aks

Sozial- und Integrationsminister Manne Lucha forderte die Bürger auf, bei obdachlosen Menschen nicht wegzuschauen. "Bei den derzeitigen Temperaturen draußen zu übernachten, kann lebensbedrohlich sein. Alle Bürger können hier helfen. In Baden-Württemberg muss niemand auf der Straße übernachten. Ein Anruf beim Ordnungsamt oder der Polizei genügt", so Lucha. "Wenn Sie auf hilflose und gefährdete Menschen treffen, rufen Sie den Rettungsdienst unter 112 an."

Es ist jedoch Fakt, dass viele Obdachlose aus eigenem Antrieb draußen bleiben. "Jeden Tag und jede Nacht, auch im Winter", sagt Werner Husemann, der seit Jahren zwischen Wallhausen und Litzelstetten hin und her wandert. "Ich fühle mich wohl, auch wenn ich bei der Kälte nicht so gut schlafe."

 

Gegen Obdachlosigkeit: Die Stadt arbeitet mit der AGJ, der Facheinrichtung für Wohnungslose, zusammen. Die AGJ betreibt in Böhringen den Jakobushof, der für obdachlose Menschen im Landkreis eine Unterkunft anbietet. Daneben führt die AGJ in Konstanz eine betreutes Wohnhaus in der Schottenstraße 4. Die Stadt biete eine Notunterkunft im Gebäude Haidelmoosweg 15 als vorübergehende Übernachtungsmöglichkeit an. Dort können zwei Unterkünfte mit 15 Übernachtungsplätzen für Männer und eine Unterkunft mit vier Übernachtungsplätzen für Frauen zur Verfügung gestellt werden.

Geschätzt schlafen derzeit 20 Personen draußen. Auch sie könnten untergebracht werden. Weitere sechs Plätze gibt es ab 1. März, wenn eine Wohnung für Obdachlose frei wird. Neben der Unterkunft bekommen Obdachlose Frühstück und Mittagessen und werden mit Winterkleidung versorgt. Sozialarbeiter und temporär bei der AGJ arbeitende Krankenschwestern überprüfen regelmäßig die physische und psychische Verfassung dieser Personen.