Ein Unfall, eine plötzliche schwere Krankheit oder einfach nachlassende geistige Kräfte im Alter – diese Ursachen, die einen bisher so selbstständigen Menschen aus dem alltäglichen Leben reißen können, kennen kein Alter. Und oft stellt sich viel zu spät die zentrale Frage, wer in Zukunft das eigene entglittene Leben stellvertretend regeln soll.

Denn ohne eine Vorsorgevollmacht dürfen in Deutschland weder Ehepartner, andere Familienmitglieder oder gar enge Freunde automatisch Entscheidungen für ihre volljährigen, aber nicht mehr entscheidungsfähigen Angehörigen treffen. Damit sahen sich auch Arnold und Ingrid K., die beide ihren vollen Namen nicht in der Zeitung lesen möchten, während zeitgleicher, jedoch voneinander getrennter Klinikaufenthalte konfrontiert.

Das Ehepaar aus dem Konstanzer Stadtteil Fürstenberg hatten nicht vorgesorgt, als bei der 91-jährigen Ingrid K. aus gesundheitlichen Gründen eine Betreuung notwendig wurde.

Auch betreute Menschen sollen selbst entscheiden

In einem solchen Fall sieht das Betreuungsrecht eine gesetzliche, also gerichtlich festgelegte Betreuung vor, die zukünftig stellvertretend für den Betreuten die Verwaltung persönlicher Angelegenheiten wie Behördengänge, Postverkehr, Vermögen oder die Gesundheitsvorsorge so weit wie nötig organisieren soll: „Die Betreuten werden zwar betreut, sollen und müssen aber soweit es geht, eigenständige Entscheidungen treffen. Das ist unser Hauptanliegen“, betont Irina Göbel vom Betreuungsverein Bodensee/Hegau.

Betreuung und Pflege: Das ist nicht dasselbe

Liegt dem Gericht keine Betreuungsverfügung vor, die einen bestimmten gesetzlichen Betreuer vorsieht oder ausschließt, und findet sich auch sonst in der Familie kein Betreuer, sucht die zuständige Betreuungsbehörde über die sieben Betreuungsvereine des Landkreises nach einem ehren- oder hauptamtlichen Betreuer.

Stimmt aber die Chemie nicht, muss weitergesucht werden: „Die Betreuung soll für beide Parteien ein Gewinn sein“, so Göbel. Allerdings wird der Begriff Betreuung mitunter missverstanden. Pflegerische Tätigkeiten gehören nicht dazu.

Gericht bestimmte Betreuer – ohne, dass der Ehemann davon weiß

Im Fall von Ingrid und Arnold K. lief es so: Da ihr Sohn in den Vereinigten Staaten lebt und die Tochter die Betreuung nicht übernehmen wollte, hat letztere über das Amtsgericht Konstanz ohne Mitwissen von Ingrid K.s. Ehemann eine gesetzliche Fremdbetreuung des Katholischen Vereins für Soziale Dienste (SKM) erwirkt, die der schwerkranken Seniorin einen Platz in der Pflege in Hegne besorgte.

Keine Auskünfte mehr von den Ärzten zu bekommen und seine Frau nicht im eigens für sie umgebauten Zuhause pflegen lassen zu können, frustrierte den 98-jährigen Arnold K. so sehr, dass er sich mit seiner langjährigen Nachbarin Ursula Grueninger entschloss, gegen das Urteil vorzugehen. „Es war einfach nur traurig. Alles sprach dafür, dass sie hier besser aufgehoben gewesen wäre. Alles war parat, nur sie fehlte“, erinnert sich Grueninger.

Nur wer vorsorgt, kann auch die Kontrolle behalten

Mit der entsprechenden Vorsorge wären die Umstände des Ehepaars K. vielleicht vermeidbar gewesen: „Dem Gericht war nicht bekannt, dass eine ehrenamtliche Betreuerin vorhanden ist. Denn unser erster Wille ist es natürlich, eine Vertrauensperson aus dem Umfeld der Familie zu finden“, entschuldigt Betreuungsrichter Christian Brase das Missverständnis.

Daher sind sich Christian Brase und Anja Göbel einig: Vorsorgen kann man nicht früh genug, um sicher die Kontrolle zu behalten und dem Risiko einer befürchteten Bevormundung zu entgehen. „Ein sehr gutes Instrument, das man auf jeden Fall in Anspruch nehmen sollte. Man ist das auch den Angehörigen schuldig. Denn die haben meist auch anderes zu tun, als sich mit dem Betreuungsgericht auseinanderzusetzen“, so Brase.

Außerdem plädierte er zur eigenen Absicherung gegen Machtmissbrauch dafür, keine Verfügung oder Vollmacht vorzeitig auszuhändigen: „Am besten die Dokumente in eigener Verwahrung halten und nur den Leuten geben, denen man wirklich vertraut. Und solange man selber entscheiden kann, kann man auch jederzeit widerrufen.“

Nach monatelangen Verhandlungen konnte die Betreuung von Ingrid K. letzten Endes bis zu ihrem Tod Anfang Mai auf Ursula Grueninger umgeschrieben werden.