Emilia Baumann hatte Glück. Sie würde ihre Gastfamilie im höheren Mittelstand einordnen, erzählt sie. Aber die 19 Jahre junge Engenerin bezieht sich dabei auf peruanische Verhältnisse. Soll heißen: „Wir hatten fließendes Wasser und Strom – zumindest die meiste Zeit.“

Herzliche Begrüßung: Die Gastfamilie freut sich über den Besuch aus Deutschland.
Herzliche Begrüßung: Die Gastfamilie freut sich über den Besuch aus Deutschland. | Bild: Privat

Bei drei deutschen Freunden, die ihren entwicklungspolitischen Freiwilligendienst ebenfalls in der 97.000-Einwohnerstadt Tumbes im Nordwesten des Andenstaats ableisteten, sah das anders aus. „Sie wohnten in Blechhütten ohne befestigten Boden und das Wasser musste in Kanistern vom Fluss geholt werden“, blickt sie zurück. „Ich bekam öfter Besuch von meinen Freunden, wenn sie mal wieder duschen wollten.“

Heute weiß Emilia Baumann, dass es in Peru nicht untypisch ist, dass Menschen in Häusern wohnen, denen entscheidende Ausstattung fehlt. Der Grund: „Sobald ein Gebäude fertiggestellt ist, müssen die Bewohner Steuern zahlen.“

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Hinein ins Unbekannte

Wie abenteuerlich ihre sieben Monate als Freiwillige in Südamerika werden sollten, war der 19-Jährigen im August noch nicht klar. „Ich hatte gerade erst mein Abi gemacht und war noch nie außerhalb Europas gewesen“, erzählt die junge Hegauerin. Peru kannte sie hauptsächlich aus den Dokus, die sie sich zur Reisevorbereitung angesehen hatte.

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Gut, dass es zunächst ein Einführungsseminar in der Hauptstadt Lima gab. Drei Tage lang ging es darum, sich zu akklimatisieren, die Gepflogenheiten zu lernen und sich auf Spanisch zu verständigen: Wie frage ich nach dem Weg? Wie verhalte ich mich, wenn ich auf der Bank Geld abhebe? Und wie verstecke ich das Bargeld anschließend?

Aufbruch nach Norden

„Da das Ganze in einem wohlhabenden Viertel stattfand, hätte man auch meinen können, in Spanien gelandet zu sein“, berichtet Emilia Baumann. Während der 24-stündigen Busfahrt zu ihrem mehr als 1200 Kilometer entfernten Einsatzgebiet änderte sich die Umgebung jedoch merklich.

Zunächst ging es durch sogenannte Favelas, Elendsviertel am Rande der Stadt, dann in die Wüste – immer weiter Richtung Norden. „Irgendwann waren nur noch sehr vereinzelt Häuser zu sehen. Man fragt sich als Deutsche schon, wie die Menschen in diesen entlegenen Gebieten ihr Leben meistern.“

Diese zum Teil traditionell gekleideten Obst- und Gemüseverkäufer traf die Engenerin bei einem Ausflug in die Anden.
Diese zum Teil traditionell gekleideten Obst- und Gemüseverkäufer traf die Engenerin bei einem Ausflug in die Anden. | Bild: Privat

Am Ziel angekommen, erlebte die Engenerin bedrückende Armut. „Eines der Kinder, das ich später unterrichten sollte, hat mit seiner Familie direkt in der Nachbarschaft meiner Gastfamilie in einem heruntergekommenen Hüttchen gewohnt“, erinnert sie sich.

„Ins kalte Wasser geworfen“

Auch an ihrem Arbeitsplatz – eine Grundschule, an der Kinder von der ersten bis zur sechsten Klasse unterrichtet werden – waren die Verhältnisse nicht einfach. „Vielen Kindern fehlt das Geld für eine Schuluniform.“ Zwar hatte sich die 19-Jährige auch zuhause sozial engagiert und Nachhilfe gegeben, nun traf sie allerdings auf Schüler, deren Familien sie zum Teil nicht einmal ausreichend ernähren konnten.

„Ich fühlte mich anfangs schon ins kalte Wasser geworfen“, sagt sie und meinte damit auch ihre Arbeit als Englischlehrerin. „Ich sprach kein Spanisch, die Kinder wiederum kein Wort Englisch.“ Heute kann sie schmunzeln, wenn sie an die ersten Stunden zurückdenkt. Wie aufgeregt sie war, als sie plötzlich vor bis zu 30 Schülern sprechen sollte.

Die 19-Jährige fühlte sich schnell heimisch in Peru: Während der ersten Unterrichtsstunden sei die Verständigung mit den Schülern aber gar nicht so einfach gewesen, berichtet Emilia Baumann.
Die 19-Jährige fühlte sich schnell heimisch in Peru: Während der ersten Unterrichtsstunden sei die Verständigung mit den Schülern aber gar nicht so einfach gewesen, berichtet Emilia Baumann. | Bild: Privat

Aber die Eingewöhnung verlief schneller als gedacht. „Nach einem halben Jahr konnte ich mich sehr gut verständigen.“ Bald brach Emilia Baumann mit ihren Freunden zu Ausflügen in die Umgebung auf. „Peru ist ein wirklich schönes Land. Die Menschen, die ich kennenlernen durfte, waren super herzlich und sympathisch“, betont sie.

Auch deshalb empfand sie ihren Arbeitsalltag als bereichernde Erfahrung. Sie könne sich mittlerweile sogar gut vorstellen, Lehramt oder Sonderpädagogik zu studieren, sagt sie. Erste Uni-Bewerbungen hat Emilia Baumann nach ihrer Rückkehr in die Heimat bereits abgeschickt.

Wie denken Peruaner über Deutsche?

Apropos Heimat. Spannend war für die 19-Jährige zu erfahren, wie Deutsche in Peru wahrgenommen werden. „Man hat mich zum Beispiel gefragt, ob das Land immer noch geteilt ist. Und ganz selten wurde ich sogar mit dem Hitlergruß begrüßt.“ Die überwiegende Mehrheit habe aber ein sehr positives Bild von Deutschland und Europa. „Vor meiner Rückreise meinten einige sogar: ‚Nimm uns mit!‘“

Knapp vier Monate ist das her. Mit ihrer Gastfamilie und einigen Freunden ist Emilia Baumann nach wie vor in Kontakt.

Mit ihrer Gastfamilie ist Emilia Baumann auch nach ihrer Rückkehr in den Hegau noch regelmäßig in Kontakt.
Mit ihrer Gastfamilie ist Emilia Baumann auch nach ihrer Rückkehr in den Hegau noch regelmäßig in Kontakt. | Bild: Privat

Und jetzt?

Was sie nach ihrer Zeit in Südamerika besonders vermisst? „Kochbananen„, sagt die 19-Jährige und lacht. „Da wird in Peru super viel draus gemacht, selbst Suppe, Chips oder Pommes.“ Und dann ist da natürlich noch Chicha Morada, ein süßes Maisgetränk. Wobei, selbst zu einem Glas Inka-Cola würde sie heute vermutlich nicht nein sagen – „auch wenn die neongelb und ziemlich giftig aussieht“.

Für Emilia Baumann steht fest, dass sie sich während ihres Freiwilligendienst nicht nur kulinarisch und sprachlich fortgebildet hat, sondern auch viel über sich selbst gelernt hat. Der nächste Peru-Besuch ist schon geplant. Die Engenerin weiß bereits, wo es hingehen soll: „Ich würde gerne den Süden des Landes kennenlernen.“

Nach Peru und schneller zurück als geplant: Anfang und Ende eines ungewöhnlichen Auslandsaufenthalts

Eigentlich hatte Emilia Baumann vor, ein ganzes Jahr in Südamerika zu verbringen. Die Corona-Pandemie zwang die 19-Jährige allerdings zum Improvisieren:

  • Der Anfang: Für Emilia Baumann war früh klar, dass sie nach dem Abitur die Welt entdecken möchte. Da sie bereits mit Kindern gearbeitet hatte, fand sie die Idee eines mehrmonatigen Freiwilligendiensts spannender als eine Reise. "Ich habe mich dann bei Weltwärts beworben", berichtet sie. "Ein staatliches Programm zur Förderung von Freiwilligendiensten, das 75 Prozent der Kosten eines solchen Aufenthalts übernimmt." Auch die Organisation AFS, die für Planung und Umsetzung des Dienstes zuständig war, verlangte eine umfangreiche Bewerbung. Nachdem sie eine Reihe von Seminaren belegt hatte, durfte Emilia Baumann drei Wunsch-Länder festlegen, die endgültige Entscheidung lag dann bei der Organisation.
  • Das Ende: Aufgrund der Corona-Krise war die 19-Jährige gezwungen, ihren Aufenthalt nicht wie geplant im Sommer zu beenden, sondern bereits im Frühling abzubrechen. "Im März wurde in Peru eine Ausgangssperre verhängt, man durfte nur noch zum Einkaufen raus. AFS entschied daraufhin, die Freiwilligen abzuziehen." Es folgten vier Wochen der Ungewissheit. "Immer wieder hieß es, dass ein Rückflug organisiert sei, der dann aber doch nicht zustande kam." Besonders unangenehm für die junge Hegauerin: Sie durfte in dieser Zeit der Unsicherheit nicht das Haus verlassen. Schließlich ging doch ein Flieger von Peru nach Chile. Von dort aus trat Emilia Baumann dann in einer Maschine voller Landsleuten den Rückweg nach Deutschland an.