„Seit Monaten verzichten wir nicht nur auf irgendwelche Genüsse oder lieb gewordene Gewohnheiten, sondern auf ganz existenziellen Dinge wie Begegnung und Gemeinschaft, auf Reisen und Kultur, aufs Shoppen und aufs unbekümmert draußen sein“, sagt Rainer Baumann, Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Oberteuringen. „Das ist ein Fasten, das uns noch lange in den Knochen stecken wird.“

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Fasten sei von alters her nicht nur äußerlicher Verzicht auf etwas, sondern auch ein sich Besinnen, ein nach innen Lauschen, ein Umdenken. „Vielleicht wäre es ja für das diesjährige Fasten eine gute Idee, sich ganz tief und fest ins Herz zu schreiben, dass es, wenn es denn weitergeht, anders weitergehen muss, als es vor einem Jahr aufgehört hat“, so Pfarrer Baumann. Persönlich hat er aber noch einen weiteren Vorsatz: das vor zwei Monaten aufgegebene Rauchen auch weiterhin sein zu lassen.

Pfarrer Rainer Baumann von der Evangelischen Kirchengemeinde Oberteuringen will die Hände von den Zigaretten lassen.
Pfarrer Rainer Baumann von der Evangelischen Kirchengemeinde Oberteuringen will die Hände von den Zigaretten lassen. | Bild: Torsten Hesse

Sigrid Merz aus Kluftern verzichtet eher mal spontan und unabhängig von der Fastenzeit. „Vor einer Weile habe ich mich zu einem Jahr ohne Kleiderkauf entschlossen, reicht der Inhalt meines Schranks doch ohnehin bis ans Lebensende“, berichtet Merz. Sie versuche, nur Notwendiges und Nachhaltiges zu kaufen. „Meine lebenslange Zuckersucht habe ich dauerhaft durch den Umstieg auf ketogene Ernährung, das heißt eine extrem kohlenhydratarme, dafür aber sehr fettreiche Ernährungsweise, im Griff“, nennt sie ein weiteres Beispiel. Und werde das Viertele am Abend zu sehr Gewohnheit, dann setze sie mal einen Monat aus – maximal.

Sigrid Merz aus Kluftern verzichtet eher mal spontan und unabhängig von der Fastenzeit.
Sigrid Merz aus Kluftern verzichtet eher mal spontan und unabhängig von der Fastenzeit. | Bild: privat

Ulrich Hund, katholischer Pfarrer in der Seelsorgeeinheit Markdorf, sieht die Fastenzeit als eine Chance, sich aufs Wesentliche zu besinnen. „Und wenn man so will, zeigt uns das in diesen Monaten der Pandemie-Lockdown. In dem wir auch erfahren müssen, dass so vieles nicht geht. In dem wir aber auch erkennen: dass wir so vieles gar nicht brauchen“, so Hund. Wobei Corona einen äußeren Zwang darstelle, wogegen Fasten von innen komme.

„Ich selbst bin ein Anhänger des Heilfastens. Schon weil ich dann als ganzer Mensch gefordert bin. Im Moment will ich auf Alkohol verzichten, auf Süßigkeiten und wenn irgend möglich auch auf Kaffee“, sagt der Pfarrer. Daneben ist ihm aber auch der geistige Prozess ganz wichtig. Und ganz allgemein gelte für alle Fastenden: „Üben Sie Barmherzigkeit mit sich selbst. Fasten soll keinen Druck, keinen Zwang ausüben, sondern etwas Freiwilliges sein.“

Der Markdorfer Pfarrer Ulrich Hund achtet während der Fastenzeit auf Körper und Geist.
Der Markdorfer Pfarrer Ulrich Hund achtet während der Fastenzeit auf Körper und Geist. | Bild: Jörg Büsche

Für Markus Wiggenhauser, Wirt des Restaurants „Lichtblick“, hat die Fastenzeit nicht erst mit dem Aschermittwoch begonnen. „Wir fasten schon seit Beginn des jetzigen Lockdowns, mit dem wir schließen mussten und immer noch nicht wissen, wann wir wieder öffnen dürfen“, so Wiggenhauser. Ein gewisser Verzicht auf Kohlehydrate stehe bei ihm auf dem Programm einer bewussten Ernährung. Verzicht und Einschränkungen beobachte er auch regelmäßig in den Fastenwochen nach der Fastnacht. „Nein, über die Beweggründe sprechen wir weniger mit unseren Gästen. Aber wir sehen es auf den Bestellungen. Da soll dann dieses oder jenes nicht mit dabei sein“, berichtet der Wirt.

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Sein Eindruck ist, die meisten halten es beim Fasten wie bei den guten Vorsätzen nach Silvester. Der Aschermittwoch sei ein willkommener Anlass, etwas zu verändern. „Und manche halten das auch durch – oder halten sogar ganz fest an ihren Zielen. Wir aber fasten nicht wirklich, wir hoffen.“

Markus Wiggenhauser, Wirt im „Lichtblick“, nutzt den Lockdown für eine kohlenhydratarme Ernährung.
Markus Wiggenhauser, Wirt im „Lichtblick“, nutzt den Lockdown für eine kohlenhydratarme Ernährung. | Bild: Jörg Büsche

„In der Fastenzeit verzichten wir auf jeden Fall auf Süßigkeiten“, erklärt Gaby Kopp in Obersiggingen. Sie esse zwar auch unterm Jahr nicht so viel Süßes, höchstens mal ein Stück Schokolade. Aber für ihren Mann Otto Kopp sei es gut, eine gewisse Zeit darauf zu verzichten. Eigentlich machen sie das jedes Jahr. Die erste Woche sei recht schwierig und da gebe es schon gewisse Entzugserscheinungen und man müsse aufpassen, dass man nicht rückfällig werde, so Kopp. Aber insgesamt sei es auf jeden Fall ein gutes Gefühl. „Wenn Ostern kommt, dann schmecken die süßen Ostereier noch viel besser und viel intensiver. Da zahlt sich dann aus, dass man so lange sich selbst gegenüber hart geblieben ist“, sagt Kopp.

Gaby Kopp aus Obersiggingen verzichtet auf Süßigkeiten.
Gaby Kopp aus Obersiggingen verzichtet auf Süßigkeiten. | Bild: Wolf-Dieter Guip

Beim 24-Stunden-Hofladen in Obersiggingen holt sich Ulrich Hagen verschiedene Dauerwurst. Er wird die Fastenzeit nutzen, um auf alkoholische Getränke zu verzichten. „Ich trinke zwar nur Bier und auch das recht wenig, dennoch möchte ich mal überhaupt keine alkoholhaltigen Getränke konsumieren“, meint er. Das sei bestimmt gut für den Körper. Er würde das jedes Jahr machen und es falle ihm auch nicht schwer. Ulrich Hagen findet es gut, dass so ein Anstoß, Gewohnheiten zu unterbrechen von außen komme. Wobei er feststellt, dass man in der jetzigen Zeit mit der Pandemie ohnehin auf vieles verzichten müsse.

Ulrich Hagen aus Obersiggingen wird auf alkoholische Getränke verzichten.
Ulrich Hagen aus Obersiggingen wird auf alkoholische Getränke verzichten. | Bild: Wolf-Dieter Guip

Der Coach und Heilpraktiker Thomas Drach aus Bermatingen lebt ganzjährig gesund; er bewegt sich regelmäßig, achtet auf gutes Essen und pflegt seine Seele. Eine gesunde Lebensweise sei das beste Fasten, erklärt er. Aber es gibt einen Punkt, den er sich für die Fastenzeit vornimmt: „Zu einem gemütlichen Feierabend genieße ich gerne mal ein Bierchen. Darauf werde ich nun erst einmal verzichten. Ingwer-Wasser ist eine gesunde Alternative.“

Thomas Drach will auf das Bierchen verzichten, dass er sich zu einem gemütlichen Abend gönnt.
Thomas Drach will auf das Bierchen verzichten, dass er sich zu einem gemütlichen Abend gönnt. | Bild: Christiane Keutner

Für Ingeborg Heberle aus Bermatingen-Ahausen ist die Fastenzeit Anstoß für ihr Programm, das sie zweimal jährlich regelmäßig praktiziert: Duft-Qigong. Ein- bis zweimal täglich, etwa über sechs Wochen, „entgiftet“ sie ihren Körper mit einfachen Übungen, die man locker in den Alltag integrieren kann. Die 15 Bewegungsabläufe, die insgesamt etwa 15 bis 20 Minuten täglich in Anspruch nehmen, sollen Blut und Energie besser fließen lassen, den Körper reinigen und das Immunsystem aktivieren.

Mit Übungen des Duft-Qigong unterstützt Ingeborg Heberle die Reinigung ihres Körpers.
Mit Übungen des Duft-Qigong unterstützt Ingeborg Heberle die Reinigung ihres Körpers. | Bild: Christiane Keutner