Zwei Jahre leitet Leonard Wilhelmi bereits die Geschicke der Klinik Buchinger Wilhelmi in Überlingen: „Wir hatten ein gutes Jahr – und dann kam Corona“, sagt der junge Chef, Urenkel des legendären Arztes Otto Buchinger (1878 bis 1966), dem Begründer des Heilfastens als Therapieform.

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Als Vertreter der mittlerweile vierten Generation hat Leonard Wilhelmi das Heilfasten gewissermaßen in den Genen und weiß daher, was Verzicht bedeutet. Eine Zumutung sei das aber nicht, betont der 33-Jährige: „Fasten ist natürlich ein Verzicht, aber damit beginnt auch etwas Neues, man bekommt etwas zurück.“

Besinnung statt Alltagsstress

Vor der Pandemie waren es vor allem die Hochleistungsmenschen, die einen kurzen Boxenstopp in der Klinik einlegten, um hinterher so weiterzumachen wie zuvor. Das Coronavirus und die Eindämmungsmaßnahmen machten damit vorerst Schluss. „Viele sind gerade auf Sinnsuche und müssen verarbeiten, was gerade passiert“, erklärt Wilhelmi. Der Fokus der Patienten liege aktuell mehr auf der Pandemiebewältigung, die Psychologen und Therapeuten der Klinik seien sehr gefragt. Wenn alles zumacht, bleibt einem nur, sich auf sich selbst zu besinnen.

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„Die Patienten haben ein tiefes Bedürfnis, zu sich selbst zu finden, und genießen es, umsorgt zu sein“, sagt der Klinik-Leiter. Wer faste, bekämpfe zudem Übergewicht, Bluthochdruck und Diabetes – alles Risikofaktoren für einen schweren Verlauf im Falle einer Covid-19-Erkrankung.

Weltbekanntes Fastenzentrum hoch über dem Bodensee: Die Klinik Buchinger Wilhelmi ist wegen der Pandemie zwar nicht voll belegt, aber dennoch nicht im Winterschlaf, wie es das während der schneereichen Zeit im Januar fotografierte Bild suggeriert.
Weltbekanntes Fastenzentrum hoch über dem Bodensee: Die Klinik Buchinger Wilhelmi ist wegen der Pandemie zwar nicht voll belegt, aber dennoch nicht im Winterschlaf, wie es das während der schneereichen Zeit im Januar fotografierte Bild suggeriert. | Bild: Klinik Buchinger Wilhelmi

Leichtere Fastenvariante für zuhause

Doch nicht jeder kann es sich leisten, in exklusiver Lage von etwa 300 Angestellten beim Fasten angeleitet zu werden. Auch ist es nicht einfach, neben dem Alltag die Disziplin dafür aufzubringen, wenn die unterstützende Gemeinschaft und die spirituelle Seite fehlen, gibt Wilhelmi zu. Er rät daher zu einer leichteren Variante, dem „intermittierenden Fasten“, bei dem man seine Mahlzeiten in einem Zeitfenster von maximal acht Stunden zu sich nimmt und sich die restlichen 16 Stunden des Tages in Askese übt. „Natürlich ist es immer ratsam, vorher mit seinem Arzt zu sprechen, aber das kann fast jeder Gesunde machen.“ Wissenschaftliche Studien belegen die Wirksamkeit des Intervallfastens, welches als Ernährungsmethode zunehmend Beachtung findet.

Der Fastenprofi empfiehlt digitale Auszeiten

Eine andere Möglichkeit der bewussten Einschränkung ist der Verzicht auf Genussmittel wie zum Beispiel Kaffee oder Alkohol. Auch das sogenannte digitale Fasten wird immer moderner. „Manche Leute müssen erst wieder lernen, ohne Handy unterwegs zu sein und die Natur bewusst zu genießen“, sagt Wilhelmi. Der 33-Jährige hat daher für sich Strategien entwickelt: Esstisch und Schlafzimmer sind handyfreie Zonen, Instagram und Facebook hat er gelöscht, „weil ich festgestellt habe, dass damit unnötig Zeit draufgeht“.

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Klinik-Chef hofft auf entspanntere Zeiten

Was ihm mehr zu schaffen macht, sind die Kontaktbeschränkungen: „Ich bin ein sehr geselliger Mensch“, sagt Wilhelmi, der in mehreren Vereinen Mitglied ist. „Ich darf mich aber nicht beklagen, da ich den großen Luxus habe, in der Klinik sein zu dürfen.“ Dass er seinen Bruder Victor, der die spanische Niederlassung in Marbella leitet, schon lange nicht mehr sehen konnte, trifft ihn jedoch sehr. Gemeinsam mit dem Klinik-Team hofft der junge Chef, dass ab Mai wieder entspanntere Zeiten folgen, auch wenn die Hygienemaßnahmen in jedem Fall aufrechterhalten werden. „Wir legen viel Wert auf menschliche Interaktion. Das Fasten ist eine sehr persönliche Erfahrung, die man mit anderen Menschen teilen muss.“