Sie hatte einen vollen Terminkalender, ausgebucht bis in den Herbst hinein. Was verheißungsvoll begann, kam ganz anders. Dorothea Neukirchen hielt ihre letzte Lesung am 14. März, kurz bevor das kulturelle Leben vollständig zum Erliegen kam. Kultur, das ist für sie Seelennahrung. Dass diese offensichtlich nicht für systemrelevant gehalten wird, enttäuscht sie sehr.

Trotzdem: Kritisieren möchte sie das Vorgehen der Bundesregierung nicht. „Kritisieren ist leicht“, sagt die Autorin, doch möchte sie kein Politiker sein. Die richtige Entscheidung zu treffen, sei schwierig. Zum Glück ist sie finanziell abgesichert, muss sich nicht, anders als ihre jungen Kollegen, Sorgen um ihre Zukunft machen.

Video: Anette Bengelsdorf


Obwohl Neukirchen die offizielle Schwelle zum Rentenalter bereits überschritten hat – körperlich fit hält sie sich mit Gartenarbeit und Telegym – ist sie zwar nicht mehr als Filmemacherin, aber nach wie vor als Autorin aktiv. Nach anfänglicher Verunsicherung wusste sie die Zeit des Lockdowns kreativ für sich zu nutzen und bündelte alte und neue Kurzgeschichten unter dem Titel „Von Liebe und anderen Auswegen“. Das E-Book ist gerade erschienen, ab Dezember gibt es die Sammlung auch als Taschenbuch.

Ihr fehlt der lebendige Austausch mit Publikum und Freunden

Wie der Titel erahnen lässt, sind der jung gebliebenen Frau Beziehungen wichtig. Sie braucht das Treffen mit Menschen, ihr fehlt der lebendige Austausch mit Publikum und Freunden. Umso abenteuerlicher erlebte sie die ersten Zusammenkünfte mit ihrem Partner – die beiden leben in getrennten Wohnungen – als der Gesellschaft die ersten Kontaktbeschränkungen verordnet wurden. „Am Anfang haben wir uns auf halber Strecke im Wald getroffen und sind dann auf Abstand spazieren gegangen“, erzählt sie und kann heute darüber lachen. Inzwischen verhielten sie sich aber wieder normal. Wie sich ihre Beziehung gestalten würde, käme es zu einer verschärften Kontaktbeschränkung, will sie sich nicht vorstellen müssen. Ungelegte Eier sind nicht ihr Ding.

Corona ist nur ein müder Vorgeschmack auf das, was uns mit dem Klimawandel erwartet.“
Dorothea Neukirchen

Beim Kontakt mit ihrer Familie, die in England lebt, ist Neukirchen um keine Idee verlegen. Enkel und Großmutter spielen jetzt Querflöte und Klavier, nicht wie noch im Sommer gemeinsam in ihrer Wohnung, sondern mithilfe von Whatsapp zwischen London und Bodensee.

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Ob sie in der Krise auch eine Chance sieht? Grundsätzlich ja, sagt Dorothea Neukirchen. Enttäuscht ist sie aber, dass die Politik die Chance verschlafen hat, die nötige Subventionen an nachhaltige Voraussetzungen zu knüpfen. Sie ist überzeugt: „Corona ist nur ein müder Vorgeschmack auf das, was uns mit dem Klimawandel erwartet.“