Die Vereinten Nationen haben längst einen Namen gefunden, für das, was in den Wohnzimmern dieser Welt passiert, seitdem das Coronavirus grassiert: eine Schattenpandemie der Gewalt gegen Frauen. So hat auch die Polizei in Friedrichshafen über einen deutlichen Anstieg der häuslichen Gewalt und Sexualstraftaten in der Zeppelinstadt während der Pandemie informiert.

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Doch das, was in der Beratungsstelle des Vereins „Frauen helfen Frauen“ in der Scheffelstraße 54 besprochen wird, fließt häufiger in die Dunkelziffer statt in Statistiken. „Wir bieten Frauen hier einen Schutzraum“, erklärt Sozialpädagogin Gabriela Schenk, die zum 1. Juli die Leitung der Beratungsstelle übernommen hat, und dort gemeinsam mit der sozialen Beraterin Mara Klein Frauen in Notsituationen berät. Das heißt: Hier passiert nichts, was die Frau nicht ausdrücklich will – auch keine Kontaktaufnahme zur Polizei.

Gabriela Schenk ist 57 Jahre alt und die neue Leiterin der Beratungsstelle „Frauen helfen Frauen“ in der Scheffelstraße 54.
Gabriela Schenk ist 57 Jahre alt und die neue Leiterin der Beratungsstelle „Frauen helfen Frauen“ in der Scheffelstraße 54. | Bild: privat

Doch das wird manchmal schwierig, beispielsweise dann, wenn eine Frau Opfer einer Sexualstraftat oder von physischer Gewalt geworden ist. Dann geht es nämlich auch um die Sicherung von Spuren eines Verbrechens, um einen Täter möglicherweise zu einem späteren Zeitpunkt verurteilen zu können. „Wir arbeiten im Moment gemeinsam mit der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt und der Frauenbeauftragten des Landkreises an der anonymen Spurensicherung“, berichtet Schenk. Die Frauen sollen anonym in einem Krankenhaus von einem Mediziner untersucht werden können. „Viele stehen unter Schock“, sagt Schenk, „die brauchen erstmal Zeit und entscheiden sich erst viel später für eine Anzeige.“

Mara Klein ist soziale Beraterin bei „Frauen helfen Frauen“ und hilft Frauen in Not.
Mara Klein ist soziale Beraterin bei „Frauen helfen Frauen“ und hilft Frauen in Not. | Bild: Wienrich, Sabine

Erniedrigung und Stalking – das gibt es auch bei Besserverdienern

Denn eine Anzeige – möglicherweise gegen den eigenen Partner oder Ehemann – hat für Frauen, die physische oder auch psychische Gewalt erfahren, heftige Konsequenzen. „Die Wohnungsnot in Friedrichshafen ist ein großes Problem, die Frauen wissen, dass sie sich für sich und die Kinder keine Bleibe leisten können und durch eine Trennung in große Not geraten“, erläutert Mara Klein. Das betreffe nicht nur Frauen in unteren Einkommensschichten. „Gewalt gegen Frauen zieht sich durch alle gesellschaftlichen Schichten“, betont auch Sozialpädagogin Schenk, die zuvor die Sprachenschule der Volkshochschule geleitet hat.

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„Es ist ein Vorurteil, zu denken, dass Gewalt nicht in Besserverdiener-Familien passiert“, sagt Klein. Da wäre beispielsweise der erfolgreiche Geschäftsmann, der bei einer Dienstreise das Auto samt wichtiger Unterlagen, beispielsweise Ausweispapiere, in der Garage einschließt, damit die Frau nicht abhaut. Oder der vermeintlich nette Ingenieur, der seine Frau per GPS-Apps auf dem Handy stalkt und im Homeoffice jetzt alles kontrolliert, was die Frau tut.

Wenig Kontaktmöglichkeiten während der Lockdowns

Während der Lockdowns sei es beängstigend ruhig gewesen, erinnert sich Klein. Die Frauen hätten keine Kontaktmöglichkeiten gehabt, standen unter Beobachtung der Männer, seien durch Homeschooling und Homeoffice permanent eingebunden gewesen. Die, die später den Weg in die Scheffelstraße gefunden haben, hätten von sehr schwierigen Erfahrungen berichtet. „Wir rechnen mit einer enorm hohen Dunkelziffer“, bestätigt auch Schenk. Vieles werde vielleicht erst lange Zeit später ans Licht kommen.

Das ist „Frauen helfen Frauen“

Generell seien die Problemsituationen, in denen sich Frauen befänden, deutlich komplexer geworden, stellt Mara Klein fest. „Oft kommen die Frauen hierher und wissen noch gar nicht genau, was sie brauchen. Ist das eine Trennungsberatung? Brauchen Sie Adressen vom Frauenhaus, Kontakte zu Anwälten?“ Das herauszufiltern – und dann auf ein breit gefächertes Netzwerk zurückzugreifen, ist der Job der beiden Beraterinnen. Gabriela Schenk, die nun neu dabei ist, hat viele Pläne für die Zukunft. „Neben der anonymen Spurensicherung, wollen wir auch unsere Social-Media-Aktivitäten ausbauen“, sagt sie, „wir müssen unsere Themen, beispielsweise sexuelle Belästigung, deutlich breiter in der Öffentlichkeit platzieren – und enttabuisieren.

So veranstaltet der Verein zu seinem 40. Jubiläum neben einem Frauenkabarettabend am 18. September im Café Gessler (los geht es um 18 Uhr), im Oktober auch eine Wanderausstellung im Medienhaus in Friedrichshafen zum Thema 'Was ich anhatte' – am Tag der Vergewaltigung. Dort werden vom 2. bis 15. Oktober Kleidungsstücke von Frauen gezeigt, die sie am Tag des Übergriffs trugen. „Wir wollen zeigen: Frauen, die vergewaltigt oder belästigt oder geschlagen werden, sind nie selbst schuld. Sie sind Opfer einer männlichen Machtdemonstration“, sagt Schenk.