Bei Familie M. gibt es heute Reis. Reis mit Öl – so wie gestern schon. Familie M. hat drei Kinder, lebt in einer 75 Quadrameter großen Drei-Zimmer-Wohnung am Friedrichshafener Stadtrand und bekommt seit drei Jahren Hartz IV. Sowohl die Mini-Jobs der Eltern, als auch das gratis Schulessen fielen weg in der Corona-Krise. Jetzt ist Familie M. noch ärmer geworden.

Das kostenlose Schulessen für benachteiligte Kinder entfällt während der Schulschließungen in der Corona-Krise. Für viele Familien wird das zur Herausforderung.
Das kostenlose Schulessen für benachteiligte Kinder entfällt während der Schulschließungen in der Corona-Krise. Für viele Familien wird das zur Herausforderung. | Bild: Inga Kjer/photothek.net/BMZ via www.imago-images.de

„Wir verhungern nicht“, sagt Mutter Erika M., „aber ich kann auch oft nicht mehr richtig kochen.“ Vor Corona, da haben die drei Kinder mittags kostenlos in der Schule und dem Kindergarten gegessen – so wie 450 andere bedürftige Kinder in Friedrichshafen auch. Frau M. durfte sich aus der Restaurantküche, in der sie gejobbt hat, Reste mitnehmen. Jetzt muss sie von 350 Euro weniger im Monat vier Portionen mehr am Tag kochen. Den Corona-Kinderzuschlag von 185 Euro pro Kind, den benachteiligte Familien beantragen können, gibt es für die Ms. als Hartz-IV-Empfänger nicht.

Hier gibt es Hilfe

Es war absehbar: Das wird eine harte Zeit

„Diese Hilfen sind doch noch eine sehr theoretische Sache“, weiß auch Maren Dronia von der Kinderstiftung Bodensee, die sich um benachteiligte Kinder im Landkreis kümmert. „Die Formulare konnte während des Lockdowns nur jemand mit sehr guten Deutschkenntnissen ausfüllen“, sagt die Sozialarbeiterin, „außerdem dauert die Bearbeitung sehr lange.“ Die Kinderstiftung hatte daher gleich im März 250 Familienpakete geschnürt mit Spielen, Malstiften, Puzzles, die an Familien mit wenig Einkommen verteilt wurden. Schon damals war absehbar: Das wird eine harte Zeit – besonders für diejenigen, bei denen Geld ohnehin zu knapp und auch sonst nicht alles Friede-Freude-Eierkuchen ist.

Steffen Rooschüz ist Leiter der Merianschule, Geschäftsführender Schulleiter in Friedrichshafen und Vorsitzender des Betreuungsvereins.
Steffen Rooschüz ist Leiter der Merianschule, Geschäftsführender Schulleiter in Friedrichshafen und Vorsitzender des Betreuungsvereins. | Bild: Cuko, Katy

Neun Wochen nach dem Lockdown, bei dem auch alle Schulen und Kitas im Land geschlossen wurden, sind die Folgen bereits spürbar. „Es gab schon viel Not in den Familien, da hat sich einiges abgespielt, was jetzt erstmal aufgearbeitet werden muss“, sagt Steffen Rooschütz, geschäftsführender Schulleiter der Häfler Schulen und Leiter der Merianschule, einem Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrum (SBBZ). Seine Beobachtung deckt sich mit den Erzählungen von Familie M. aus Friedrichshafen: Die ohnehin bereits prekäre Situationen der Familien habe sich zugespitzt. Zudem verstärke sich die bereits herrschende Bildungsungerechtigkeit.

Homeschooling – eine Riesenherausforderung für Kinder, Eltern, Lehrer. Doch, was wenn Eltern nicht in der Lage sind, den Kindern Multiplizieren und Grammatik beizubringen?
Homeschooling – eine Riesenherausforderung für Kinder, Eltern, Lehrer. Doch, was wenn Eltern nicht in der Lage sind, den Kindern Multiplizieren und Grammatik beizubringen? | Bild: AFP

Seit Mitte Mai dürfen Kinder, die im Fernunterricht schwer erreichbar sind, zurück an die Schulen geholt werden. „Diesen Bedarf gibt es an allen Häfler Schulen – vom SBBZ bis zum Gymnasium – und quer durch alle sozialen Schichten und Milieus durch“, sagt Rooschütz. Jedoch stosse das System an seine Grenzen, denn der Bedarf ist höher als das Angebot. Der Hauptgrund: Viele Lehrer sind laut Selbstauskunft Risikogruppe, es fehlt also an Personal. Manchmal auch an Räumlichkeiten.

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Die Schere geht weiter auseinander

An der Merianschule sind alle Kinder wieder zurück – zumindest zwei Mal pro Woche. Bereits jetzt ist laut Rooschütz klar: „Die Schere geht deutlich auseinander – und zwar bei allen Kindern in allen Schularten.“ Bis wann die entstandenen Defizite wieder aufgeholt seien, wisse im Moment niemand so recht. „Uns war jetzt erstmal wichtig, alle Kinder wieder ins Haus zu holen, denn nur so sehen wir wirklich, was in den Familien los ist“, betont Rooschütz.

Es gibt keine aussagekräftigen Zahlen

Was in den Familien los ist – das bemerkten in den vergangenen Wochen vor allem engagierte Schulsozialarbeiter, manchmal auch Nachbarn, Freunde. Valide Zahlen über die von Experten prognostizierte steigende häusliche Gewalt gibt es für den Bodenseekreis laut Polizei noch nicht. Eine aussagekräftige Statistik könne erst zum Jahresende erstellt werden, so ein Polizeisprecher. Sozialarbeiter beobachten aber: Die Hilferufe nehmen zu – und zwar erst seitdem gelockert wird und nicht während des Lockdowns selbst.

18 Plätze umfasst das Frauenhaus im Bodenseekreis. Während der Corona-Krise musste die AWO noch zusätzliche Ferienwohnungen anmieten.
18 Plätze umfasst das Frauenhaus im Bodenseekreis. Während der Corona-Krise musste die AWO noch zusätzliche Ferienwohnungen anmieten. | Bild: Peter Steffen/dpa

Die Hilferufe nehmen rasant zu

„Erstmal konnten Frauen oder Kinder, die massiv Gewalt erleben, ja gar nicht ausbrechen während des Lockdowns“, erklärt die Leiterin des AWO-Frauen- und Kinderschutzhaus, deren Namen wir aus Sicherheitsgründen nicht nennen. „Die Hilferufe haben rasant zugenommen“, berichtet sie. Bereits im März habe das Frauenhaus zusätzliche Ferienwohnungen im Landkreis angemietet, die nun aber wieder für Urlauber zur Verfügung stehen müssen. In den letzten Wochen seien es vor allem engagierte Menschen aus dem Umfeld der Betroffenen gewesen, die Kontakt vermittelt hätten.

„Und plötzlich rutscht das T-Shirt hoch und man sieht den blauen Fleck“ – so entdecken Sozialarbeiter häufig, wenn ein Kind Gewalt erfährt.
„Und plötzlich rutscht das T-Shirt hoch und man sieht den blauen Fleck“ – so entdecken Sozialarbeiter häufig, wenn ein Kind Gewalt erfährt. | Bild: Maurizio Gambarini

Auch die Polizei habe einige Frauen, meistens mit mehreren Kindern, gebracht. Die Frauenhaus-Leiterin rechnet mit einer steigenden Tendenz: „Viele Familien waren abgetaucht und das, was dort passiert ist, wird erst jetzt, wo wieder Jugendämter, Familienhilfen und Schulsozialarbeiter vermehrt aktiv sind und die Kinder hoffentlich in Kitas und Schulen dürfen, verstärkt bemerkt.“

Annika Dohrendorf leitet die Psychologische Familien- und Lebensberatung der Caritas Bodensee-Oberschwaben.
Annika Dohrendorf leitet die Psychologische Familien- und Lebensberatung der Caritas Bodensee-Oberschwaben. | Bild: Archiv

Dass sich die eigentlichen Folgen des Lockdowns in Bezug auf Familien erst so richtig in den kommenden Wochen zeigen werden, glaubt auch Annika Dohrendorf, Leiterin der Psychologische Familien- und Lebensberatung der Caritas Bodensee-Oberschwaben. „Im Moment versuchen viele, einfach nur noch zu funktionieren – wenn sie es denn überhaupt noch können“, sagt sie.

Der Druck steigt durch Homeschooling

Ihre Beobachtung: In nahezu allen Familien herrschte in den vergangenen Wochen ein hoher Druck, zunächst unabhängig vom sozialen Milieu. Besonders das Homeschooling habe für große Überforderung gesorgt, Familien fühlten sich allein gelassen.

Die Caritas hat ein Corona-Krisentelefon eingerichtet. Nun finden die Beratungsgespräche aber wieder verstärkt im Präsenzbetrieb statt.
Die Caritas hat ein Corona-Krisentelefon eingerichtet. Nun finden die Beratungsgespräche aber wieder verstärkt im Präsenzbetrieb statt. | Bild: Christin Klose

„Bei einigen Familien hatten wir schon besonders Bauchweh“, sagt sie, „wir haben auch dafür gesorgt, dass einige Kinder Notbetreuung bekommen, aber das ging nur für die uns bereits bekannten Familien.“ Zwar sei besonders die Schulsozialarbeit aktiv gewesen, aber die eingeschränkten Kontaktmöglichkeiten machten vieles unsichtbar, was sonst sichtbar wird. „Die Schwelle, sich Hilfe zu suchen, ist für viele Familien, besonders aus prekären Verhältnissen, sehr hoch“, weiß Dohrendorf.

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Notkonzepte für den nächsten Lockdown

Deshalb fordert sie – wie viele Beteiligte aus dem sozialen Bereich – Notkonzepte für einen möglichen neuen Lockdown. „Es muss auch in so einer Situation Lernorte für benachteiligte Kinder geben, der digitale Fernunterricht muss massiv ausgebaut werden, wir brauchen Möglichkeiten der sozialen Kontrolle“, sagt sie. Schulleiter Rooschütz sieht das ähnlich: „Schule und Kita haben keine Lobby, das hat sich in dieser Krise sehr deutlich gezeigt. Das Wohl aller Kinder muss stärker im Vordergrund stehen.“ Familie M. aus Friedrichshafen wünscht sich zwei Dinge: Erwerbsarbeit und ein bisschen Normalität durch den Schul- und Kitaalltag. In Aussicht haben sie nichts von beidem, denn die Notbetreuungsplätze an ihrer Kita sind bereits durch Kinder von berufstätigen Eltern belegt und die Schule ihrer Kinder konnte bisher auch kein Angebot machen.

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