Die Grüne Dorothea Wehinger war im baden-württembergischen Landtag lange Sprecherin für Frauen. Ein Moment hat sich ihr besonders eingebrannt, sagt sie. Das Ende einer Veranstaltung mit mehreren Hundert Gästen. „Wir haben gesagt, dass alle Frauen, die schon von Gewalt betroffen waren, aufstehen sollen. Es sind vielleicht zehn sitzen geblieben. Gewalt gegen Frauen ist viel alltäglicher, als man gemeinhin denkt. Davon bin ich überzeugt.“

Alltäglich heißt auch, dass die meisten Fälle nicht erzählt werden. Aus Scham. Und aus Angst, kein Gehör zu finden, der Lüge bezichtigt zu werden.

Zum 25. November, dem Tag gegen Gewalt an Frauen, wollen wir alltäglicher Gewalt gegen Frauen Gehör geben. Wir haben 13 Frauen aus der Region gefragt: Haben sie in ihrem persönlichen Leben Gewalt erlebt, weil sie weiblich sind? Die Protokolle der 13 sollen ein Schlaglicht auf den Status quo werfen. Entstanden ist ein Bild, das aufrüttelt. Einige der Frauen leben mit Erfahrungen von Missbrauch, Hass, häuslicher Gewalt. Doch auch Worte und Blicke können eine Gewalterfahrung sein. Wie sich das anfühlt, auch darüber sprechen die 13 offen.

Für einige der Fälle liegen dem SÜDKURIER Dokumente vor: Ärztliche Untersuchungen, polizeiliche Vernehmungen, Gerichtsprozesse oder Chatverläufe. Die Möglichkeit, Erlebnisse nachzuweisen, endet auch für uns dort, wo die alltägliche Gewalt gegen Frauen beginnt: bei lüsternen Sprüchen, unangenehmen Blicken, Gesten und Berührungen. Wir haben uns dennoch entschlossen, darüber zu berichten, denn diese Erfahrungen stehen stellvertretend für das, was viele Frauen, Freundinnen, Töchter, Ehepartnerinnen und Mütter in ihrem Alltag erleben.

„WIR schränken uns ein. Nicht die Täter.“

Elena Holzbauer, 18 Jahre, Schülerin aus Ravensburg: „Ich habe nie die allerkrasseste Form von sexueller Gewalt erlebt. Es ist eher ein konstantes Erleben von Alltagsgewalt, ein Grundrauschen. Mit zwölf ging es los, als mir deutlich ältere Männer hinterherriefen, „wie geil“ ich sei. Mit 14 fasste mir ein Fremder auf der Fasnet zwischen die Beine, und ich weiß noch heute, wie dreckig ich mich fühlte, abgestoßen von meinem eigenen Körper. Obwohl er doch etwas Ekliges getan hatte, nicht ich.

Elena Holzbauer.
Elena Holzbauer. | Bild: Eva Marie Stegmann

Wenn ich am Abend zur Bushaltestelle laufe, nehme ich mir einen Riesenpulli mit und eine Mütze, damit man mich nicht als Frau erkennt. Diesen Sommer war ich im Klimacamp und übernachtete mit einer Freundin im Zelt. Plötzlich weckte sie mich. Da lag ein fremder Mann und hat mich von hinten überall berührt. Er ging erst, als wir andere Männer zur Hilfe geholt haben. Ich habe die ganze Nacht gezittert und lag wach. Angezeigt habe ich ihn nicht, ich war unter Schock und einfach froh, dass er weg war. Als Mädchen oder Frau lernst du, aufzupassen, von klein an. Gewisse Straßen zu meiden, nicht alleine unterwegs zu sein. Wir schränken uns ein. Nicht die Täter.“

„Die Erlebnisse haben sich eingebrannt, bis heute“

Ann-Veruschka Jurisch, 49 Jahre, FDP-Bundestagsabgeordnete aus Konstanz: „Vor allem Scham ist geblieben von Übergriffen, die ich erlebt habe. Ich verstehe es selbst nicht – müsste ich nicht Wut empfinden, zumindest Ärger? Stattdessen beschloss ich nach einem gewaltsamen Übergriff in der Disco mit 19, niemandem etwas zu erzählen. Ich hatte mich mit Mühe und Not retten können. Doch ich fühlte mich ohnmächtig und hatte das Gefühl, schuldig zu sein. Obwohl ich die war, die gegen ihren Willen bedrängt wurde.

Ann-Veruschka Jurisch.
Ann-Veruschka Jurisch. | Bild: Eva Marie Stegmann

Im Beruf hatte ich Glück – ich wurde gefördert, und zwar vor allem durch Männer. Das möchte ich gerne betonen. Doch auch da gab es Erlebnisse: Einmal fasste mir ein Berufskollege am Mittagsbuffet an den Po, einfach so, mitten in der Unterhaltung. Ich war perplex, habe versucht, das zu überspielen. Auch später habe ich es nicht angesprochen. Und da war sie wieder, die Scham, das Gefühl, schuld zu sein. Im Vergleich zu der anderen Sache war das… ja, wenig. Aber: Bei einem Mann hätte er das nicht getan. Es wäre völlig inadäquat. Warum ist es bei einer Frau offenbar adäquat? Es ist nicht okay. Mir ist es wichtig, dass sich Männer bewusst werden, was ihr Handeln anrichten kann. Das sind Erlebnisse, die sich einbrennen. Sie haben mich bis heute nicht losgelassen.“

„Es ist die Ausnahme, nicht begrapscht zu werden“

Julia Becker, 30 Jahre, Video-Journalistin aus Donaueschingen: „Es ist die Ausnahme, wenn ich oder meine Freundinnen im Club nicht begrapscht werden. Es ist eng, Leute zwängen sich aneinander vorbei, und manche Männer sehen das als Einladung. Wo gehe ich lang, wie vermeide ich das? Mit diesen Gedanken bahne ich mir den Weg. Ich glaube, dass vielen Männern gar nicht bewusst ist, was dieses ungefragte Anfassen mit einem macht. Das sind kleine Momente, in denen dir jemand die Hoheit über den eigenen Körper nimmt.

Julia Becker.
Julia Becker. | Bild: Eva Marie Stegmann

Auf der Tanzfläche kommen Männer und reiben sich dann an einem. Wenn sie sich von hinten nähern, bekommt man das nicht mit. Meine Freundinnen und ich haben da Signale über die Augen. Je nach Blick, den wir uns zuwerfen, ist klar, ob die anderen sofort eingreifen müssen. Klar konfrontiere ich die Männer auch selbst, und manchmal haben wir Türsteher zur Hilfe geholt. Ob ich alleine in einen Club gehen würde? Nein, ich bin weniger alleine unterwegs. Das liegt sicherlich auch an der Erfahrung, dass mich dann bestimmte Männer anmachen und dass das schnell eskalieren kann. Das sind Situationen, die ich nicht unbedingt suche.“

„Da geht es ausschließlich um Aggression gegen Frauen“

Anette Klaas, 56 Jahre, Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Waldshut: „Eine Frau, die gegen Sexismus kämpft, eckt an. Als Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises musste ich das oft selbst erleben. Ich nenne mich manchmal selbst die Alice Schwarzer des Landkreises Waldshut – ich habe ein dickes Fell. Doch auch mich treffen sexistische Kommentare. Als ich Sprecherin der Landesarbeitsgemeinschaft der Kommunalen Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten in Baden-Württemberg war und sexistische Werbung anprangerte, erlebte ich 2019 einen Shitstorm. Anonyme Kommentatoren hetzten gegen mich. Gegen mich als Frau mit Worten, die ich nicht wiederholen will.

Anette Klaas.
Anette Klaas. | Bild: Anette Klaas

Das Schlimme ist, dass Sachargumente oder Erklärungen gar nichts bringen, da geht es ausschließlich um Aggression gegen Frauen. Klar gibt es auch Shitstorms gegen Männer, doch die sind viel weniger sexistisch. Ich kenne andere Frauen, die deshalb ihr Engagement hingeworfen haben und verstummen. Genau das wollen die Hetzer aber. Diese online verbreitete Gewalt gegen Frauen, angefangen bei Pornographie, beim Bloßstellen und Beleidigen von Frauen, Shitstorms gegen Politikerinnen oder Sportlerinnen, nimmt zu. Und die Täter sind anonym, sind digital maskiert. Es ist ein rechtsfreier Raum entstanden, der viel stärker kontrolliert werden muss.“

„Und immer sagte er, ich hätte ihn provoziert“

Christine Finke, 55 Jahre, Bloggerin und Stadträtin aus Konstanz: „Der gefährlichste Raum für eine Frau ist das eigene Zuhause, aber das wusste ich nicht. Vor zwölf Jahren trennte ich mich von einem Mann. Es war am 16. Dezember um 21.30 Uhr. Er rastete völlig aus. Er verprügelte mich schwer, schlug meinen Kopf gegen die Wand, zog mich an den Haaren und würgte mich. Am Ende lag ich mit dem Messer am Hals auf der Küchenspüle. Ich spreche offen darüber, weil ich andere Frauen sensibilisieren will. Es gab Warnzeichen. Die erste Ohrfeige, einen massiven Schrank, den er vor Wut umwarf.

Christine Finke.
Christine Finke. | Bild: Eva Marie Stegmann

Und immer sagte er, ich hätte ihn provoziert – oder sei zu sensibel. Heute weiß ich, wenn das einer sagt: Nimm die Beine in die Hand und renn! Bereits am nächsten Tag bin ich zur Gewaltberatungsstelle in Konstanz. Das war gut. Beim Vertrauensarzt wurden alle Verletzungen dokumentiert. Auch die Polizei half mir sehr. Ich wollte ihn nicht anzeigen, und sie machten eine Gefährderansprache: ‚Noch einmal, und wir nehmen Sie mit.‘ Ich bekam die Handynummer der Streife: Wir sind in zwei Minuten da, und das weiß er auch. Das Problem war, dass er nicht ausgezogen ist. Und ich durfte nicht gehen mit den Kindern, weil das im Sorgerechtsverfahren gegen mich hätte ausgelegt werden können. Die Gesetze sind dahingehend scheiße. Das hat mir die Augen geöffnet, feministisch. Das Erlebnis prägte mich. Ich bin nachts aufgewacht und hatte Panikattacken. Ob man das mitnimmt in neue Beziehungen? Ich hatte seither keine. Aber jedes Jahr am 16. Dezember um 21.30 Uhr feiere ich, dass ich das überlebt habe.“

„Mittlerweile entgegne ich Hasskommentaren mit viel Liebe“

Doreen Aldugan, 27 Jahre, Influencerin aus Friedrichshafen: „Ich habe mit einem Kinderwunschprofil angefangen bei Instagram – nun habe ich mein drittes Kind. Hass im Netz gegen Mütter – oh ja, davon weiß ich einiges als Mutter, die ihre Kinder auf Instagram zeigt. Der krasseste Moment war, als ich mit unserem Sohn Ilay in der Klinik und sowieso schon nervlich am Ende war. Da kamen teilweise so unverschämt kranke Nachrichten, dass ich mich fragte: „Wenn du doch merkst, dass es einer Person nicht gut geht, warum stocherst du extra auf ihr herum?“

Doreen Aldugan ist Mutter von 3 Kindern und als @nocheinwunder auf Instagram im Mikroinfluencer-Bereich.
Doreen Aldugan ist Mutter von 3 Kindern und als @nocheinwunder auf Instagram im Mikroinfluencer-Bereich. | Bild: Eva Marie Stegmann

Mittlerweile entgegne ich den Hasskommentatoren mit viel Liebe, ich gebe ihnen nicht, was sie wollen. Ich wurde in der Schule extrem gemobbt, deshalb ist mein Fell sehr dick. Auf Instagram bin ich gerne und teile mein Leben, ich habe dort tolle Freundschaften geschlossen – und das lasse ich mir von anonymen armen Trollen nicht nehmen. Schade finde ich, dass Mütter im Netz einerseits oft Zielscheibe von Hass sind, sich andererseits gegenseitig so streng beurteilen – statt sich zu unterstützen.“

„Ich fand immer mehr Frauen, die auch überlebt haben“

Lara Mancarella, 33 Jahre, Fotografin, St. Gallen: „Ich war damals 16 Jahre alt. Ich hatte mit meinem Freund eine Verabredung. Er war damals 24 Jahre alt. Ich kannte ihn erst seit einem Monat, aber wir hatten uns schon oft getroffen, da er in einer Pizzeria gegenüber von unserem Haus arbeitete. An diesem Tag wollte er mir seine Wohnung über der Pizzeria zeigen, nachdem wir zusammen unterwegs waren.

Lara Mancarella.
Lara Mancarella. | Bild: Lara Mancarella

Als wir in seiner Wohnung waren, begannen wir uns zu küssen. Danach fragte er mich, ob ich mit ihm schlafen wolle. Da ich noch Jungfrau war, zögerte ich ein wenig und sagte danach ja. Als wir uns weiter küssten und näher kamen, wurde es mir durch seine Aussagen unangenehm. Ich sagte ihm, dass ich das doch nicht tun möchte. In diesem Moment packte er mich an meinen Handgelenken. Er drückte mich aufs Bett. Er vergewaltigte mich. Ich hatte solche Angst. Zwei Jahre lang behielt ich es für mich, ich gab mir selbst die Schuld. Nachdem ich begonnen hatte, davon zu erzählen, merkte ich, dass ich nicht alleine bin – mich hat das sehr gestärkt, und vor allem wurde mir klar: Ich trage keine Schuld. Ich habe immer mehr Frauen gefunden, die eine ähnliche Erfahrung gemacht haben. Die auch überlebt haben. Denn wir sind keine Opfer. Wir sind Überlebende.“

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„Für mich ist Sexismus oft mit Rassismus verbunden“

Linda Addae, 29 Jahre, Kulturwissenschaftlerin aus Rielasingen-Worblingen: Manche Erlebnisse machen erst im Nachhinein Sinn. Als ich jünger war, war das Internet und Chatten ganz neu. Als Teenie wurde man von deutlich älteren Männern Intimes gefragt oder um Bilder gebeten. In dem Alter denkt man sich nicht viel dabei, ist vielleicht sogar froh über die Aufmerksamkeit. Das Phänomen, dass sich deutlich ältere Männer an Minderjährige heranmachen, nennt sich Grooming. Also, dass sie sich das Vertrauen erschleichen, sehr nett sind – und sie später missbrauchen. Dass sich Erwachsene an minderjährige Mädchen heranmachen, bekomme ich auch heute mit. Das ist eine große Gefahr und ich würde mir wünschen, dass Kinder und Jugendliche schon in der Schule lernen, wie sie sich schützen können.

Linda Addae.
Linda Addae. | Bild: Eva Marie Stegmann

Für mich als Schwarze Person ist Sexismus oft mit Rassismus verbunden. Wenn man angesprochen und als etwas Besonderes, Exotisches dargestellt wird, da fühlt man sich wie Kolonialware. Daher wünsche ich mir, dass jede Aufklärung die Schnittpunkte zwischen rassistischer und sexualisierter Gewalt genauer in den Blick nimmt. Bisher wird der #metoo Diskurs vor allem von weißen Feministinnen geführt, sodass die Stimmen von Schwarzen Frauen, Hijabis und Women of Color noch nicht ausreichend gehört werden. Diese Gruppierungen erleben unterschiedliche Formen von rassistisch motiviertem Sexismus, den weiße Frauen nicht erleben. Zudem sind nicht nur Frauen von sexualisierter Gewalt betroffen, sondern auch andere Geschlechtsidentitäten.“

„Aber es ist nicht immer alles nett“

Ute Seifried, 53 Jahre, Bürgermeisterin in Singen: „In meinem Amt war ich nie sexuellen Anzüglichkeiten ausgesetzt. Privat leider schon, das liegt länger zurück. Wir leben in einer Welt, die für Männer gemacht ist, aber es weicht immer mehr auf. In der Politik sind wir zahlenmäßig noch unterrepräsentiert. Ich kann Frauen nur ermutigen, für ein politisches Amt zu kandidieren. Und dort an Themen wie sexueller Belästigung, Sexismus, einer Verbesserung der Gesetze für Opfer, einer Sichtbarmachung von Alltagsgewalt zu arbeiten. Je mehr Frauen, desto besser.

Ute Seifried.
Ute Seifried. | Bild: Kirsten Astor

Ich war die zweite Bürgermeisterin im Landkreis und mit meinen Bürgermeisterkollegen habe ich sehr positive Erfahrungen gemacht. Sie sagen, wenn wir dabei seien, sei es anders, sei es schön – das verändert auch Männerbünde. Das eine sind sexuelle Anzüglichkeiten, das andere sind Sprüche, die meine Kompetenz in Frage stellen sollen. Deshalb wäre mein Rat an Frauen, die in die Politik wollen, auch: Überlegt euch im Vorfeld, wie ihr auf Beleidigungen und Anzüglichkeiten reagieren wollt.“

„Und dann war ich anderer Meinung...“

Derya Yildirim, 41 Jahre, SPD-Stadträtin in Radolfzell: „Ich wurde schon gefragt, wie das mein Mann eigentlich findet, dass ich als Frau mit türkischen Wurzeln im Stadtrat bin. Wie soll er das denn finden? Er kann stolz sein. Mein Vater war schon im Stadtrat und nun bin ich es. Als Politikerin habe ich Dinge erlebt, die mir unangenehm waren. Gleich in meinen ersten Tagen als Stadträtin. Ich war bei einer Diskussion anderer Meinung, da sagte ein älterer Herr zu mir: ‚Wir entscheiden hier nicht nach Schönheit.‘ Migrationshintergrund und noch eine Frau und eine andere Meinung, das konnte er offenbar nicht akzeptieren.

Derya Yildirim.
Derya Yildirim. | Bild: Eva Marie Stegmann

Wir wollen, dass mehr junge Frauen in die Politik gehen. Ich finde, dann sollten wir als Gesellschaft auch die Strukturen dafür schaffen, dass sie sich wohl fühlen und nicht damit rechnen müssen, bei der politischen Arbeit auf ihr Frau-Sein reduziert zu werden. Frauen zu unterstützen, das war immer mein Thema. Deshalb engagiere ich mich im Frauennetzwerk Radolfzell.“

„Er konnte bis zur Rente weiterpraktizieren!“

Julika Funk, 56 Jahre, Gleichstellungsbeauftragte Stadt Konstanz: „Auch ich habe Gewalterfahrungen gemacht. Mehrere sogar, und fast alle Frauen, mit denen ich darüber gesprochen habe, sagen das auch. Tatsächlich erlebe ich sexualisierte Gewalt als Teil des Frau-Seins in unserer Gesellschaft. Ein Beispiel: Mit Anfang 20 ging ich aufgrund einer Blasenentzündung zu einem Urologen, der eine sehr schmerzhalte Untersuchung vornahm, die angeblich nötig war. Ich lag vor ihm wie auf dem gynäkologischen Stuhl, paralysiert, er stand vor mir. Er war sichtlich erregt. Sein Gesicht war gerötet. Ich fühlte mich ausgeliefert, die Situation war schlimm, sie brannte sich ein.

Julika Funk.
Julika Funk. | Bild: Eva Marie Stegmann

Zu ihm ging ich nie mehr, aber auf die Idee, jemandem etwas zu sagen, kam ich damals nicht. Es dauerte, doch je mehr ich mich mit dem Thema befasste, um so deutlicher begriff ich: Das war sexualisierte Gewalt, das war ein Übergriff! Viele Jahre später erzählte ich eher nebenbei der örtlichen Frauenbeauftragten davon. Es stellte sich heraus, dass es über diesen Mann noch mehr Beschwerden gegeben hatte. Das wurde aber nur inoffiziell unter den Frauen ausgetauscht, er konnte bis zum Ende weiter praktizieren. In den allermeisten Fällen ist so ein Erlebnis kein Einzelfall. Ich kann Frauen nur raten: Beschwert euch, meldet Vorfälle! Nur dann können wir wirksam dagegen angehen und diese Sorte von Normalität austrocknen. Und nur so kommen wir Frauen aus der Opferrolle wieder heraus.“

„Er überschritt meine persönlichen Grenzen für Schmerz“

Jenna Santini, 37 Jahre, Redakteurin in Überlingen: „Aufstehen und gehen, wenn einem jemand weh tut. Eigentlich dachte ich, ich hätte das verinnerlicht, nachdem eine Masseurin so heftig an meiner Wirbelsäule gearbeitet hatte, dass ich mich im Auto mehrere Tage lang nicht mehr anlehnen konnte, ohne Schmerzen zu haben. Oder ein Physiotherapeut so fest auf Verspannungen in meinem Kreuzbereich eingewirkt hatte, dass blaue Flecken entstanden waren. Doch vor einigen Jahren passierte es mir wieder: Ein anderer Mensch überschritt meine persönlichen Grenzen für Schmerz. Ich musste eine Untersuchung bei einem Gynäkologen abbrechen. Allerdings stand ich daraufhin nicht sofort auf und ging, sondern ließ mir Mutmaßungen hinsichtlich meines Empfindens gefallen. Vielleicht bin ich sensibler als andere Kunden beziehungsweise Patienten, aber gibt dies jemand anderem das Recht, trotzdem nicht von ihren oder seinen Ideen und Argumenten abzurücken? Nein.

Jenna Santini.
Jenna Santini. | Bild: Santini, Jenna

Schmerz kann gut sein, wenn er Dinge im Körper löst und mit der richtigen Atmung verarbeitet wird. Aber so etwas sollte immer im gegenseitigen Einverständnis und Respekt zueinander passieren. Das ist meine Meinung. Doch werde ich diesen Respekt zukünftig immer für mich einfordern? Ich arbeite daran. Gerade Mädchen und Frauen wird oft vermittelt, mit jedem gut zurechtkommen zu müssen. Das macht es Menschen, die bewusst Grenzen überschreiten wollen, leicht.“

„Ich hätte mir gewünscht, dass Menschen ihren Mund aufmachen“

Karin Becker, 53 Jahre, Intendantin Theater Konstanz: „Es gibt viele Formen der Gewalt gegen Frauen, körperlich und verbal. Auch von Müttern gegen ihre Kinder, gegen ihre Töchter. Ich hätte mir gewünscht, dass Nachbar:innen, Lehrer:innen, Menschen richtig hinhören, ihren Mund aufmachen. Dass sie Verantwortung übernehmen.

Karin Becker.
Karin Becker. | Bild: Theater Konstanz

Verbale Gewalt gegen Frauen ist leider auch zu vielen Frauen bekannt. Ein Intendant hat einmal zu mir gesagt: „Du bist ja keine richtige Frau!“ Was soll das denn heißen? Alle standen nur herum und haben gelacht. Was soll das denn? Heute kann ich aufstehen und sagen: Ich bin ich, komm damit klar, du Chauvi.“