Ihren Start als Neu-Häfler haben sich Stefanie Löffler und Rebecca Stucki irgendwie anders vorgestellt. Beide Frauen sind mit Mann und Kind um den Jahreswechsel nach Efrizweiler ins Neubaugebiet „Im Winkel“ gezogen. Eine der ersten Amtshandlungen der Familien in der neuen Heimat war die Anmeldung bei „Little Bird“, dem Kita-Portal der Stadt. Ihr Wunsch: Je einen Kitaplatz für Stefanie Löfflers Sohn und Rebecca Stuckis Tochter, wenn die beiden Knirpse im September und Dezember dieses Jahres zwei Jahre alt werden.

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Doch daraus wird nichts. „Wir haben über das Portal Absagen bekommen und ein Angebot erst für September oder Oktober im nächsten Jahr. Dann sind sie schon fast drei“, sagt Stefanie Löffler, die aus gesundheitlichen Gründen dringend einen Halbtagsplatz für ihr Kind braucht. Und so lange wollte Rebecca Stucki, die aus der Schweiz zugezogen ist, nicht warten, bis sie beruflich wieder durchstarten kann. „Um mich bewerben zu können, brauche ich einen Betreuungsplatz„, erklärt sie ihr Dilemma. Den kriege sie aber frühestens dann, wenn sie einen Job vorweisen könne, so die Auskunft der Kitaleiterin in Kluftern, wo Rebecca Stucki schon im November nachgefragt hatte. Beide Frauen sind inzwischen bereit, selbst ans andere Ende der Stadt zu fahren, wenn dort ein Platz frei wäre.

Mündliche Zusage revidiert

Dabei sah es nach dem Jahreswechsel so aus, als ob sie tatsächlich zwei freie Plätze in ihrer Wunsch-Kita gefunden hätten: Vom Kindergarten um die Ecke in Efrizweiler hatten beide Mütter für Januar 2021 mündlich bereits eine Zusage. Am 18. Februar durften sie sich den Kindergarten anschauen. Doch dann musste die Leiterin, die sich sehr bemüht habe, einen Rückzieher machen, erzählen sie. Die Plätze würden für über Dreijährige gebraucht. „Wir stehen mit leeren Händen da“, sagt Stefanie Löffler. „Und dann heißt es auch noch, wir sollten froh sein. Andere Eltern müssten noch länger warten.“

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Wie passt das zum Rechtsanspruch für Eltern auf einen Betreuungsplatz, der seit 2013 gesetzlich verbrieft ist? „Aktuell können wir die nachgewiesen dringenden Bedarfe versorgen“, antwortet die städtische Pressestelle auf Anfrage. Nur steht im Gesetz nicht, dass ein Bedarf nachgewiesen werden muss, sondern: „Ein Kind, das das erste Lebensjahr vollendet hat, hat bis zur Vollendung des dritten Lebensjahres Anspruch auf frühkindliche Förderung in einer Tageseinrichtung oder in Kindertagespflege.“ Auf Nachfrage erklärt das Rathaus, dass es in Friedrichshafen bereits einen Fall gibt, in dem das Elternpaar diesen Rechtsanspruch einklagt.

Stadt räumt Engpässe gerade bei der U3-Betreuung ein

Fakt ist, dass Familie Löffler und Stucki nicht die einzigen sind, für deren Kinder es ab September keinen Betreuungsplatz gibt, nicht einmal halbtags. Das räumt die Stadt auch ein. Gerade bei der U3-Betreuung komme es „zu Engpässen“. Für wieviele kleine Häfler selbst im Kindergartenalter kein Platz da ist, weist der neue Kitabedarfsplan, den der Gemeinderat am Freitag beschließen soll, genau aus. Da Eltern auf dem Kita-Portal ihren Bedarf anmelden müssen, liegen exakte Zahlen vor.

Was die Zahlen im Kita-Bedarfsplan sagen

Demnach fehlen mit Beginn des neuen Kindergartenjahres im September 47 Plätze für unter Dreijährige und sogar 91 Plätze für über Dreijährige. Und das, obwohl alle Gruppen in den 44 Kitas der Stadt maximal belegt werden sollen. Bei einer Regelgruppenstärke würden sogar 234 Plätze fehlen. Zwar kommen voraussichtlich im Oktober mit der Eröffnung der neuen Kita Rheinstraße noch einmal 20 Krippen- und 70 Kindergartenplätze dazu. Aber laut der heute vorliegenden Zahlen kann der Betreuungswunsch für elf Kinder unter drei Jahren nicht erfüllt werden – auch bei Tagesmüttern nicht.

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Warum kommt es trotz frühzeitiger Anmeldung der Eltern über „Little Bird“ dazu, dass der Bedarf trotz des Rechtsanspruchs nicht gedeckt werden kann? Der steige eben stetig, stellt das Rathaus nüchtern fest. Im Kita-Bedarfsplan werden die Gründe dafür genannt: Wohnraum in Friedrichshafen ist „extrem nachgefragt“. Mit 250 neuen Wohnungen pro Jahr rechnet die Stadt. Da ziehen Familien zu, die noch mehr auf ein passendes Angebot angewiesen sind, „da eine Betreuung der Kinder durch Familienangehörige oft gar nicht möglich ist“. Genau in diesem Dilemma stecken die Familien Löffler und Stucki. Dazu komme die „stark steigende Nachfrage an U3-Betreuung“. Laut Aussage von Stefan Dunkenberger, der im Rathaus für die Kitas zuständig ist, werden sämtliche Einrichtungen im Juli dieses Jahres voll belegt sein.

Drei Kitas wieder zurückgestellt

Dabei hat die Stadt seit 2017 in sieben Kitas knapp 110 zusätzliche Betreuungsplätze geschaffen. Im nächsten Kindergartenjahr kommen knapp 140 dazu. Mit anderen Worten: Die Stadt kommt nicht hinterher, genügend Plätze zu schaffen – von einem der Nachfrage angepassten Angebot an Ganztagsplätzen ganz zu schweigen. Künftig muss beim Bau von Wohnungen im selben Quartier auch die Kinderbetreuung mitgedacht werden – so wie im Fallenbrunnen, wo Ende 2021 ein neuer Kindergarten eröffnet wird. Dafür stehen drei Kitas, deren Bau schon lange geplant ist, wieder hintenan: das Kinderhaus Habakuk, die Kita im Karl-Olga-Park und die Erweiterung der Kita im Riedlewald.

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