Sehnsüchtig schaut Leon über den Zaun der Kita am Klinikum. Er würde am liebsten in der Korbschaukel sitzen oder auf der Lokomotive herumklettern. Bis Mitte März war der Dreijährige hier fast jeden Tag draußen im Garten. Warum er schon so lange nicht mehr seine Kindergartenfreunde treffen und mit ihnen spielen darf, versteht er nicht.

Auch seine Mama nicht. „Wie lange bleiben die Kitas noch geschlossen?“, fragt Nicole Dathe. Sie hat beide Kinder mit zum Gespräch gebracht. Tochter Lisa kneift ihr in die Wange, um auf sich aufmerksam zu machen. Die Einjährige hatte sich bis zum Lockdown gerade in der Krippe der evangelischen Tagesstätte eingelebt.

Entlastung für Eltern

Sie fühle sich wie Millionen betroffener Familien mit kleinen Kindern allein gelassen oder sogar ignoriert von den Politikern, sagt Nicole Dathe. Kinder brauchen andere Kinder, ist sie überzeugt, um sich gesund und sozial zu entwickeln. Dass Eltern außerdem nicht wochenlang im Homeoffice arbeiten und gleichzeitig ihre Sprösslinge adäquat betreuen können, liege ja wohl auf der Hand. Dazu Kontaktverbote selbst zu den Großeltern und wochenlang geschlossene Spielplätze: „Familien und vor allem die Kinder wurden bisher nicht oder nur unzureichend beachtet.“

Halbe Öffnung Mitte Mai zu spät

Nicole Dathe und ihre Mitstreiterin Laura Straub, deren Sohn Nino Vorschulkind ist, wünschen sich, dass die Kitas umgehend wieder öffnen, nicht erst nach und nach ab Mitte Mai, wie es die Länderchefs gestern mit Bundeskanzlerin Angela Merkel vereinbart haben. Mit dieser Forderung haben sich beide Frauen Ende April jeweils mit einem offenen Brief an die Landesregierung, den Ministerpräsidenten oder die Fraktionschefs im Land- und Kreistag vor Ort gewandt, aber auch bei Bundesfamilienministerin und Familienverbände um Unterstützung gebeten.

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Sie sehen sich unterstützt von einer Online-Petition von Initiator Alexander Kruse aus Renningen, für die sich inzwischen rund 6000 Baden-Württemberger stark gemacht haben. Die Forderung: Alle Kitas sowie Bildungseinrichtungen sollen jetzt schrittweise wieder öffnen. Außerdem soll die Politik einen konkreten Plan vorlegen, wie eine kindgerechte Gesellschaft in Deutschland mit Corona aussehen kann – auch für die Zeit, bevor es einen Impfstoff gibt.

Junge Frauen fühlen sich hingehalten

Argumente dafür findet Nicole Dathe zuhauf. Die junge Mutter hat sich intensiv mit dem Thema, den vorliegenden Daten und Erfahrungen auch in anderen (Bundes-)Ländern beschäftigt und redet sich engagiert in Rage. „Es geht hier um Grundrechte für Kinder“, sagt sie. Alle Maßnahmen müssten unter dem Maßstab der Verhältnismäßigkeit und der Angemessenheit stehen. Und sie müssten ausführlich und nachvollziehbar, auf Fakten basierend begründet werden. „Dies ist aktuell in Baden-Württemberg und Deutschland nicht der Fall“, sagt sie. Die junge Frau fühlt sich hingehalten. „Anfangs hieß es, das oberste Ziel ist, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Das ist längst erreicht“, sagt Nicole Dathe. Seit mindestens zwei Wochen sei unklar, welche konkreten Kriterien oder Werte nun als Bemessungsgrundlage gelten.

112 von 2700 Kindern notbetreut

Ende April teilte das Sozialministerium in Stuttgart mit, dass die Jugend- und Familienministerkonferenz der Länder beschlossen habe, „einen behutsamen Wiedereinstieg in die Kindertagesbetreuung in vier Phasen zu ermöglichen“. Der nächste Schritt ist die erweiterte Notbetreuung. Seit Montag werden nach Angaben der Stadt 112 Kinder in den Kitas notbetreut – bei knapp 2700 Kita-Plätzen in Friedrichshafen. Als Nächstes wäre der eingeschränkte Regelbetrieb dran, dann der vollständige Regelbetrieb. Jeweils im Abstand von zwei Wochen soll vor dem nächsten Schritt das Infektionsgeschehen bewertet werden. Damit gebe man den Eltern „eine klare Perspektive“, erklärte Sozialminister Manne Lucha (Grüne).

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Für Nicole Dathe reicht das längst nicht. „Es gibt keine schlüssige Begründung mehr dafür, die Kitas nicht wieder zu öffnen“, sagt sie. Andere Länder wie Schweden oder Dänemark machen es vor. Die junge Mutter verweist auf einen Beitrag der Ludwig Maximilians Universität (LMU) München im „Ärzteblatt“ zum aktuellen Stand der Wissenschaft, wonach Kinder – anders als bei der Grippe – eben keine Virenschleudern seien. „Nach derzeitigem Wissen scheinen Kinder nicht wesentlich an der Übertragung von SARS-CoV-2 beteiligt zu sein. Deshalb tragen die flächendeckende Schließung von Schulen, Kindergärten und Kinderkrippen sicherlich weniger als erwartet zur Eindämmung der Pandemie bei“, so die zentrale Aussage der LMU, die vom Robert-Koch-Institut aktuell geteilt wird.

Flickenteppich an Regelungen

Dazu kommt ein bundesweiter Flickenteppich an Regelungen in der Notbetreuung. Selbst bei den Nachbarn in Bayern reicht seit Ende April aus, wenn nur ein Elternteil in einem systemrelevanten Beruf tätig ist, um sein Kind in die Notbetreuung zu schicken. In Hamburg dürfen inzwischen alle Eltern ihr Kind bringen, die auf eine Betreuung angewiesen sind – egal aus welchen Gründen. Am Montag drohte Nordrhein-Westfalen sogar damit, im Alleingang die Kitas zu öffnen, wenn sich die anderen Bundesländer nicht jetzt auf eine gemeinsame Regelung einigen können. Nur in Baden-Württemberg müssen beide Eltern arbeiten – entweder in systemrelevanten Berufen oder präsenzpflichtig im Betrieb. Darauf Anspruch haben offensichtlich nur wenige.

Infektionsketten in Kitas besser zu kontrollieren als auf Spielplätzen

Dass seit heute die Spielplätze wieder offen sind, ist für Nicole Dathe längst überfällig. „Logisch ist das aber nicht, wenn man Infektionsketten nachvollziehen will“, sagt sie. Das sei in Kitas doch viel einfacher. Und die Entscheidung liege bei den Eltern, die nach außen zudem als Virus-Schutzschild für ihre Kinder wirken. „Niemand muss seine Kinder in die Kita geben, aber alle dürfen“, wünscht sie sich.