Friedensarbeit beginnt für Claus Kittsteiner nicht mit einer Demonstration für mehr Frieden, sondern mit der Arbeit am Menschen. Ganz unten. Als Initialzündung betrachtet er ein Projekt, gemeinsam mit Entwicklungshelfern in Peru. In den Jahren 1979/80 lernte er in Peru am Titicacasee Kinder kennen, die in der Schule in einer für sie fremden Sprache unterrichtet wurden. „Sie wurden mit dem ihnen völlig fremden Spanisch traktiert, ihr Quechua galt als nichts. Ich litt mit den Kindern.“

„Mauerspechte“ wurden die genannt, die nach dem Fall dem 9. November 1989 in Berlin Betonbrocken aus der der Mauer klopften.
„Mauerspechte“ wurden die genannt, die nach dem Fall dem 9. November 1989 in Berlin Betonbrocken aus der der Mauer klopften. | Bild: Claus Kittsteiner

Zehn Jahre später, 9. November 1989: Kittsteiner arbeitete als Geschichtslehrer an zwei Gymnasien. Doch den Fall der Mauer verschlief er. „Normalerweise ging ich nie vor der Tagesschau ins Bett.“ An jenem Abend aus ihm bis heute unerklärlichen Gründen aber dennoch. Am nächsten Tag ließ er sich nicht zweimal bitten – seine Schüler tauchten eh nicht auf, sondern erlebten Geschichtsunterricht live – da brach er Betonbrocken aus der Berliner Mauer.

Von der Freude über den Fall der Mauer zur Hilfe für Benachteiligte

Als er an Weihnachten 1989 von Berlin mit dem Auto an den Bodensee fuhr, kam ihm die Idee, die Mauerstücke nicht einfach an Freunde zu verschenken, sondern sie auf der Hofstatt in Überlingen zu verkaufen. Im Auto hörte er eine Bericht über den Sturz des rumänischen Diktators Ceaucesku, und in welch schlimmem Elend Heimkinder in Rumänien vorgefunden wurden. „Das hat mich sehr berührt.“

Erfolgreiche Aktion 1989 zwischen Berliner Mauer und Überlinger Hofstatt

Kittsteiner erinnert sich: „Noch während der nächtlichen Fahrt hatte ich die Idee, von einer Raststätte unterwegs den SÜDKURIER anzurufen und zu fragen, wie sie es fänden, wenn ich meine Mauersteine auf der Hofstatt in Überlingen zu Spendengeldern für diese armen Kinder mache, statt sie nur an Freunde zu verschenken, wie ursprünglich geplant.“ Wie sich dem Zeitungsarchiv entnehmen lässt, zahlten die Überlinger eine D-Mark für ein Gramm Steine zu. Kittsteiner: „Nach drei Stunden auf der Hofstatt waren 1760 Mark in der Caritas-Spendenkasse.“

Auch Claus Kittsteiner werkelte nach dem Fall der Mauer mit Hammer und Meißel an der Trennwand zwischen Ost und West.
Auch Claus Kittsteiner werkelte nach dem Fall der Mauer mit Hammer und Meißel an der Trennwand zwischen Ost und West. | Bild: Claus Kittsteiner

Von Kittsteiner wird hier am Bodensee wohl noch öfter zu hören oder zu lesen sein. Er war jahrzehntelang politisch aktiv und hat auch nicht vor, im Ruhestand seine Hände in den Schoß zu legen.

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Kittsteiner berichtet, dass er in Berlin zeitweise in einer Wohngemeinschaft lebte mit Gretchen Dutschke-Klotz (der Frau des linken Studentenführers Rudi Dutschke) und mit Hilde Schramm, der Tochter von NS-Architekt Albert Speer. Man könnte von einer WG für den Frieden sprechen. „Mit Hilde Schramm habe ich in ihrer Berliner Hauswohngemeinschaft von 1972 bis 2012 zusammengelebt, Gretchen wohnte zwei Jahre, 2009 bis 2010, bei uns. Das Haus hatte nichts mit Albert Speer zu tun, was manche meinen.“

Mit zu seinen größten politischen Erfolgen zählt Kittsteiner die Aktion „Berliner Wassertisch“, mit der er ein Volksbegehren erzwang, das 2001 die Privatisierung der Berliner Wasserversorgung stoppte. 666 000 Berliner hätten für den von ihm vorbereiteten Gesetzestext gestimmt. Das Beispiel zeige, dass im bestehenden System aus kleinen Initiativen große Veränderungen entstehen könnten. Dabei sei nicht einmal ein Parteibuch nötig gewesen. „Ich wollte immer unabhänbgig handeln, deshalb war ich nie in einer Partei. Es wird ja so gerne mit Abstempelungen hantiert.“

Doch beließ es Kittsteiner nie nur bei politischen Aktionen. Er folge dem Motto Erich Kästners: „Es gibt nichts Gutes. Außer man tut es!“

Hilfsaktion im Flüchtlingslager Moria

Im Februar dieses Jahres verteilte Kittsteiner mit eigenen Händen im Lager Moria auf Lesbos Zelte an unbegleitete Kinder und Jugendliche, die dort nach seiner Beobachtung teils völlig ungeschützt leben mussten. Nun, nach dem Brand, beschreibt er die Situation als „unverändert schrecklich“, mit Spendenaktionen versuche er, Familien mit ihren meist kranken Kindern zu unterstützen. Kittsteiner: „Die Familien werden im bevorstehenden nasskalten und stürmischem Inselwinter trotz ihrer neuen Zelte ohne Böden und ohne Heizung und Hygiene genau so leiden, wie ich es im bisherigen Moriacamp in den vergangenen fünf Jahren selbst mitbekommen habe. Umso ärgerlicher ist die schulterzuckende Haltung unserer christlichen Mitmenschen hier.“

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Die Bereitschaft, vom Wohlstand etwas abzugeben

Das Wort „christlich“ setzt Kittsteiner in diesem Zusammenhang in Anführungszeichen, weil er es für eine Schande hält, wie unreflektiert der Wohlstand hierzulande angenommen wird und globale Zusammenhänge ausgeblendet werden. „Wir leben auf Kosten der armen Bevölkerung und wundern uns dann, wenn sie hier herkommen.“ Als Beispiel nennt er den Preis für Hühnerfleisch in Simbabwe. Einerseits werde die Tierzucht vor Ort mit Entwicklungsgeldern gefördert, andererseits der Export von billigem Fleisch nach Afrika subventioniert, mit der Folge, dass das dort produzierte Fleisch teurer ist, der Bauer seine Existenz verliert und sich dann auf den Weg nach Europa macht. Auf Lesbos angekommen, werden die Flüchtlinge unter erbärmlichen Zuständen auf engstem Raum eingepfercht. Kittsteiner: „Man stelle sich vor, 12.000 Überlinger würden auf die Insel Mainau gesperrt, das entspricht dem Größenverhältnis, ohne Gesunheitsversorgung, ohne Wasser, rechtlos, hinter Stacheldraht. Was würden die Überlinger sagen?“

Als Historiker in größeren Zeiträumen denken

Kittsteiner verurteilt die Rüstungsindustrie am Bodensee, deren Produkte Ursache für Vertreibung und Flucht verantwortlich seien. „Ich kann nicht Waffen bauen und sagen, das habe nichts mit Krieg zu tun.“

Er distanziert sich von den Querdenkern

Der Historiker denkt schon immer quer. Umso mehr regt er sich darüber auf, wenn heute die so genannten Querdenker den Friedensbegriff auf ihre Fahnen schreiben. „Keiner behauptet, dass Politiker alles richtig machen – aber deshalb das ganze parlamentarische System infrage zu stellen, ist für mich als Historiker inakzeptabel.“ Sie sollten doch bitte mal die Frage beantworten, wie sie, wenn sie den Regierungsauftrag hätten, zugunsten Aller entscheiden würden. „Verantwortungsbewusst“, wie Kittsteiner betont. Nach seiner ganz persönlichen Meinung gefragt, sagte er, dass er in den Querdenkern „eine krude Mischung aus verschiedenen Egoismen“ erkenne, ergänzt durch Rechtsradikale und Verschwörungstheoretiker.

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Als Jemand, der mit den schlimmen Folgen des bewusst geschürten Unfriedens in Teilen der Welt und den daraus entstehenden Flüchtlingsschicksalen zu tun hat, sei er der persönlichen Ansicht, dass das Wort „Frieden“ in seiner Bedeutung zu ernsthaft und politisch zu wichtig ist, „als dass man es kritiklos einem Menschenketten-Initiator überlassen sollte, der nach eigenen Worten vor allem anderen den Eintrag ins Guiness Buch der Rekorde für die Länge von Menschenketten anstrebt“. Kittsteiner: „Dieses lapidare Guiness-Spiel lässt sich ohne Zweifel für jedermann mit mancherlei Reizworten betreiben. Warum aber ausgerechnet mit dem kostbaren Wort ‚Frieden‘?“

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Kittsteiner ist Mitglied beim gloabalisierungskritischen Forum Attac. Wenn er von „d e m Kapital“ spricht, gewinnt man den Eindruck, dass auch er nicht frei ist von der Sorge vor unkontrollierbaren Weltmächten. Kittsteiner selbst macht da für sich aber einen feinen Unterschied: „Ich unterscheide zwischen produktivem Großkapital und dem losgelösten Finanzkapital, das macht was es will. Um das zu kritisieren, brauche ich kein Querdenker zu sein.“ Attac versuche dahinter zu kommen, wie was läuft. „Doch die Querdenker haben ihre Deutung schon bereit. Die Verschwörungstheoretiker warten nur darauf, dass sie von den Querdenkern abgeholt werden – und nichts wird von ihnen zu Ende gedacht.“

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